Werben um Lehrlinge Dienstwagen für Azubis

Extra Geld oder sogar ein kostenloser Kleinwagen - auf dem Ausbildungsmarkt sind neue Zeiten angebrochen. Weil sie keine Lehrlinge mehr finden, kämpfen Klein- und Handwerksbetriebe mit Lockprämien um Auszubildende.

Von Thomas Öchsner, Berlin

"Es ist irgendwie auch ein Akt der Verzweiflung", sagt Judith Breitenstein. Lange hat die Prokuristin der Bäckerei Künne in Hannover Lehrlinge für die Backstube und die neun Verkaufsfilialen gesucht - vergeblich. Deshalb lockt der Familienbetrieb jetzt erstmals mit mehr Geld. Wer sich im Bäckerhandwerk bei Künne ausbilden lässt, bekommt nach bestandener Zwischenprüfung 500 Euro extra, und bei Abschluss der Lehre gibt es weitere 500 Euro obendrauf.

Auf dem Ausbildungsmarkt sind neue Zeiten angebrochen. Früher konnten selbst Kleinbetriebe aus einem Pool von Bewerbern die geeignetsten herausfischen. Heute wird der Nachwuchs wegen des Geburtenmangels für viele Unternehmen zu einem raren Gut, erst recht, wenn die jungen Leute das Einmaleins, die Rechtschreibung und Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit beherrschen sollen. "Immer mehr Unternehmen sind daher einfallsreich bei ihrer Azubi-Akquise und versuchen, sich durch attraktive Zusatzangebote ihren zukünftigen Fachkräftenachwuchs zu sichern", sagt Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

15.000 Stellen sind unbesetzt

Wie knapp der Nachwuchs geworden ist, zeigt die Statistik: 2005 verließen bundesweit mehr als 700.000 junge Leute ohne Anspruch auf einen Studienplatz eine Schule, 2012 waren es 170.000 weniger. In den neuen Bundesländern hat sich die Zahl der nicht studienberechtigten Schulabgänger sogar mehr als halbiert.

Das spürt vor allem das Handwerk. Dort sind etwa 15.000 Ausbildungsstellen unbesetzt - so viele wie noch nie. Viele Betriebe hätten seit Jahren keine Auszubildenden mehr gefunden, heißt es beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Das gelte nicht nur für weniger beliebte Arbeitgeber wie Bäcker, Metzger oder Gebäudereiniger. "Selbst Friseure oder Kfz-Werkstätten suchen in ostdeutschen Bezirken ohne Erfolg", sagt der ZDH-Sprecher.

Auch Olaf Schleich muss mit neuen Methoden um die Gunst der Schulabgänger buhlen. Er führt mit seiner Frau im unterfränkischen Marktheidenfeld eine Lackiererei. Als die Zahl der Bewerbungen von bis zu hundert auf unter zehn schrumpfte und Industriefirmen anfingen, Handwerksbetrieben wie den Schleichs gute Hauptschüler wegzuschnappen, führte das Paar die Aktion "Ein Auto für gute Noten" ein.

Kleinwagen kostenlos

Seit 2012 erhalten Azubis mit einem Notenschnitt von 1,5 oder besser ein Jahr lang einen Kleinwagen kostenlos. Außerdem wird in der Lackiererei über Tarif bezahlt. Das lohnt sich: Es treffen wieder mehr Bewerbungen ein, zwei von vier Lehrlingen fahren schon auf Kosten des Chefs. Auch die Stuckateur-Innung Ludwigsburg setzt auf das Auto als Lockmittel. Dort gibt's einen Smart für den "Azubi des Jahres". Gleich fünf dieser Modelle stehen bei der Gastronomiekette Marché für die besten Auszubildenden zur Verfügung. "Wir wollen damit besser qualifizierte Bewerber auf uns aufmerksam machen", sagt Manager Manfred Schmid.

Die Bäckerei Künne konnte mit ihrer 1000-Euro-Aktion vier von acht Lehrstellen im Verkauf besetzen. In der Backstube lernt neuerdings wenigstens ein Azubi. Er ist Spanier, hat Abitur und will lieber früh in Deutschland aufstehen, als zu Hause arbeitslos zu sein.