Mitarbeiter im Machtvakuum: Was tun, wenn sich der Vorgesetzte vor der Führungsverantwortung drückt?
Er hat es wieder getan. Nichts hat er getan. Das Meeting nicht strukturiert, keine Zielvorstellungen formuliert und keine Gesprächsergebnisse zusammengefasst. Es gab ja auch keine. Wie immer haben alle durcheinander geredet. Eine ergebnisorientierte Diskussion - was ist das? Klar formulierte Arbeitsanweisungen - wozu? Die Mitarbeiter sind entnervt: Ihr Vorgesetzter, Abteilungsleiter in einem mittelständischen IT-Unternehmen in Stuttgart, drückt sich schon wieder davor, irgendetwas zu entscheiden.
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Es gibt Chefs, die ihre Daseinsberechtigung nur daraus ziehen, dass sie auf einem Sessel sitzen, der Chefsessel heißt. Und den brauchen sie nötiger als alles andere an ihrem Arbeitsplatz: zum Aussitzen. Da können sie sich gemütlich bei einem entspannten Tässchen Tee ihrer Führungsverantwortung entziehen. Die Mitarbeiter werden's schon richten. Denn in ihrer Abteilung herrscht das Prinzip des Laissez-faire, verkauft als demokratischer Führungsstil. Da spielt sich unproduktives Palavern als Brainstorming auf. Da stopfen Sekretärinnen und Praktikanten die Kompetenzlöcher und erfreuen sich ihrer Macht.
Personalentwickler nennen den schwachen Chef schlicht "Würstchentyp". Und hinter diesem Würstchen verbirgt sich fast immer jemand, der Angst vor Macht hat, der die Harmonie liebt und sich in der Rolle des Entscheiders unwohl fühlt - sehr zum Nachteil seiner Mitarbeiter, die nicht wissen, wo der Hase lang läuft.
"Ein Chef kann nun mal kein guter Kumpel sein", sagt die Hamburger Managementtrainerin Dagmar Säger. "Hinter dem Kumpel steckt der Typ Vermeider, der Konflikten aus dem Weg geht und Probleme aussitzt." Der dabei überaus charmant und sympathisch sein kann - bis auf die Situationen, in denen er zu cholerischen Ausbrüchen neigt, nämlich immer dann, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht und sich nicht anders zu helfen weiß, als tobend eine konstruktive Konfliktlösung zu umgehen. Auch autoritäres Verhalten sei nichts anderes als der Versuch, seinem Gegenüber eine ernsthafte Auseinandersetzung zu verweigern, so Dagmar Säger.
Doch bis es so weit kommt, wird der lavierende Vorgesetzte in der Regel andere Ausweichmöglichkeiten finden. "Ein schwacher Chef spricht nicht direkt mit seinem Mitarbeiter, wenn er unzufrieden ist. Statt die Konfrontation zu suchen, zieht er sich zurück und ignoriert ihn", sagt die Managementtrainerin. Das geht im Einzelfall so weit, dass er einen Nährboden für Mobbing schaffe, wenn er etwa - in Abwesenheit des Betroffenen - seine vielleicht durchaus berechtigte Unzufriedenheit im Kollegium herauslässt. Denn raus muss er ja, der Frust.Oder er wartet so lange, bis er Schützenhilfe von ganz oben bekommt mit dem womöglich bitteren Ende, dass ein Mitarbeiter aus heiterem Himmel eine Abmahnung vom Personalchef erhält. Denn sein Boss hat ja nie etwas gesagt, wenn er zu spät kam oder Arbeit liegen geblieben war.
Das Meinungsforschungsinstitut Gallup hat ermittelt, dass die Motivation am Arbeitsplatz ganz entscheidend vom Verhalten des unmittelbaren Vorgesetzten abhängt. Unzufriedene Arbeitnehmer beklagen vor allem, nicht genau zu wissen, was eigentlich von ihnen verlangt wird. Noch demotivierender als ein schlechter Führungsstil wirken lediglich Aufgaben, die vom Mitarbeiter nicht als herausfordernd oder sinnvoll wahrgenommen werden, so Professor Rolf Wunderer, Gründer des Instituts für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen. Als weiteres Motivationshindernis nennt er eine schlechte Arbeitskoordination, etwa durch unproduktive Meetings oder Kompetenzgerangel.
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