Mitbestimmung im Job "Ich verdiene 6000 Euro, für einen Geschäftsführer eher wenig"

In einer Hamburger Agentur entscheiden die Mitarbeiter selbst, wann sie arbeiten, wie viel Urlaub sie nehmen - und wie viel sie verdienen.

Interview von Juliane von Wedemeyer

Die Mitarbeiter der Hamburger Kommunikationsagentur Elbdudler bestimmen selbst, wann sie arbeiten, wie viel Urlaub sie nehmen - und sogar, wie viel sie verdienen. Gründer und Geschäftsführer Julian Vester erklärt, wie das funktioniert.

SZ: Vor sechs Jahren, als Ihr Unternehmen startete, verdienten alle Mitarbeiter das Gleiche. Warum haben Sie das geändert?

Julian Vester: Ein Einheitsgehalt ist nicht unbedingt gerecht. Aber damals waren wir 13 Leute, alle frisch von der Uni. Irgendwann brauchten wir erfahrene Programmierer - und die verdienen auf dem freien Markt einfach mehr. Als dann die ersten nach Gehaltserhöhungen fragten, war klar, dass wir es anders machen müssen. Ich wollte nicht über den Lohn von jemanden entscheiden, dessen Leistung ich gar nicht richtig einschätzen kann, weil ich nicht direkt mit ihm arbeite.

Seit 2013 bestimmen Ihre Mitarbeiter ihr Gehalt selbst. Wie funktioniert das?

Im Intranet gibt es eine Liste, in der alle Gehälter stehen. Daneben kann jeder sein Wunschgehalt eintragen. Allerdings muss er dafür vier Fragen beantworten: Erstens: Was will ich? Zweitens: Was kriege ich auf dem freien Markt? Drittens: Was verdienen meine Kollegen? Viertens: Was kann sich das Unternehmen leisten?

Und aus den Antworten entstehen realistische Gehaltswünsche?

Ja, aber es war ein Prozess bis dahin. Am Anfang haben wir gesagt: So, schreibt mal euer Wunschgehalt auf! Und dann haben wir gesehen: Wir können uns das gar nicht leisten. Darum haben wir Zwischenschritte eingebaut - eben diese vier Fragen und ein Peer-Review-System. Wer eine Gehaltserhöhung wünscht, muss das von zwei bis fünf Leuten aus seinem Arbeitsumfeld absegnen lassen. Danach wird es im Plenum besprochen.

Gehalt ist keine Frage der Gerechtigkeit

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Sie haben jetzt um die 50 Mitarbeiter. Stimmen alle darüber ab?

Einmal im Monat gibt es ein Meta-Meeting - wir besprechen nichts Operatives, sondern informieren unsere Mitarbeiter über die Finanzen und eben die Gehaltsänderungswünsche. Abgestimmt wird nicht, allerdings hat jeder ein Vetorecht. Wenn jemand ein Problem hat, muss er es sagen. Das ist nicht immer angenehm, aber wir wollen ja Diskussionen.

Nicht jeder möchte sich vor seinen Kollegen zum Thema Gehalt äußern.

Ehrlich gesagt überarbeiten wir das System auch gerade. Menschen sind eben Menschen, und für einige ist es schwierig, zu verhandeln. Darum überlegen wir, das Gehalt über Faktoren zu steuern. Wie eine Tariftabelle mit einem Grundgehalt in jeder Berufsgruppe plus mehrstufige Aufschläge für die Berufserfahrung und das jeweilige Kompetenz-Level.

Die öffentlichen Diskussionen fallen dann weg?

Nur die über das Gehalt. Im Kollektiv würde dann über die Kompetenz-Level diskutiert. Vielleicht ist das ein Rückschritt, aber ein System muss ja auch machbar sein, und die Mitarbeiter müssen sich dabei wohlfühlen.

Gibt es für Ihr System andere Grenzen, die Unternehmensgröße zum Beispiel?

Bei tausend Mitarbeitern würde man kein Plenum mit allen machen. So ein Unternehmen bestünde ja aus Organisationseinheiten. Es würde dann in jeder Abteilung eine Konferenz geben.

Würden Sie Ihr System anderen Unternehmen empfehlen?

Nein. Ein Rezept gibt es nicht. Wir haben ja selbst lange nach einem Modell gesucht, wie wir Mitarbeiter bezahlen. Das sind alles logische Konsequenzen daraus, wie wir arbeiten. Und bei uns ist eben alles transparent.

Den Mut dazu haben die wenigsten.

Die Mitarbeiter brauchen die Daten ja, um sich zu bewerten. Und es hat auch mit unserem Grundwert zu tun - Respekt. Wenn ich denke, dass ich mündige Mitarbeiter habe, kann ich nicht sagen: So, seid um acht da! Es gäbe nur zwei Gründe, ihnen die Zahlen nicht zu zeigen: Entweder ich halte sie für Idioten oder ich haue mir unberechtigt die Taschen voll. Beides tue ich nicht. Ich verdiene 6000 Euro, für einen Geschäftsführer tatsächlich eher wenig. Meine Mitarbeiter sagen mir öfter, dass ich mein Gehalt erhöhen sollte.