Was tun, wenn einem der Kollege das Du anbietet, obwohl man mit dem Sie bisher ganz zufrieden war? Wie und ob man ein solches Angebot ausschlägt, ist eine Frage der Persönlichkeit.
Am Wochenende ist Duz-Zeit: beim Shoppen im Sportgeschäft, im Samstags-Gedränge bei Ikea oder im Supermarkt. An der Gemüsetheke wird man ohnehin selten persönlich angesprochen. Nur ab und zu schallt es durch den Lautsprecher: "Frau Maier, kommst du mal?". Sonntags im Café kommt der Kellner mit einem "Was darf's denn sein?" ebenfalls um die Du-oder-Sie-Entscheidung herum.
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Wenn man nicht das Glück hat, bei einem Unternehmen beschäftigt zu sein, wo sich grundsätzlich (fast) alle duzen, ist der Spaß am Montagmorgen vorbei. Kaum hat man die Schwelle zum Büro überschritten, beginnt das Territorium der Siezer. Wer zum Beispiel im Management einer Bank, einer Versicherung oder eines Automobilkonzerns arbeitet, muss die Kollegen jede Woche aufs Neue mit "Guten Morgen, Frau Müller, Guten Tag, Herr Meier" begrüßen.
Fast immer gibt es einen informellen Code, der mühsam gelernt werden muss: Grundsätzlich wird erst mal jeder gesiezt, später werden einige geduzt - aber wer? - und noch später nimmt einen vielleicht der Chef in die Riege derjenigen auf, die ihn mit seinem Vornamen anreden dürfen.
Die Genossen sind per Du
Selig die, denen sich solche Probleme erst gar nicht stellen. Mitarbeiter der katholischen Kirche zum Beispiel. Deren Oberhaupt hat überhaupt keinen Nachnamen mehr, seit seiner Wahl heißt er einfach nur noch Benedikt. Oder Holländer: Die duzen prinzipiell, auch den CEO. Kuschelig ist auch die SPD, Genossen sind ebenfalls per Du.
Im deutschen Geschäftsleben allerdings gilt vielerorts immer noch das Sie. Um zum Du zu gelangen, gilt es ein paar Regeln zu beachten. Der Ranghöhere muss es dem Rangniederen anbieten, und wenn man angeduzt wird, darf man zurück duzen.
Doch was ist, wenn der ungeliebte Kollege von nebenan bei der Betriebsfeier plötzlich das Du anbietet? "Hallo, ich bin der Rainer." Darf man ein solches Angebot ausschlagen, und wenn ja, wie? "Vielen Dank, aber 'Herr Huber' gefällt mir auch ganz gut", oder "Alles klar, Rainer, aber ich wäre gern weiterhin Herr Schmidt".
In der Ratgeberliteratur zum freundlichen Umgang mit Kollegen kommen solche Sätze nicht unbedingt vor. Wenn man ein Du schon ablehnen will, dann muss man es den zahlreichen Autoren zufolge schon so elegant und verschraubt tun, dass es dem Gegenüber die Sprache verschlägt.
"Herzlichen Dank. Es ist eine Ehre, dass Sie unser Verhältnis als so vertrauenswürdig einstufen. Ich bin allerdings ein Mensch, der im Geschäftlichen generell lieber beim Sie bleibt. Ich hoffe, diese Marotte von mir ändert nichts an unserem freundschaftlichen Verhältnis", wäre etwa eine Möglichkeit. Nur: Wer hat schon solch einen Satz spontan parat? Ausschließlich Autoren von Büro-Ratgeberliteratur vermutlich.
Beliebte Mischvariante: Vorname kombiniert mit Sie
Der konfliktscheue Typ dagegen wird das Angebot dankend und mit einem schiefen Lächeln annehmen. Im weiteren Verlauf der Geschäftsbeziehung führt das allerdings zu den interessantesten sprachlichen Verrenkungen. "Kann ich mal bitte den Ordner haben?", statt "Rainer, gibst du mir mal bitte den Ordner?". Im Zweifel fühlt sich bei solchen Äußerungen niemand angesprochen, so dass man ewig auf den Ordner wartet.
Beliebt ist auch die Mischvariante - der Vorname kombiniert mit Sie: "Rainer, könnten Sie bitte ..." Das klingt allerdings furchtbar altmodisch: So sprach der Herr zum Knecht. Für manche Büros trifft es die Situation zwischen Chef und Mitarbeiter zwar ziemlich genau, doch zeitgemäß ist anders.
Oder man akzeptiert das Du, siezt aber in Zukunft so oft "aus Versehen", dass Rainer es irgendwann versteht. Nach dem 35. Mal wird er es hoffentlich kapieren.
