Von Carsten Matthäus

Wie bringt man mit warmem Sekt in der Hand und einem Betonlächeln im Gesicht eine Anstands-Viertelstunde hinter sich? Im Bürofeier-Horror ist die Skala der Qualen nach oben offen.

Es ist immer der gleiche Wagen. Ein poliertes, etwas verkratztes Chromgestell, zwei Ebenen, großen Gummirollen. Eigentlich ein unverkennbares Signal dafür, dass Sie sich in einem Wohnheim, einer Seniorenresidenz oder einem Krankenhaus befinden und dass bald Essen und Trinken ausgeteilt wird. Die Gläser sind mehr bruchsicher als schön, das Essen ist mit Frischhaltefolie abgedeckt und die Thermoskannen sind beige (Teewasser) oder braun (Kaffee) mit einem roten Punkt im Deckel.

Anstoßen mit Sekt, ddp

"Lass uns anstoßen": Im Bürofeier-Horror ist die Skala der Qualen nach oben offen. (© Foto: ddp)

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Wird dieser Wagen aber durch einen Bürogang geschoben, dann ist in der Regel noch Sekt dabei - ungekühlt und garantiert halbtrocken. Dies ist dann das untrügliche Zeichen dafür, dass es eine Bürofeier gibt. Wieder einmal. Unausweichlich.

Spätestens ab jetzt suchen Sie fieberhaft nach Ausreden. Es wird nicht lange dauern, dann wird ein Kollege in der Tür stehen und fragen: "Kommst Du nicht?" Er könnte auch sagen: "Bist Du einer von diesen hochnäsigen Vaterlandsverrätern, die sich zum feiern zu schade sind? Praktizierst Du Abstinenz-Mobbing? Willst Du gleich erschossen werden oder kommst Du, JETZT, SOFORT?!"

Jeder fehlende Knopf, jedes überschüssige Nackenhaar wird kommentiert

Sie werden also willenlos, drücken sich mit anderen in das Büro des Kollegen und lassen sich das halbtrockene Gesöff einschenken ("Nicht so viel, ich muss noch fahren!"). Würgen Sie nun auf gar keinen Fall das Gebräu in einem Zug herunter! So schnell können Sie gar nicht schauen, schon steht ein lächelnder Kollege mit "Nachschub" vor Ihnen - er hat ja inmitten des peinlichen Szenarios auch nichts Besseres zu tun. Sie bleiben also mit Ihrer warm werden Plörre in dem stickigen Raum stehen, lassen Ihr schönstes Betonlächeln hart werden und warten sich durch die obligatorische Anstands-Viertelstunde. So sehr haben Sie sich schon lange nicht mehr auf ihren eigenen Schreibtisch gefreut.

Um wenigstens irgendwas zu tun, holen Sie sich nun etwas zum Essen. Logistisch wird es ab diesem Moment richtig kompliziert: Der an die Wand gepresste Kollegenkreis wartet nur darauf, die Lücke hinter Ihnen zu schließen und Ihnen den Rückweg zu versperren. Der Effekt: Sie stehen mitten im Raum und jede Ihrer Bewegungen, jeder fehlende Knopf, jedes überschüssige Nackenhaar wird in den Ganggesprächen der nächsten Wochen kommentiert.

Auf der nächsten Seite die nächste schwere Prüfung: Wie balanciert man gleichzeitig Sektglas und Teller und löffelt dazu Nudelsalat?

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