Leiharbeiter Schuften bis zum Umfallen

Der Alltag in der Zeitarbeitsbranche ist hart: In Deutschland kämpfen mehr als 10.000 Verleihbetriebe um Kunden. Meist gewinnt, wer die niedrigsten Preise hat. Das geht zu Lasten der Leiharbeiter - sie werden oft gnadenlos ausgebeutet. Und das nicht nur vom Chef.

Von Detlef Esslinger

Der Mann ist schon einige Zeit in der Leiharbeitsfirma angestellt, was doch für ihn spricht. Offensichtlich ist er fleißig und zuverlässig, man arbeitet gern mit ihm zusammen. Aber honoriert wird sein Einsatz nur auf eine sehr spezielle Weise. Denn er ist Türke, und seine befristete Aufenthaltserlaubnis gilt nur so lange, wie er einen Job hat. Also kürzt sein Chef ihm den Stundenlohn jedes halbe Jahr um 25 Cent. "Die Frage war: Willst du auch weiterhin in Deutschland bleiben?", erzählt ein Betriebsrat, "dann brauchst du einen Arbeitsplatz."

So steht es in einer aktuellen Studie, die die Soziologin Sandra Siebenhueter für die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall erstellt hat. Siebenhueter, Wissenschaftlerin an der Katholischen Universität Eichstätt, hat die Leiharbeit im Allgemeinen und die Arbeitsbedingungen von ausländischen Leiharbeitern im Besonderen erforscht. Sie hat sich in der bayerischen Metall-, Elektro- und Druckindustrie umgehört und 116 Interviews mit Leiharbeitern, Arbeitgebern und Betriebsräten geführt.

Es ging ihr nicht darum, eine weitere Lohn- oder Zufriedenheitsstatistik zu erstellen, sondern sie wollte Einblick in die Arbeitswelt nehmen. Leicht lässt sich der Autorin entgegnen, dass sie doch nur Einzelfälle zu bieten hat. Davon aber hat sie so viele, dass diese zusammengenommen ein Bild von Konkurrenzkämpfen und Machtstrukturen ergeben. Es kommen auch nicht nur die Arbeitgeber schlecht weg darin.

Geschildert wird der Alltag in einer Branche, der ein gewisser Sozialdarwinismus zu eigen ist: Mehr als 10 000 Verleihbetriebe kämpfen in Deutschland um Abnehmer, der Schwerpunkt ihres Geschäfts liegt auf Hilfsarbeitern, die wiederum in der Mehrheit Ausländer sind - da liegt es in der Natur der Sache, dass es weniger auf Qualität, sondern auf niedrige Preise ankommt. Wenn man als Verleiher bei einer Ausschreibung "in die zweite Runde gekommen ist, dann stehen Nachbesserungen an", berichtet ein Geschäftsführer, "was immer heißt: noch einmal mit dem Preis runter."

Weil die Margen knapp sind, wird knapp kalkuliert, zu Lasten der Leiharbeiter. Manche müssen den Shuttle selbst bezahlen, der sie in den Betrieb fährt; zehn Prozent des Einkommens gehen dafür drauf. Gerade kleine Verleihfirmen kalkulieren nach Angaben des Betriebsrats eines Entleihers so knapp, dass kein Krankheitstag eines Leiharbeiters mehr vorgesehen ist. Eine Personaldisponentin erzählt: "Ich sah, dass mein Mitarbeiter schon ganz grün war. Ich habe gesagt, gehen sie nach Hause. Doch der Vorarbeiter sagte: Der geht erst, wenn du mir einen neuen bringst." Wohlgemerkt: der Vorarbeiter, nicht der Personalchef.

Es ist nicht die Aufgabe von Gewerkschaften, Arbeiter zu beschimpfen; deshalb spricht die Soziologin Siebenhueter nur allgemein von "Entsolidarisierungsprozessen" in den Betrieben. Doch ihre Beispiele zeigen, wie schnell Menschen bereit sind, jeden Anstand aufzugeben, ja, kriminell zu werden. In einem Betrieb mussten die Leiharbeiter für den Schichtführer der Stammbelegschaft Botengänge machen, Runden ausgeben oder samstags beim Umzug helfen. Bloß nicht den Job verlieren, und sei er noch so mies. In einem anderen Betrieb beobachtete eine ausländische Leiharbeiterin folgendes System: "Männer zahlen eher, um sich Vorteile zu verschaffen, bei Frauen läuft das häufig anders, wenn der Vorarbeiter ein Mann ist." Wie genau es läuft, erspart sie sich; ist aber wohl auch nicht allzu schwer zu erraten.