Von Julia Bönisch

Im Büro streitet sich der Kollege wie im Sandkasten ums Schippchen. Per E-Mail wird er leicht zur Petze - und ruft den Chef zu Hilfe.

Es ist wie früher, als wir noch mit Michael, Thomas und Anne-Kathrin spielten und die Tante Sabine die Oberaufsicht führte. Eine Zeit lang geht alles gut, jeder baut sich friedlich seine Sandburg und tüftelt vor sich hin. Nach einer Viertelstunde aber stellt der Micha fest, dass die Burg vom Thomas höhere Türmchen hat und das Förmchen von der Anne-Kathrin eine hübschere Farbe hat.

Sandkasten, iStock

Wie im Sandkasten: Auch im Büro streiten sich Kollegen so lange, bis einer heult. (© Foto: iStock)

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Dann bewerfen sich die Bälger mit dem Schippchen und beschimpfen sich, bis einer heult. Wenn die Tante Sabine kommt und schlichten will, jault der erste: "Die Anne-Kathrin hat gesagt, ich bin doof." Und weil das längst noch nicht reicht, um die Anne-Kathrin so richtig in die Pfanne zu hauen, wird noch mal nachgelegt: "Und dass du doof bist, hat sie auch gesagt!" Das sitzt.

Keine sachliche Ebene

Dass Erwachsenwerden bedeutet, sich abseits vom Schippchen-Werfen eine ordentliche Diskussionskultur zuzulegen, ist ein Trugschluss. Wer glaubt, studierte Menschen begäben sich im Streit auf eine sachliche Ebene und tauschten gute Argumente aus, liegt völlig falsch. Wie oft hört man schon Gespräche wie dieses: "Danke für diese Idee, aber ich denke, mit dem Ansatz vom Kollegen Müller kommen wir weiter." "Gern geschehen. Ich werde nicht beleidigt sein, dass Sie den Kollegen Müller vorziehen. Wir arbeiten doch alle für das große Ganze."

Nie gehört? Kein Wunder. Viel öfter treffen in Besprechungen Narzissten auf Egomanen, die sich gegenseitig von ihrer Unwiderstehlichkeit überzeugen wollen - so lange, bis es kracht. Nur mit Sand schmeißt keiner mehr, den hat man im Büro nicht so schnell zur Hand. Stattdessen gehen die Kontrahenten mit Argumenten aufeinander los, die oft genauso plump sind wie ein Schlag mit der Schippe. Oder hat jemals ein Satz wie "Wenn Sie die Projektleitung übertragen bekommen, wird Inkompetenz institutionalisiert" dazu geführt, dass sich Missstimmung unter Kollegen in Wohlgefallen aufgelöst hätte?

Da solche Streitereien gern zu ordentlichen Fehden heranwachsen, wird nicht nur im persönlichen Aufeinandertreffen gestritten. Sogar die Vielzahl unnötiger Meetings reicht einfach nicht aus, um dem Anderen all das Ekelhafte an den Kopf zu schleudern, dass einem zu ihm einfällt.

Wie gut, dass es die E-Mail gibt.

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