Bargeld für gute Noten? In der Schweiz streiten Lehrer, Eltern und Bildungsforscher über die richtigen Leistungsanreize für Schüler.
So war es früher: Für eine gute Note gab es ein "Gut"-Kärtchen, und für zehn "Gut"-Kärtchen durften die Streber aus dem Kästchen der Lehrerin eine Postkarte mit Tier-Motiven fischen (besonders begehrt: Tiger und Steinbock). Heute gibt es, zumindest in Wiedlisbach im Schweizer Kanton Bern: Bares. Fünf Franken für eine 4,5 (Zwei bis Drei in Deutschland), acht Franken für eine Fünf (Zwei), zehn Franken für eine 5,5 und zwölf Franken für die Höchstnote Sechs. Das sind fast acht Euro.
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Zeugnis-Jubel: Schüler freuen sich über gute Noten. (© Foto: ddp)
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Es ist nur ein bis Juli befristetes Experiment, das ein privates Fernseh-Magazin an 12- bis 14-Jährigen einer Mittelschulklasse ausführt, Reality-TV also. Aber es erregt die Schweizer Öffentlichkeit wie sonst nur noch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und seine siebte Steueroasen-Kavallerie. Und es hat ein viel beachtetes Vorbild in den USA. In New York und Washington laufen Versuche mit sozial benachteiligten Jugendlichen, die Geld schon für die bloße Anwesenheit in der Schule erhalten. In deutschen Elternforen ist darüber kontrovers diskutiert worden, mit überwiegend ablehnenden Meinungen.
Geld für Noten? Hieß es nicht immer, die Kinder sollten fürs Leben lernen, die Motivation müsse von innen kommen? Pädagogen stehen die Haare zu Berge. "Es kann nicht sein, dass Kinder ihre Leistungen nur noch über materielle Werte definieren", schimpft ein Experte in der Berner Zeitung Bund. Lieber solle man die Schüler mit Zeit belohnen, etwa einen Ausflug mit ihnen machen.
Gratis See-Schiffe fahren
Bayerische Schüler mit Einsern oder Zweiern im Zeugnis dürfen zum Beispiel gratis mit den See-Schiffen fahren. Der Bildungsforscher Erich Ramseier vermisst die fehlende Nachhaltigkeit der Motivation durch Geld: "So dreht sich alles nur um die nächste Prüfung." Und er geißelt den kapitalistischen Geist des Versuchs. "Im Vordergrund steht der kurzfristige materielle Erfolg. Wir sehen in der Finanzkrise, dass ein solches Denken zum Scheitern verurteilt ist."
Die Schweizer TV-Leute hatten lange vergeblich Probanden gesucht. Allein die Wiedlisbacher Lehrerin Sandra Bitzi wollte mitmachen. Die Eltern stimmten schließlich trotz Bedenken zu, vor allem weil ihre Kinder begeistert waren. Mit dem Noten-Geld werde sie sich T-Shirts und DVDs kaufen, sagt Schülerin Célina, Pascal spart auf ein Skateboard.
Der erste Zahltag liegt nun hinter ihnen, 519 Franken schüttete der Sender aus. Martina führt mit 44Franken, in Nicoles Umschlag steckten 40. Alle hätten sich gefreut mit den Guten, berichtet Lehrerin Bitzi. Sie mache sich höchstens Sorgen, dass die Schüler nur noch Mathematik und Englisch büffelten, jene zwei Fächer, in denen es Geld gibt. Den Rest der Schweiz treibt mehr die Enttäuschung der lernwilligen, aber schwachen Kinder um: "Es kann sich ein schwacher Schüler noch so anstrengen, er wird nie einen Franken oder ein Schoggistängeli erhalten", heißt es in einem Leserbrief. "Diejenigen, die sonst schon mühelos lernen, werden zusätzlich belohnt."
Nur die konservative Weltwoche mokiert sich über die Entrüstung. Man werde doch wohl ein Experiment machen dürfen, offenbar gehe manchen die intellektuelle Neugier ab. Oder sie hätten Angst vor dem Ergebnis des Versuchs: "Was wäre, wenn das Geld tatsächlich eine positive Auswirkung auf die Schüler hätte?" Was die Noten betrifft, ist das Resultat noch diffus. In Mathematik stieg der Durchschnitt nach einem Monat von 4,79 auf 5,05. In Englisch aber fiel er von 4,93 auf 4,56.
