Von Thomas Kirchner

Bargeld für gute Noten? In der Schweiz streiten Lehrer, Eltern und Bildungsforscher über die richtigen Leistungsanreize für Schüler.

So war es früher: Für eine gute Note gab es ein "Gut"-Kärtchen, und für zehn "Gut"-Kärtchen durften die Streber aus dem Kästchen der Lehrerin eine Postkarte mit Tier-Motiven fischen (besonders begehrt: Tiger und Steinbock). Heute gibt es, zumindest in Wiedlisbach im Schweizer Kanton Bern: Bares. Fünf Franken für eine 4,5 (Zwei bis Drei in Deutschland), acht Franken für eine Fünf (Zwei), zehn Franken für eine 5,5 und zwölf Franken für die Höchstnote Sechs. Das sind fast acht Euro.

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Zeugnis-Jubel: Schüler freuen sich über gute Noten. (© Foto: ddp)

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Es ist nur ein bis Juli befristetes Experiment, das ein privates Fernseh-Magazin an 12- bis 14-Jährigen einer Mittelschulklasse ausführt, Reality-TV also. Aber es erregt die Schweizer Öffentlichkeit wie sonst nur noch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und seine siebte Steueroasen-Kavallerie. Und es hat ein viel beachtetes Vorbild in den USA. In New York und Washington laufen Versuche mit sozial benachteiligten Jugendlichen, die Geld schon für die bloße Anwesenheit in der Schule erhalten. In deutschen Elternforen ist darüber kontrovers diskutiert worden, mit überwiegend ablehnenden Meinungen.

Geld für Noten? Hieß es nicht immer, die Kinder sollten fürs Leben lernen, die Motivation müsse von innen kommen? Pädagogen stehen die Haare zu Berge. "Es kann nicht sein, dass Kinder ihre Leistungen nur noch über materielle Werte definieren", schimpft ein Experte in der Berner Zeitung Bund. Lieber solle man die Schüler mit Zeit belohnen, etwa einen Ausflug mit ihnen machen.

Gratis See-Schiffe fahren

Bayerische Schüler mit Einsern oder Zweiern im Zeugnis dürfen zum Beispiel gratis mit den See-Schiffen fahren. Der Bildungsforscher Erich Ramseier vermisst die fehlende Nachhaltigkeit der Motivation durch Geld: "So dreht sich alles nur um die nächste Prüfung." Und er geißelt den kapitalistischen Geist des Versuchs. "Im Vordergrund steht der kurzfristige materielle Erfolg. Wir sehen in der Finanzkrise, dass ein solches Denken zum Scheitern verurteilt ist."

Die Schweizer TV-Leute hatten lange vergeblich Probanden gesucht. Allein die Wiedlisbacher Lehrerin Sandra Bitzi wollte mitmachen. Die Eltern stimmten schließlich trotz Bedenken zu, vor allem weil ihre Kinder begeistert waren. Mit dem Noten-Geld werde sie sich T-Shirts und DVDs kaufen, sagt Schülerin Célina, Pascal spart auf ein Skateboard.

Der erste Zahltag liegt nun hinter ihnen, 519 Franken schüttete der Sender aus. Martina führt mit 44Franken, in Nicoles Umschlag steckten 40. Alle hätten sich gefreut mit den Guten, berichtet Lehrerin Bitzi. Sie mache sich höchstens Sorgen, dass die Schüler nur noch Mathematik und Englisch büffelten, jene zwei Fächer, in denen es Geld gibt. Den Rest der Schweiz treibt mehr die Enttäuschung der lernwilligen, aber schwachen Kinder um: "Es kann sich ein schwacher Schüler noch so anstrengen, er wird nie einen Franken oder ein Schoggistängeli erhalten", heißt es in einem Leserbrief. "Diejenigen, die sonst schon mühelos lernen, werden zusätzlich belohnt."

Nur die konservative Weltwoche mokiert sich über die Entrüstung. Man werde doch wohl ein Experiment machen dürfen, offenbar gehe manchen die intellektuelle Neugier ab. Oder sie hätten Angst vor dem Ergebnis des Versuchs: "Was wäre, wenn das Geld tatsächlich eine positive Auswirkung auf die Schüler hätte?" Was die Noten betrifft, ist das Resultat noch diffus. In Mathematik stieg der Durchschnitt nach einem Monat von 4,79 auf 5,05. In Englisch aber fiel er von 4,93 auf 4,56.

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(SZ vom 08.04.2009/mri)