Bildungsministerin Schavan will "Top-Leute" aus der Wirtschaft als Lehrer einsetzen. Pädagogen laufen Sturm - und sehen in dem Vorschlag eine Bankrotterklärung.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat die Lehrerverbände gegen sich aufgebracht. Schavans Appell an Unternehmen, ihre "Top-Mitarbeiter" als Lehrer für einige Schulstunden freizustellen, sei ein "typischer Schaufenster-Vorschlag", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. Bundesweit würden etwa 20.000 Lehrer fehlen, vor allem in den Naturwissenschaften. Vertreter aus der Industrie könnten die Lücke niemals schließen, sagte Kraus. Die Bundesländer hätten es versäumt, rechtzeitig genügend Lehrer auszubilden. "Die 16 Kultusminister haben einfach versagt", sagte Kraus der Süddeutschen Zeitung.
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Lehrer: Eine neue Studie zeigt, dass viele Lehrer selbst nur ein mäßiges Abitur gemacht haben. (© Foto: dpa)
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Kraus schloss in seine Kritik auch Schavan ein, da diese Ministerin in Baden-Württemberg war, bevor sie ihr Amt in Berlin antrat. Baden-Württemberg buhlt derzeit mit einer 375.000 Euro teuren Werbekampagne bundesweit um Lehrer und hat damit andere Bundesländer gegen sich aufgebracht, die befürchten, ihren Lehrernachwuchs zu verlieren.
Pensionierungswelle steht an
Im Kampf gegen den Lehrermangel müssen Schulen bereits jetzt vermehrt auf Seiteneinsteiger zurückgreifen. So beschäftigt Kraus, der Gymnasialdirektor im bayerischen Vilsbiburg ist, vier Ingenieure, zwei Informatiker und einen Arzt , die Physik, Mathematik und Informatik unterrichten. Das "gigantische quantitative Problem" fehlender Lehrer ließe sich so aber nicht lösen, betonte Kraus. In den kommenden zehn Jahren würde mehr als ein Drittel der derzeitigen Lehrer in den Ruhestand gehen.
Schavan hatte mit ihrem Appell aber auch auf ein möglicherweise qualitatives Problem reagiert. Eine neue Studie, die sich allerdings auf Daten von 1997 bezieht, hatte gezeigt, dass viele Lehrer selbst nur ein mäßiges Abitur gemacht haben. Schavan empfahl daraufhin, "Top-Mitarbeiter" aus Firmen an die Schulen zu holen. Ein Austausch würde "sinnvolle Impulse für die Schüler bringen", sagte Schavan der Bild-Zeitung. Mehrere Kultusminister beteuerten, dies geschehe längst.
"Bankrotterklärung der Bildungspolitik"
Im Herbst soll, unter anderem in Berlin, das Programm "Teach First" starten. Es ist angelehnt an ein Projekt in den USA, bundesweit sollen etwa 100 fachlich und persönlich herausragende Hochschulabsolventen für zwei Jahre als Lehrer auf Zeit an Schulen in sozialen Brennpunkten arbeiten. Dabei handelt es sich nicht um Lehramtskandidaten. Studenten gründeten das Projekt, das von der Vodafone-Stiftung, der Lufthansa und der Deutschen Post gefördert wird.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnte jedoch davor, die Profession des Lehrers zu diskreditieren. Er wundere sich, dass jetzt Ingenieure und Manager, die keine pädagogische Erfahrung hätten, die Schulen retten sollen, sagte VBE-Chef Ludwig Eckinger. Dies sei eine "Bankrotterklärung der Bildungspolitik". Ministerin Schavan habe sich "unreflektiert" geäußert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sprach von "Nonsens". Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) warnte vor Qualitätsverlusten, wenn immer mehr Quereinsteiger unterrichten.
Bayern zum Beispiel will im kommenden Herbst Dutzende Diplomphysiker ohne Lehramtsstudium zum Referendariat zulassen. Die DPG verlangte, die Fortbildung von Quereinsteigern zu verstärken, um einen "Schmalspur-Unterricht" zu verhindern.
