Detlef Schneidawind, Vorstandsmitglied bei der Münchener Rück, ermutigt seine Mitarbeiter zur Kritik.
(SZ vom 5.4.2003) Detlef Schneidawind studierte Jura und Betriebswirtschaft und begann 1972 als Sachbearbeiter in der Personalabteilung der Münchener Rück. Später war er zehn Jahre lang Leiter des Vorstandssekretariats und übernahm anschließend die Leitung eines Teilbereichs der Lebensrückversicherung. Gleichzeitig studierte er an der Universität Bayreuth und promovierte 1989 in Erwachsenenpädagogik. Seit 1991 ist er Mitglied des Vorstands der Münchener Rück und verantwortet die Lebens- und Krankenrückversicherung sowie Personal.
"Meine Arbeit besteht hauptsächlich aus Reden", sagt Detlef Schneidawind. (© SZ)
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"Meine Arbeit besteht hauptsächlich aus Reden - und insofern ist der Tag heute typisch: Auf der Fahrt ins Büro habe ich wie immer mit meiner Sekretärin, Frau Nagler, telefoniert und die Termine für den Tag besprochen. Sobald ich dann hier bin, kommt in aller Regel meine Assistentin Frau Wittko, übrigens eine hoch qualifizierte Versicherungsmathematikerin, und notiert die fünf, sechs Themen, die für den Tag wichtig sind und zu denen ich Unterlagen brauche.
Etwas bewegen
Normalerweise bin ich um halb neun im Haus - das heißt, wenn ich nicht unterwegs bin, was allerdings etwa 100 Tage im Jahr der Fall ist. Nur heute war ich schon etwas früher da, weil ich einen Termin mit einem Bewerber für eine leitende Position hatte. Um elf wird dann ein Herr aus New York kommen, der Software für den Aufbau von Kapitalmärkten in der dritten Welt entwickelt. Um viertel nach zwölf werde ich die Außenstellenleiter der Lebensgesellschaften der Münchener Rück in Asien - also China, Indien, Korea, Japan und Singapur - zum Essen treffen, um über die Situation in diesen Märkten zu sprechen. Anschließend steht eine dreistündige Vorstandsausschussitzung an. Thema wird die Weiterentwicklung der Strukturveränderung sein, mit der wir vor zwei Jahren im Unternehmen begonnen haben. Das dürfte bis etwa fünf Uhr gehen.
So unterschiedlich meine Vorstandsbereiche auch sind - bei beiden geht es um die Zusammenarbeit mit Menschen. Und das ist etwas, was ich sehr gerne tue. Neue Konzepte mit dem Betriebsrat zu debattieren, finde ich genauso spannend wie Ideen mit den Geschäftsbereichsleitern für unsere Kunden zu entwickeln.
Wie heute habe ich oft eine Runde um mich, und wir diskutieren dann. Gleichberechtigt. Ich lege Wert auf Kritik. Wer nicht kritisiert wird, macht etwas falsch, glaube ich. Denn säßen in den Geschäftsbereichen nicht Leute, die ohne größere Probleme meine Stelle einnehmen könnten, hätte ich die falschen ausgewählt.
Ich mag meine Arbeit. Meistens jedenfalls. Nur nicht, wenn ich mit Papier zugemüllt werde. Oder wenn jemand um einen Fehler oder ein Problem herumredet. Das ärgert mich, vor allem dann, wenn es mir selbst passiert. Dass ich als Vorstand Einfluss habe, also tatsächlich etwas bewegen kann und zu sagen habe - das empfinde ich als positiv, da will ich gar nicht lügen. Aber es hat natürlich auch etwas mit Verantwortung zu tun.
Und ich denke, man sollte als Vorstand immer gesprächsbereit und neugierig sein. Man muss fragen. Man muss lernen wollen. Und sich um Gottes Willen nicht einbilden, dass man sowieso schon alles weiß und dass die Erfahrung ausreicht. Dann kann man auch die Watte, die gelegentlich zwischen Vorstand und Mitarbeitern ist, durchdringen und bekommt einen Eindruck von der Stimmung, die im Unternehmen herrscht.
Nachdenken über die Welt von morgen
Denn die Mitarbeiter sind der Grundstock der Münchener Rück, sie machen das Unternehmen aus. Wir produzieren ja keine Autos, sondern etwas Abstraktes. Wir haben eine Vielzahl verschiedenster Berufe hier - von Medizinern über Mathematiker bis zu Meteorologen.
Alles hoch und höchst qualifizierte Leute, die darüber nachdenken, wie die Welt von morgen aussehen könnte. Sie untersuchen beispielsweise den Einfluss der Genetik auf die Lebens- und Krankenversicherung oder die Erwärmung der Erdatmosphäre auf künftige Schadensentwicklungen.
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich in ihrem Wert geschätzt fühlen und auch so behandelt werden. Nur so wird unser Unternehmen seine Spitzenposition in der Branche auch künftig halten.
Um fünf werde ich mich dann an den Schreibtisch setzen und schauen, was bis dahin passiert ist. Meine Sekretärin und meine Assistentin legen mir alles so hin, dass ich gleich sehe, wo es brennt und was nicht ganz so wichtig ist. Bis tief in die Nacht arbeite ich allerdings nie. Davon halte ich auch nichts. Einfach, weil ich nach zehn oder zwölf Stunden nicht mehr so kreativ bin, wie ich sein sollte."
Aufgezeichnet von Gunthild Kupitz.