Lehrer sollen künftig auf ihre emotionale Stabilität geprüft werden. Viele Referendare erleben jedoch schon ihren Vorbereitungsdienst als Härtetest.
Kurz bevor sie diese Woche aus dem Amt scheidet, hatte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz noch ein ganz spezielles Ansinnen. Wer in Deutschland Lehrer werden will, soll künftig vorher auf seine "emotionale Stabilität" geprüft werden, forderte die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) unlängst. Nur so ließe sich feststellen, ob die Pädagogen über die "starke Persönlichkeit und natürliche Autorität" verfügten, die sie im Schulalltag bräuchten. Über entsprechende Eignungstests wollen die Kultusminister schon auf ihrem nächsten Treffen im Februar beraten.
Allein an der Tafel: "Das Unterrichten vor der Klasse lernen Lehrer in Deutschland kaum", konstatierte die OECD nach Besuchen deutscher Schulen. (© Foto: iStockphoto)
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Für viele der rund 47.000 Lehramtsreferendare in Deutschland dürften die Worte der Ministerin wie Hohn geklungen haben. Für sie ist ihr zweijähriger Vorbereitungsdienst der denkbar härteste Eignungstest. Wer ihn bestehe, der brauche sich um seine emotionale Stabilität wahrlich keine Sorgen mehr zu machen. Und wenn es am Ende tatsächlich an starker Persönlichkeit und natürlicher Autorität mangele, dann, so der Eindruck, liege es nicht an ihnen selbst, sondern an den Schwächen ihrer Ausbildung und Ausbilder.
Petra Hiller etwa, Gymnasiallehrerin für Biologie und Chemie in Dormagen, bekam davon schon am ersten Tag ihres Referendariats am Studienseminar Meppen einen bleibenden Eindruck. Der Personalrat begrüßte die Neuankömmlinge mit dem Satz: "Wir sind das Studienseminar in Niedersachsen mit der höchsten Selbstmordrate."
Petra Hiller überlebte zwar, an das Referendariat denkt sie jedoch nur mit Schaudern: "Ich habe nie mehr in meinem Leben unter einem derart ungesunden Stress gestanden. Man wird zwischen allen Fronten zerrieben. Das Schlimmste war, dass mir die Fachleiter so gut wie nichts beigebracht haben." Sie habe sich "Ideen für fertige Unterrichtsreihen und konkrete Unterrichtshilfe" gewünscht. "Stattdessen verplemperten wir in den Seminaren unsere Zeit mit hehren Theorien." Bei den Lehrproben erwarteten die Fachleiter dann allerdings die perfekten Stunden - und wurden ungern enttäuscht. So bescheinigte ihr Biologie-Fachleiter einer Referendarin nach einem Unterrichtsbesuch: "Das war Anti-Unterricht. Es wäre besser gewesen, Sie hätten die Stunde nie gehalten." Mit solchen Schlägen unter die Gürtellinie sei niemandem geholfen, sagt Petra Hiller.
Susanne Müller (Name geändert), eine junge Hauptschullehrerin in Düsseldorf, ist "nur froh, vom Studienseminar weg zu sein". Die Seminare seien "eine einzige sinnlose Schwafelei mit nervigen Gruppenspielchen, die mit dem Alltag an der Schule nichts zu tun haben". Sie ist vor allem von der menschlichen Seite enttäuscht: "Kritisches Denken und Widerspruch werden nur ungern gesehen." Auch fehle es an Standards und Verbindlichkeiten. Eine besonders bizarre Episode erlebte sie, als es im Seminar um Lernzielformulierung ging: Die Leiterin zerriss Susanne Müllers Entwurf in Bausch und Bogen. "Dabei hatte ich ihn zuvor eins zu eins von meiner Geschichts-Fachleiterin übernommen."
So wie hier liegt vieles im Argen im deutschen Lehrerausbildungssystem. Wissenschaftliche Evaluationen zur Überprüfung des Vorbereitungsdienstes, wie sie die Bezirksregierung Arnsberg in Zusammenarbeit mit der Universität Dortmund entwickelt hat, sind die Ausnahme. "Das Kernproblem ist, dass Seminarleiter nicht ausgebildet werden, weder in fachlicher noch in psychologischer Hinsicht", sagt eine Hauptseminarleiterin. Dabei hängen von ihren Gutachten und Bewertungen Existenzen ab. Eine gute Ausbildung ist damit Glückssache und zudem noch keine Garantie für einen guten Abschluss.
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Christopher Lee zum 90.
Hallo zusammen!
Auch, wenn ich mir unter den Referendaren vermutlich keine Freunde machen werde, möchte ich doch mal meinen Eindruck schildern:
Ich habe vor 7 Jahren mein Referendariat in NRW beendet und bilde mittlerweile selbst Referendare an einer Grundschule aus.
Mein Eindruck, den ich seit 3-4 Jahren habe:
- Viele Referendare wissen nicht, was in der Schule auf sie zu kommt.
Bei vielen herrscht immer noch die Meinung, dass der Lehrerberuf ein lauer Job mit viel Ferien ist. Das dies nicht so ist, merken viele dann tatsächlich leider erst in der Praxis.
- Viele Referendare, auch die junge Dame aus dem Artikel, möchten gerne "fertige Unterrichtsentwürfe haben". Eigene Ideen entwickeln und vermitteln, mal etwas ausprobieren und dies noch dazu gut begründen können, dazu haben leider die Wenigsten Lust zu.
Einstellung: liefert mir bitte alles fix und fertig, damit ich ja nicht zuviel Aufwand habe! Wenn da die Fachleiter und Mentoren (zu Recht) nicht mitspielen, gibt es lange Gesichter und großes Gemaule!