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(SZ vom 24.2.2009/bön)
Debatte über Urheberrecht
Wenn ich sowas lese dann dreht sich mir richtig der Magen um. Menschen studieren Lehramt und ob mans glaubt oder nicht, viele davon fühlen sich richtiggehend berufen, den Beruf des Lehrers zu ergreifen. Diese Menschen gehen dann noch zwei Jahre lang durch die Hölle Referendariat. Wenn man im "falschen" Seminar ist, so heißt das unter Umständen zwei Jahre lang 80-90 Stunden pro Woche zu arbeiten, zwei Jahre lang kein Urlaub. Das heißt unter Umständen auch, dass man noch fünf Jahre lang den Psychiater bezahlt, der einem dann versucht beizubringen, dass man nicht so blöd ist wie einem das vom Vorgesetzten im Referendariat eingetrichtert wurde.
Um mich nicht falsch zu verstehen, ich habe nichts gegen Pysiker, Mathematiker, Informatiker etc. in der Schule - sofern es Bedarf gibt. Nur kann ich nicht verstehen, wieso das System Referendariat jedes Jahr einen hohen Prozentsatz an fertig studierten Lehrern aussondert, wegwirft, ja richtiggehend zerstört. Jeder einzelne von diesen hat eine komplette pädagogische Ausbildung (die den Statt viel Geld gekostet hat). Deshalb stellt sich für mich die Frage, wieso man nicht zuerst mal auf diese Leute zurück greift?
warum dann jemand den direkten Weg wählen soll?
Würde man z. B. ein Mathematikstudium abschließen, könnte man einen Arbeitsplatz in der Wirtschaft oder auch beim Staat (als Lehrer) nachher anfangen. Umgekehrt geht es zwar auch, aber ist mit enormen Schwierigkeiten verbunden.
Im Grunde hat man keine Lösung gefunden, sondern ein weiteres Problem geschaffen.
Die Bundesbildungsministerin hat mit ihrer Idee weder einen Faschingsscherz noch einen PR-Gag abgeliefert leider. Die Idee zeigt vielmehr auf, worum es wirklich geht: um Kosteneinsparung. Die Ingenieure und Manager sollen von ihren Firmen freigestellt, also bezahlt werden. Die haben ja in der momentanen Krise eh nichts zu tun.
Ein Ingenieur um die 50 Jahre darf mit einem Jahresgehalt von 80.000 brutto aufwärts taxiert werden, ein Manager ist schwerer zu schätzen: das reicht vom Projektmanager (60.000 bis 90.000) bis hin zu Herrn Dr. Ackermann.
Ein voll qualifizierter Lehrer hingegen beginnt heute mit knapp 40.000 (egal ob verbeamtet oder angestellt, was für den Angestellten ca. 30% weniger netto bedeutet - andere Geschichte).
Es fällt nun schwer anzunehmen, daß die Ingenieure und Manager bereit sind, für die Hälfte ihres normalen Gehaltes zu arbeiten.
Es fällt noch schwerer anzunehmen, daß der Staat für eine von einem Ingenieur oder Manager erteilte Schulstunde doppelt viel zahlt wie die eines Lehrers.
Das, was in der Marktwirtschaft vollkommen normal ist, daß die Gehälter von Angebot und Nachfrage mitbestimmt werden, wurde im Schulwesen bisher immer brüsk abgelehnt es würde den Frieden stören, wenn Mathelehrer einige Zeit mehr verdienen wie Geschichtslehrer. Ganz und gar undenkbar!
Abschließend noch zur praktischen Umsetzung des Schavanschen Vorschlags. Dort heißt es: 2 Stunden Mathe oder Physik. Mathe hat in den meisten Klassen 4 oder 5 Stunden die Woche. Das heißt dann also, daß davon 2 Stunden ein Ingenieur, die anderen ein Lehrer erteilt. Glänzend.
Sollen dann die Ingenieure und Manager also um 10:00 sich aus der Besprechung ausklinken, zur Schule fahren, dort von 10:30 bis 11:15 eine Stunde geben, und dann wieder zurück?
Vorbereitung und Korrektur: das bisschen Arbeit kann man doch prima während der langweiligen Besprechungen machen. Lehrer kann doch jeder.
