Von Alexandra Borchardt

Manager, die nur von Assistenten und Vasallen umgeben sind, haben oft den Eindruck, sie könnten die Welt mit einem Fingerschnippen dirigieren. Doch die Firma ist kein Truppenübungsplatz.

Kollegen, rührt euch!", könnte man rufen. Telekom-Chef René Obermann hat das Signal zur Entspannung gegeben. "Blinde Befehlsgläubigkeit darf es nicht geben", sagte der Oberkommandeur des größten deutschen Telefonier-Konzerns vergangene Woche in einem Interview und forderte seine Mitarbeiter auf, bei Fällen wie dem jüngsten Spitzelskandal in seinem Hause doch bitte Courage zu zeigen und auf Ungereimtheiten hinzuweisen.

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Mitarbeiter sind nicht bloss willige Befehlsempfänger. Statt militärischem Drill brauchen sie eher einen Chef, der als positives Vorbild fungiert. (© Foto: ap)

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Nun wissen wir zwar nicht, wie es in einem Unternehmen zugeht, das preußischer Beamtentradition entwachsen ist und von einem Chef gelenkt wird, dessen interner Spitzname ansonsten einen ziemlich bissigen Hund kategorisiert. Aber seien Sie versichert, Herr Obermann, in normalen Firmen läuft alles ganz anders als beim Militär.

Nun gut, das gilt vielleicht nicht für die - wie die Preußen gesagt hätten - Oberste Heeresleitung. Möglich, dass einer, der von Assistenten und Führungskreis-1-Vasallen umgeben ist, den Eindruck hat, man könne die Welt mit einem Fingerschnippen dirigieren.

Aber auf den Ebenen darunter merkt der Vorgesetzte schnell, dass er mit Befehlen ähnlich weit kommt wie zu Hause beim Nachwuchs, wenn es um das Erstellen von Hausaufgaben, Nicht-Schmatzen am Abendbrottisch oder Abschalten von "Germany's next Topmodel" im Fernsehen geht. Sie funktionieren mal, und viel öfter nicht. Und je öfter sie benutzt werden, desto öfter nicht.

Dann entscheidet der Mitarbeiter lieber nach eigenem Ermessen, ob das Erstellen der Vorlage bis exakt 13.30 Uhr den Fortgang seiner Karriere fördert, oder ob sich eine Anweisung auch mal aussitzen lässt. Der kluge Chef hält sich deshalb mit Befehlen zurück. Denn wer befiehlt, muss auch sanktionieren. Und wer andauernd sanktioniert, ist die ihm Anvertrauten schnell los, zumindest ihre Loyalität.

Seismographen statt willige Vollstrecker

Statt willige Vollstrecker sind die meisten Mitarbeiter eher wie Seismographen. Sie reagieren empfindlich auf Schwingungen, jene Signale, die der Chef aussendet. Arbeitet er bis in die Abendstunden? Unterstützt er Teams? Hört er zu? Geht er im Dienst shoppen? Managt seine Sekretärin sein Privatleben? Umgarnt er Kunden mit üppigen Geschenken?

Mitarbeiter merken sich all das. So wie sich Kinder merken, ob Papa beim Essen fünfmal aufspringt oder Mama nach dem Frühstück das Zähneputzen auslässt.

Aus all diesen Bausteinen wird etwas, das man im Berufsalltag Unternehmenskultur nennt und das stärker zieht als jeder Befehl. Er möge doch jetzt ein Soldat sein - so wurde angeblich einmal ein Siemens-Mitarbeiter zum Bestechen aufgefordert. Unnötig. Genügend Kollegen wussten offenbar, wie es geht. Die Karriere-Gesetze der Firma prägen sich am Anschauungsobjekt ein. Der Chef ist der Verhaltenskodex aus Fleisch und Blut.

Freilich, man kann es auch mit Führung à la Feldwebel versuchen. Der heutige Chrysler-Chef Robert Nardelli probierte dies einst als Lenker der amerikanischen Baumarktkette Home Depot, wo er die Leitungsebenen bevorzugt mit Männern und Frauen aus der Truppe bestückte. Bis er hinausflog, weil sein Zahlenregiment die Kunden vergessen hatte.

Airbus-Chef Thomas Enders, Major der Reserve, behauptete kürzlich in einem Interview: "Eine gute militärische Ausbildung ist auch eine gute Voraussetzung für gutes Management." Die Kunden des Großflugzeugs A380 warten nach zahlreichen Lieferverspätungen noch auf den Beweis.

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(SZ vom 16.6.2008/mei)