Manager-Studie Moralische Instanz mit Mängeln

Gewissensbisse könnten sogar Auswirkungen auf das Entscheidungsverhalten haben, bemerkt Linke. "Das ist ungefähr so, als ob ein Schiedsrichter der Meinung wäre, er hätte den Elfmeter eigentlich gar nicht geben dürfen. So was kann jede weitere Entscheidung beeinflussen." Weiter findet er, dass Führungskräfte ihre Moral- und Wertvorstellungen noch zu selten klar für sich definierten.

Nach dieser Untersuchung setzen sich Führungskräfte aber durchaus mit der Frage nach Verantwortung auseinander: Immerhin behaupteten 44 Prozent der Manager, die ihnen anvertraute Verantwortung ernster zu nehmen als andere. Knapp 95 Prozent gaben sogar an, diese Verpflichtung gerne einzugehen. Dabei scheinen Vorbilder jedoch rar zu sein. Denn, so ein Ergebnis der Befragung, kaum einer konnte ein eigenes Vorbild nennen.

Ohne Leitfiguren gehe es aber kaum, so Stein: "Vorbilder sind heute im Berufsleben immens wichtig. Durch den unmittelbaren Einfluss des Vorgesetzten wird bei Mitarbeitern Motivation, Engagement und Bindung ausgelöst - all das, was in der modernen Personalführung erwünscht ist." Umso gravierender erscheint das Ergebnis, nachdem ein Drittel der Manager durchaus Mängel beim Verhalten des Chefs erkennt.

Doch verzeiht man Vorgesetzten moralisches Fehlverhalten? Kaum, meint Linke. Besonders seit sich der öffentliche Diskurs immer mehr um moralisches Verhalten und Ethik drehe, sei die Fehlertoleranz in Bezug auf Führungskräfte gesunken: "Meine Interpretation ist: Es fehlt der Kompass." Was sind die Maßstäbe, die man an sich selbst und an andere legt? Damit Mitarbeiter Entscheidungen des Vorgesetzten nachvollziehen und respektieren können, müsste ehrlich kommuniziert werden, warum sie getroffen wurden. "Viele Führungskräfte tun dies nicht, weil sie Angst haben, sich angreifbar zu machen", erklärt der Akademie-Geschäftsführer.

Arbeitsrechts-Quiz Was darf der Chef?

Man versuche, sagt Linke, Misserfolge eher zu personalisieren als Erfolge. Während wir uns bei guten Nachrichten automatisch fragten, wie lange dieser positive Zustand anhalte, beginne die Ursachenforschung bei schlechten Nachrichten sofort: "Ursachen macht man dann gerne an Personen fest."

Die Macher der Studie fragten nach der Bindung zum Unternehmen. Dabei kam heraus, dass jeder fünfte Teilnehmer der Umfrage keine starke Identifikation mit dem eigenen Arbeitgeber empfindet. Mehr als jeder Vierte fühlt sich seinem Unternehmen heute weniger verbunden als am Anfang seiner Betriebszugehörigkeit.

Das haben nicht zuletzt die Unternehmen selbst zu verantworten: Das Verhältnis der Führungskraft zur Firma ist offenbar ein Knackpunkt. Laut Stein müssen die Konzerne helfen, Wert- und Moralvorstellungen der Mitarbeiter mit den Unternehmenszielen vereinbar zu machen: "Die Unternehmen dürfen ihre Führungskräfte in dieser Frage nicht alleine lassen".