Von Julia Bönisch

Chefs hängen dem Irrglauben an, waghalsige gemeinsame Abenteuer seien gut fürs Klima im Büro - doch sie irren sich.

230 Tage im Jahr - abzüglich des Urlaubs - muss der deutsche Durchschnittsangestellte arbeiten. An 229 davon läuft alles vollkommen normal: um acht Uhr Einstempeln, Computer hochfahren, Kaffee holen, E-Mails checken, ein paar Akten durcharbeiten, um 17 Uhr wieder ausstempeln.

SWAT, afp

Die Kollegen beim Sondereinsatz: Die Belegschaft muss raus aus dem Anzug und rein in die kugelsichere Weste. (© Foto: afp)

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Am 230. Tag aber herrscht der Ausnahmezustand: Der Betriebsausflug steht an.

Abertausende von Coaches, die sich auf dem unübersichtlichen Beratermarkt tummeln, verdienen damit ihr Geld: Äußerst erfolgreich reden sie Vorgesetzten und Abteilungsleitern ein, es sei tatsächlich gut fürs Teambuilding, sich mit Kollegen in Hochseilgärten zwölf Meter über der Erde von Seil zu Seil hangeln, auf Bullen zu reiten oder durch eine reißende Strömung zu paddeln.

Lieber Bleistifte spitzen

Je absurder die Veranstaltung, je lächerlicher die Mitarbeiter sich auf dem Betriebsausflug machen, desto besser. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Unternehmungen noch einer gemütlichen Kaffeefahrt glichen. Dabei würde der Kollege lieber mit einer Heizdecke nach Hause gehen als mit einem Knochenbruch.

Doch dem Firmen-Event kann keiner entkommen. Wer sich ausklinkt, gilt als spaßbremsender Spielverderber, der lieber Bleistifte spitzt als endlich mal ein Abenteuer zu erleben. Also zwängen sich die Kollegen in einen orange-braun bestuhlten Doppeldecker, bis ein missgelaunter Fahrer die Busladung an der nächstgelegenen Waldlichtung rausschmeißt.

Alles für die Gruppe

Dort wartet bereits eine hagere Waldorfpädagogin, deren Aufgabe für die nächsten acht Stunden darin besteht, den nicht vorhandenen Teamgeist der Gruppe zu wecken und überhaupt ganz kommunikationsfördernd zu wirken: "So, und jetzt stellen wir uns alle mal im Kreis auf und fassen uns an den Händen."

So nah wollte man seinen Kollegen eigentlich nie kommen, doch die schweißnassen, teigigen Finger von Herrn Müller, den man am Ende des Tages Manfred nennen wird, sind erst der Anfang. Die Distanz, die man sich im Büro mühevoll mit geschlossenen Türen, Bücherregalen und Aktenstapeln als Sichtschutz erkämpft hat, ist vollends dahin, wenn er einen über den Graben hievt, damit die Gruppe das Spiel nicht verliert.

Auf der nächsten Seite: Was der "Blumenkohl à la Marlies" mit einer Geiselnahme zu tun hat.

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