- Viele Referendare sind nicht offen für Kritik. Es gibt tatsächlich Fachleiter und Mentoren, die sich Mühe geben, gar in ihrer Freizeit noch beraten und unterstützen, offen für Neues sind, Alternativen zu missglückten Unterrichtsstunden anbieten. Aber ehrlich gesagt habe ich selten so viele beratungsresistente junge Menschen erlebt.
- In der Regel hat man im Referendariat 12 Stunden Unterricht in der Woche!!! Das ist nicht viel, selbst wenn man 1-2 Stunden Vor- und Nachbereitung mit einbezieht. Vielen Referendaren mangelt es hier oft an Organisation und Zeitmanagement, das ja aber auch schon im Studium von einem verlangt wird. Ist das plötzlich im Referendariat weg?
- Ich habe immer und immer wieder erlebt, dass die Referendare die ich kenne oder ausgebildet habe, sehr gut unterstützt wurden.
Hat es an der Schule mit Kollegen nicht geklappt, schaltete sich der Lehrerrat ein. Hat es am Seminar mit Fachleiterin nicht geklappt, schaltete sich die Hauptseminarleiterin ein. Hat es in der Schule mit der Mentorin partout nicht geklappt, gab es einen Wechsel der Mentorin oder gar einen Schulwechsel für einen Neustart.
Mein Fazit: wenn man einigermaßen gut organisiert ist, Lust auf Schule hat, Freude am Umgang mit Schülern hat (auch wenn diese mal nerven können -Lehrer können aber auch mal nerven!) offen Menschen gegenüber ist und weiß, wie man mit ihnen umgehen sollte, klappt es auch im Referendariat!
Ganz ehrlich, auch auf die Gefahr hin, mir Schläge einzufangen: Ich finde, hier wird vieles dramatisiert! Ich hab selber vor einem Jahr mein Ref beendet und nein - es war beileibe nicht die schlimmste Situation meines Lebens! Stressige Situationen, Ausbilder, mit denen man nicht klar kommt, Leistungsdruck, das gibt es in JEDER Ausbildung und natürlich wird es manche da härter treffen als andere. Aber insgesamt glaube ich, dass das Referendariat mit 12 Unterrichtsstunden eine Zeit ist, die man sehr gut meistern kann und das Gejammer oft gegenüber denen, die einen Fulltimejob oder Schichtdienst in der Ausbildungszeit machen müssen, Gejammer auf sehr hohem Niveau ist. Mir wurde auch vorher prophezeit, dass es ganz schrecklich sein wird, dass ich meinen Freundeskreis aus Zeitgründen abhaken kann und dass ich nichts anderes mehr tun werde. Und es kam ganz anders. Ich hatte genug Freizeit (definitiv mehr als Freunde, die andere Ausbildungen machten) und natürlich: Unterrichtsbesuche sind nicht angenehm, gehören aber dazu und man übersteht sie. Klar, ich hatte Glück mit meinen Fachleitern (nein, keine Drachen!), aber ich habe auch mitbekommen, dass es davon genug gab.
Ich denke, es hängt auch vieles mit Organisation einerseits zusammen und andererseits damit, dass man immer Schauen muss, in welchem Verhältnis Aufwand und Nutzen stehen: klar, wenn ich auf eine stinknormale Unterrichtsstunde (kein UB) 4 Stunden Vorbereitungszeit investiere, dann komm ich aus dem Stress nicht mehr raus. Aber mit einer gesunden Investierung von Zeit kommt man meiner Erfahrung nach sehr gut durchs Referendariat!
Nach langem Training schaffe ich es mittlerweile, die "Ausbilder"monologe mit einem kurzen Satz zu kommentieren oder abzuwürgen: "Zu Selbstbeobachtung sind sie offenbar nicht in der Lage.". Kritik schlägt sowieso nur zurück, und wenn sie außerdem noch gerechtferttigt ist (in manchen Zusammenhängen sage ich 'richtig'), dann kann man sich gleich bei der ARGE melden. Deswegen sind überhaupt nur solche Äußerungen möglich, bei denen der Angesprochene "selbst aktiv werden kann" (um eine der unsäglichen Pädagogenphrasen zu verwenden), und man selber keine Erklärungen gibt. Das lässt sich auch gut nach dreistündigen interaktiven und nicht sinnbelasteten lustigen Gruppenspielchen (vulgo Hauptseminare) verwenden.
Marfields Beispiel zeigt, wie dünnhäutig die Verantwortlichen sind. Um Schüler mehr zu mehr "Selbst-Bewusstsein" (was kann ich alles schon?), lobe und fördere ich sie. Ich betrachte sie individuell und versuche, sie auf vielfältige Weise anzusprechen. Warum wird das nicht mit angehenden Lehrern gemacht?
Das größte Problem mit dem Ref ist, dass es sich bei den Lehrproben und in den Examensstunden um reine Schauveranstaltungen handelt. Nie wieder habe ich danach auch nur annäherungsweise soviel auf buntem Papier ausgedruckt, laminiert, kopiert, gebastelt oder mir Gedanken um einen originellen Einstieg oder um eine aussagekräftige Evaluation (ich hasse das Wort seit dem Ref) gemacht. Bei 28 Stunden, knapp 2000 und zwei Korrekturfächern ist das schlichtweg undenkbar.
@ marfield:
Sie haben wohl mittlerweile Ihr Vorhaben, Lehrer werden zu wollen, aufgegeben oder woher nehmen Sie die Zeit (zwischen acht und achtzehn Uhr), acht(!!!)strophige Klagelieder zu verfassen?
Meines Erachtens wird teilweise an den Universitäten einfach zu wenig Wert darauf gelegt, den Studenten beizubringen, wie sie Dinge kurz und prägnant auf den Punkt bringen ;-)
Paging