Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Arbeitslos per Wahlergebnis

Am Sonntagabend zittern einige Deutsche nicht nur um das Abschneiden ihrer Partei, sondern auch um ihren Job. Das Wahlergebnis entscheidet darüber, welche Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten nächste Woche beim Arbeitsamt einen Termin haben - und wer für weitere vier Jahre angestellt wird.

Von Sarah K. Schmidt

Wenn sie am Sonntagabend gespannt auf die ersten Hochrechnungen und die Auszählung der Wählerstimmen warten, dann geht es für sie um mehr als Politik. Dann geht es um ihren Job. Für die mehr als 4000 Mitarbeiter der Abgeordneten im Bundestag entscheidet sich am Wahlabend, ob sie für weitere vier Jahre einen Arbeitsvertrag haben oder in der kommenden Woche einen Termin beim Arbeitsamt. "Viele sitzen bis drei oder vier Uhr nachts vorm Fernseher und zittern bis auch die einzelnen Stimmkreise ausgezählt sind", sagt Anna Alexandrakis, Mitarbeiterin des SPD-Abgeordneten Ernst Dieter Rossmann.

Auch wenn der Politikbetrieb im Wahlkampf eher als eine gigantische Event- und Personality-Show daherkommt, im Rest der Legislaturperiode ist der Bundestag eine Organisation, die immerhin mehr als 8000 Mitarbeiter beschäftigt. "Das lässt sich durchaus mit einem Unternehmen vergleichen", sagt Felix Brodbeck, Professor für Organisationspsychologie. Das Großunternehmen Bundestag beschäftigt allein in der Verwaltung knapp 3000 Personen, tausend weitere sind bei den Fraktionen fest angestellt. Bleibt die Gruppe der Abgeordneten-Mitarbeiter, deren berufliches Schicksal in den Händen der Wähler liegt. 4371 von ihnen weist der Haushalt für 2011 aus. Knapp die Hälfte hat den Arbeitsplatz in Berlin. Der Rest hält im Wahlkreisbüro vor Ort die Stellung.

Das Backoffice der Politik

Sie schreiben Reden, beantworten E-Mails und Telefonanrufe, arbeiten sich in Sachthemen ein, briefen ihren Abgeordneten für Meetings und Interviews und managen den Wahlkampf: Kurz gesagt, die Mitarbeiter sind das Backoffice der Politik. "Das sind Leute, die überzeugt sind, von dem was sie tun. Viele sind schon lange in der Parteiarbeit dabei, denen ist bewusst, worauf sie sich einlassen", ist Organisationspsychologe Brodbeck überzeugt.

Das ist vermutlich die Erklärung dafür, warum sich zumeist gut ausgebildete Akademiker auf derart prekäre Arbeitsbedingungen einlassen. Denn ihren befristeten Vertrag schließen sie direkt mit ihrem Chef, mit ihrer Chefin, also dem Mitglied des Bundestages, für das sie arbeiten. 15.800 Euro brutto hat jeder Abgeordnete monatlich insgesamt für Mitarbeiter zur Verfügung, im Schnitt beschäftigt jeder von ihnen sieben Mitarbeiter in Teil- oder Vollzeit. Jede Wahl entscheidet neu über die Weiterbeschäftigung und auch wenn ein Abgeordneter vorzeitig aus dem Bundestag ausscheidet, droht dessen Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit.

"Das ist natürlich eine enorme Unsicherheit. Aber wir haben gelernt, damit umzugehen", sagt Anna Alexandrakis. Zum Teil wisse man schon vor der Wahl, dass man den Job verliert, zum Beispiel, weil der Abgeordnete nicht wieder antritt. Wieder andere, wie auch sie selbst, seien "zu 99 Prozent" sicher, dass sie weiterbeschäftigt werden, weil der Chef einen aussichtsreichen Listenplatz belegt. "Und klar, manche zittern bis zum finalen Stimmkreisergebnis", sagt Alexandrakis. Sie selbst blickt dem Sonntagabend entspannt entgegen, ihr Arbeitgeber, Ernst Dieter Rossmann, steht auf Platz eins der Landesliste in Schleswig-Holstein. Doch auch Alexandrakis kennt die Unsicherheit - zuvor hat sie für einen anderen Abgeordneten gearbeitet, der abgewählt wurde.

Bisher haben die Mitarbeiter keine Vertretung mit Mitbestimmungsrechten

Als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für SPD-Mitarbeiter setzt sie sich dafür ein, die berufliche Situation ihrer Kolleginnen und Kollegen zu verbessern. "Wir haben zum Beispiel eine Jobbörse. So können wir Mitarbeiter, die ihren Job verlieren, direkt an neu gewählte Abgeordnete vermitteln. Schließlich sind das gute Leute, die helfen können in der neuen Umgebung, das Büro aufzubauen", erklärt Alexandrakis. Auch parteiübergreifend setzt sie sich für die Belange der Mitarbeiter ein. Seit 2009 gibt es den Mitarbeiterbeirat - ein Gremium, das jedoch keinerlei formale Mitbestimmungsrechte hat.