(sueddeutsche.de/mri)
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Schauen wir doch mal die Lebenspraxis an. In der Schule duzen wir unsere Mitschüler. Auch jene, die beim Abitur schon 22 sind. Und deren Freunde/Freundinnen auch. Selbst wenn sie etwas älter sind und aus einer anderen Stadt kommen.
Gleiches gilt für die Uni. Auch jene Studenten, die zuvor eine andere Ausbildung gemacht haben bzw. berufstätig waren, werden von 20-jährigen Novizen geduzt. Selbst mit Doktoranden, die als Betreuer der frühen Semester fungieren, ist man normalerweise gleich beim "Du". Ausnahmen kenne ich nur von Chemikern und Juristen. Und auf Uni-Festen kann das "Du" sogar jung wirkende Professoren erwischen.
Dass das "Sie" in Szenekneipen ein Fremdwort ist, dürfte bekannt sein. Auch auf Rock- und Open-Air-Konzerten wird i.d.R. nicht gesiezt.
Im Motorradhandel bleibt das "Sie" gewöhlich vor der Tür - außer vielleicht bei BMW. Auf Bikertreffen ist "Du" geradezu Pflicht und selbst bei einem Fahrsicherheitstraining hat der "Fahrlehrer", ein ca. 45-jähriger Hauptkommissar nach zwei Minuten gesagt, "Ich bin der Werner und wir sind hier per "Du", wie unter Motorradfahrern üblich.
Unter Segelfliegern, Windsurfern, Amateurfunkern und hundert anderen sich Hobbies Teilenden ist das "Du" Standard geworden.
Hat schon mal jemand erlebt, wie sich Bauhandwerker, Rockmusiker, Taxifahrer, Globetrotter oder Fussballfans untereinander siezen?
Von holländischen Grenzbeamten wird man mit der gleichen Selbstverständlichkeit geduzt, wie von dänischen Campingplatzbetreibern oder finnischen Verwandten von Bekannten.
Kurz, je nach Alter und Lebensumfeld liegt die "Duzquote" bei über 80 %. Und soll man nun wegen der restlichen 10 - 20% Energie verschwenden und sich aufregen oder ärgern?
Mich kann jeder duzen, ich duze dann zurück. Deshalb ist er noch nicht mein Freund. Letztlich kommt es auf andere Dinge im Leben bzw. bei meinen Mitmenschen an.
Oder seht ihr das anders?
"Der promovierte Wissenschaftler möchte vielleicht nicht von der Putzfrau geduzt werden." Aber vielleicht möchte die Putzfrau auch nicht von dem promovierten Wirtschaftwissenschaftler geduzt werden?
Ich vermute da etwas Dünkel hinter dieser Formulierung. Auch die Formulierung, dass es auf den "Bildungsgrad" ankommt, ist mir suspekt. Trotzdem klar, dass es auf den sozialen Status ankommt: der Metallbearbeiter, der seinen Kollegen mit "Sie" (auch wenn beide als Industriemeister und NC-Dreher einen hohen Bildungsgrad haben) anredet, macht sich lächerlich und unmöglich.
Insgesamt aber finde ich die inflationäre Duzerei schlimmer als lächerlich.
In vielen Betrieben: Alle sind per DU. Und da muss ich jemandem eine Abmahnung in die Persoanlakte schrieben. Das ist in dieser unserer Welt nun manchmal trotz grundsätzlicher Abneigung gegen Abmahnungen nicht zu umgehen. Da soll/muss ich nun jemandem, mit dem ich per DU bin, eine Abmahnung schreiben. Absurder geht es doch nicht. Ist aber in vielen Firmen Alltag.
erstmal kommts einfach darauf an was in der Firma üblich ist.
da interessiert die eigene Meinung (die man vom vorherigen Arbeitgeber mitbringt) nicht.
in der Firma in der ich arbeite wird grundsätzlich geduzt.
das hat Vor- und Nachteile... aber wenn ich alle mit einem Mal sietzen müsste... undenkbar.
meiner Meinung nach wird das Thema aber zu heiß gekocht, auch da wo gesiezt wird entstehen Vertrauensverhältnisse.
Nichts ist peinlicher als dieses Zwangsduzen in (krampfhaft) jugendlich-wirken-wollenden Unternehmen.
Nur weil die Amerikaner kein "Sie" haben, äffen es einige hier nach. Ich bin ja mal gespannt, ob man dann auch die amerikanische Form des "Siezens" einführt ("Sir"), denn das wäre ja nur konsequent.
Auf jeden Fall eine totale Schnapsidee. Duzen bedeutet sich freundschaftlich verbunden sein. Und meine Freunde suche ich mir bitte selbst aus!
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