Und das ist das für mich eigentlich Erschütternde: die Wertschätzung der Arbeit der eigenen Mitarbeiter durch den obersten Dienstherrn. Für mich ist es nachvollziehbar, daß immer weniger Leute diesen Beruf wählen. Wir haben genau das Schulsystem und exakt die Probleme, die wir uns leisten.
Warum sollten "Top-Leute" aus der Wirtschaft für 1500 Nettoverdienst (abzüglich Unterrichtsmaterial, Arbeitszimmer, Klassenfahrten, etc.) in die Bildungsbranche wechseln?
Und dann auch noch an Schulen in sozialen Brennpunkten!
Frau Schavan hat offenbar keine Ahnung, was es heißt, wenn sich zwei Schüler während des Unterrichts die Nase blutig prügeln oder Schüler im Pausenhof regelrecht überfallen werden. Wie soll man denn unterrichten, wenn von 30 Schüler/innen die Hälfte es nicht für nötig hält, überhaupt eine Schultasche, geschweige denn -bücher mit in die Klasse zu bringen und lediglich anwesend sind, weil das dritte Bußgeldverfahren ansteht.
Einen 14jährigen Vergewalter von der Schule zu verweisen, dauert 3 Monate. Und da man ihm dann noch eine neue Schule suchen muss, bekommt man einen ebensolchen Straftäter im Gegenzug.
Wenn man wissen möchte, warum Schule nicht mehr funktioniert, muss man bloß die Lehrer fragen. Aber traut sich ja kein Politiker. Zu Bildungsgipfeln sind sie gar nicht erst eingeladen und redet nur mit Professoren, die eine echte Schule zuletzt in ihrer eigenen Schulzeit von Innen gesehen haben. Man schaut sich lediglich sogenannte Vorzeigeschulen an und sagt dann "Seht her, es geht doch!"
Ganz ehrlich: Die Ignoranz der Politik ist einfach nur noch erschreckend.
Natürlich muss ein Ingenieur oder Naturwissenschaftler nicht minder begabt sein, Wissen zu vermitteln. Im Gegensatz zu Ihrer Schule, hatte ich diverse Lehrer die als Quereinsteiger einen Dipl.-Ing (sogar mein Religions Lehrer) bzw. Dr.-Ing oder Dr. rer. nat. hatten. Die Unterschiede zu den Pädagogen waren nicht zu gravierend, allerdings kann ich nicht bestreiten, dass es bei einigen eher einer Vorlesung entsprach, als gewöhnlichem Unterricht an einer Schule. In der Oberstufe vertretbar, aber in den unteren Jahrgängen?
Außerdem sehe ich das Problem aus einer ganz anderen Perspektive. In Kooperation zwischen Schulen und der Unternehmung bei der ich beschäftigt bin, gehen Naturwissenschaftler, Ingenieure, Mediziner etc. mit hinein in den Unterricht für Projektarbeiten. Die Arbeit mit den Kindern/Jugendlichen macht Spaß, aber man schaue sich mal die Rahmenbedingungen der Lehrer an. Für mich eher abschreckend. Große Schülerzahl in der Klasse, immer mehr „Problemfälle“, die ein Lehrer nicht einfach links liegen lassen kann, die Eltern (graus), Konferenzen noch und nöcher. Eine 50 Stundenwoche ist da eher Durchschnitt.
Hinzu kommt, dass kein anständiger Arbeitsplatz zur Verfügung steht (vergleichbar mit dem Arbeiten in einem vollbesetzten Zug). Und das Arbeitszimmer in den eigenen vier Wänden ist auch nicht mehr absetzbar. Die Unterrichtsbücher/Arbeitsmaterialien müssen selbst gekauft werden (tja, da gibt es keine Buchhaltung bei der man einfach seine Spesenzettel ein wirft) und die Aufstiegsmöglichkeiten sind rar. Unter solchen Bedingungen kann man froh sein, überhaupt so viele gute Lehrer zu haben. Und übrigens... ich möchte mir bei so manch einem meiner ehemaligen ET-Kommilitonen lieber nicht vorstellen, dass er oder sie Unterrichtet...
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