"Vor der Sommerpause haben wir eine Beschäftigtenvertretung gefordert", so Alexandrakis. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes bestätigt, dass dies ein sinnvoller Schritt ist- doch die Mitarbeiterkommission im Ältestenrat, die Seitens der Abgeordneten für die Belange der Beschäftigten zuständig ist, hat dies schweigend abgelehnt. "Das hat uns schon sehr enttäuscht", sagt Alexandrakis. "In sämtlichen Wahlprogrammen versprechen die Parteien sich für Arbeitnehmer einzusetzen. Und im eigenen Haus wird dies konsequent verweigert."

2009 verlief die Wahl besonders für die SPD herbe - 11,2 Prozentpunkte verlor die Partei. Von 221 Sitzen musste sie 75 abgeben. 75 Abgeordnete, die jeweils Teams mit mehreren Personen beschäftigten. "Das war schon katastrophal", erinnert sich Alexandrakis an Kollegen, die zwischen Umzugskisten und Aktenordnern ihre Büros räumen mussten. Die Abgeordneten selbst behalten während einer Legislaturperiode ein Rückkehrrecht für ihren Arbeitsplatz, sie fallen nach einer Wahlniederlage deutlich weicher als ihr Team.

Zum Teil kamen damals einige ehemalige SPD-Mitarbeiter bei Abgeordneten von Grünen und Linkspartei unter, doch im Normalfall wird die Fraktion nicht gewechselt: "Das ist schon ein Job, in dem man sich voll reinhängt und den man aus Überzeugung macht", sagt Alexandrakis. Komplett das politische Lager wechseln kommt daher nicht in Frage.

Dieses Mal drohen der FDP bittere Verluste

Was vor vier Jahren die SPD getroffen hat, droht an diesem Sonntag der FDP: bittere Verluste. Die Wahlprognosen sehen die Liberalen bei etwas mehr als fünf Prozent. Beim letzten Mal kamen sie auf 14,6. Das würde für fast zwei Drittel der 93 FDP-Abgeordneten und ihre Teams bedeuten, Ende Oktober die Büros zu räumen. Gelingt es der Partei nicht, die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken, bedeutet das für 616 Mitarbeiter eine berufliche Neuorientierung.

Doch es gehört zum Jobprofil des Abgeordneten-Mitarbeiters, bis zum letzten Moment zu kämpfen und zu hoffen. Jetzt schon nach einer neuen Alternative zu schauen, eine Zukunft außerhalb des Bundestags zu planen, kommt - zumindest öffentlich- nicht in Frage. Bei der FDP heißt es denn auch: "Wir werden uns zu diesem Thema erst nach der Wahl am Montag äußern."

Hausbesuch von der Arbeitsagentur

Bei der Arbeitsagentur Belin-Mitte ist man unabhängig vom Wahlausgang vorbereitet: "Wir haben bereits im Vorfeld zwei Informationsveranstaltungen im Bundestag abgehalten und den Mitarbeitern das Prozedere und die Fristen erklärt", sagt ein Sprecher. Wer am Montag weiß, dass er seinen Job verliert und seinen Wohnsitz in Berlin hat, der kann ein weiteres Angebot nutzen: "In der kommenden Woche bieten wir mit unseren Mitarbeitern einen Termin vor Ort im Bundestag an. So ähnlich wie wir das auch bei Unternehmensinsolvenzen wie im Fall Quelle oder Philipp Holzmann tun."

Einen weiteren Hausbesuch machen die Mitarbeiter der Arbeitsagentur Ende Oktober: "Dann hat sich die Lage vor Ort sondiert, weitere Personen wissen, ob sie vielleicht bei einem anderen Abgeordneten unterkommen oder ob sie sich doch noch arbeitssuchend melden müssen", so der Sprecher.

Wer nicht ins Team eines anderen Bundestagsabgeordneten übernommen wird, der wechselt zu NGOs oder Lobbygruppen, startet seine eigene politische Karriere oder macht sich mit Politikberatung selbständig. "Viele sind Akademiker, meist gut vernetzt", so die Einschätzung der Arbeitsagentur. Doch das Problem bleibt: Auf einen Schlag werden in Berlin zig Leute mit demselben Berufsprofil arbeitslos. Und voraussichtlich in vier Jahren zum Ablauf ihres Arbeitsvertrags, bangen wieder Hunderte um ihren Job.