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(SZ vom 08.04.2009/mri)
Sparpaket
Das wird ganz toll!
Da wartet dann der Mitbürger mit Migrationshintergrund an der Schultür um sein Schutzgeld gleich an Ort und Stelle zu kassieren!
"Ey Alder, wenn Du Morgen keine Eins schreibst, mach isch Disch kaputt, Du Opfer"
Wenn das kein Anreiz zur Leistungssteigerung ist, was dann?
"Was wäre, wenn das Geld tatsächlich eine positive Auswirkung auf die Schüler hätte?" Dann wäre die Angst vor der Hilflosigkeit bei den Erwachsenen wieder kleiner, aber nicht bei den Kindern. Denn so machen wir aus ihnen emotionale Krüppel.
... als Stimulus für Lernmüde, eine merkwürdige Art der Konjunkturförderung an Schulen - dieses Modell hat man vielleicht den USA abgeschaut, wo es schon vor geraumer Zeit in Pilotprojekten erprobt wurde. (Motto: Alles Gute kommt von drüben...). In den USA waren die Ergebnisse sehr bescheiden. Nachdem die Teenager ihre Geldprämien im Konsum umgesetzt hatten (zum Beispiel für eine neue Frisur) und kein neues Geld winkte, stellten sie ihre Anstrengungen ein - mit Ausnahmen natürlich.
...da lernen die lieben Kleinen von Kindesbeinen an worauf es wirklich ankommt im Leben: Kohle! Wir alle wissen ja: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Um ein neoliberales Menschenbild dauerhaft zu verankern, sollte man beizeiten loslegen.
Das Ganze geht mir allerdings noch nicht weit genug. Es sollte auch möglich sein, eine Art "Gruppennote" zu etablieren. Heißt: Die Kinder sollen sich in Gruppen zusammenschließen (3-5 Kinder, je nach Gesamtklassengröße) und die jeweilige Durchschnittsnote dieser Gruppe wird ebenfalls honoriert. Allerdings mit einem gewaltigen finanziellen Gefälle zur nächstbesten Gruppennote (Beispiel: Gruppe 1 bekommt 300 Euro, Gruppe 2 nur 10 Euro).
Damit schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wird der Druck auf die einzelnen innerhalb einer Gruppe erhöht, zum Gesamterfolg der Gruppe sich selbst zu schinden. Zweitens gibt einem der riesige finanzielle Abstand zu den anderen Gruppen das Gefühl zu einer Elite zu gehören. Drittens wird der Ehrgeiz der nachfolgenden Gruppen geweckt, selbst die "Erste" Gruppe zu werden.
Um allerdings zu verhindern, dass auch der Pöbel, dh. die untersten Gruppen ganz nach oben kommen können, sollte es auch möglich sein, sich von dem erwirtschafteten Geld gute Noten kaufen zu können. Sagen wir 200 Euro für eine "1", 150 Euro für eine "2" und so weiter. Das Geld kann wahlweise wenigstens zum Teil auch extern beschafft werden (Eltern, spendable Verwandte etc). Der letzte Punkt sollte den Kindern aber nicht mitgeteilt werden, das können die Eltern ja mit den Lehrern klären.
Damit wird den Kinderlein klar und deutlich vermittelt, dass es in der Welt nicht so ganz gerecht zugeht, allerdings bleibt die Illusion erhalten, man könne es auch aus eigener Kraft schaffen, egal welche Voraussetzungen gegeben sind. Nur so bleibt auch der ewige (motivierende!) Selbstzweifel erhalten, dass man an seinem mangelnden Erfolg selbst Schuld sei und nur eben härter an sich arbeiten müsse, um "nach oben" zu kommen.
Ist auch gut für die Stabilität der Demokratie, bzw. die Staatsräson. Merke: Wer Zeit hat nachzudenken oder sich zu beschweren, arbeitet nicht genug für seinen persönlichen Erfolg.
Klasse, die Schweizer. Frau Merkel, bitte auch für Deutschland übernehmen.
... gibt es auch nur noch gegen Geld