Zu viele Lehrer sind unfähig, unmotiviert und am Pult völlig fehl am Platz. Universitäten führen deshalb Eignungstests ein. Wer keine soziale Kompetenz hat oder nicht frei sprechen kann, darf nicht studieren.
Da müssen sie jetzt durch. Durch diese Tür, hinein in den Klassenraum, in dem sich nichts mehr verbergen lässt. "Vertretungsstunde in einer unbekannten Klasse" lautet die Versuchsanordnung, und so schlüpfen sie hier erstmals in die Rolle des Lehrers, der Reihe nach, jeweils für ein paar Minuten. Sie stellen sich und das Unterrichtsthema vor, mit zitternder Stimme oder betont salopp, einige verschanzen sich hinter dem Pult, andere hocken sich darauf, doch wohin mit Händen und Blicken? Am Ende haben sie alle einen ersten Eindruck davon erhalten, was sie erwartet. Was ihre Entscheidung für das Lehramtsstudium wirklich bedeutet. Vor allem aber haben der Pädagogikprofessor Heinrich Dauber und seine Kollegen einen ersten Eindruck von ihren neuen Studenten erhalten.
Lehrer: Deutsche Hochschulen führen Eignungstests ein, um ungeeignete Kandidaten von der Uni fernzuhalten. (© Foto: dpa)
Anzeige
Das Rollenspiel in Kassel gehört zu einer Reihe von Programmen, mit denen deutsche Hochschulen einem drängenden Problem begegnen: Zu viele Studenten gelangen trotz ungünstiger persönlicher Voraussetzungen in den Schuldienst, sind unzureichend befähigt oder motiviert, mitunter am Pult völlig fehl am Platz. Das Staatsexamen tauge als Filter nur bedingt, sagt der Frankfurter Schulforscher Udo Rauin. Nicht zuletzt deshalb, weil die Bundesländer je nach Bedarf mehr oder weniger Pädagogen einstellen: "Mangelt es gerade wieder mal an Lehrern, lässt man auch problematische Kandidaten durch."
Mit eigenen Schwächen auseinandersetzen
Mit dem Seminar "Psychosoziale Kompetenzen im Lehrerberuf" will Heinrich Dauber, Professor in Kassel, bereits Studienanfängern eine Rückmeldung über ihre Stärken und Schwächen geben. Seit diesem Wintersemester muss die zweitägige Veranstaltung von allen neuen Lehramtsstudenten in Kassel besucht werden. "Wir achten auf Kompetenzen, die uns für die Bewältigung der Anforderungen im Lehrerberuf unentbehrlich erscheinen", sagt Dauber. "Darunter fallen Fähigkeiten zur Kommunikation, zur Kooperation und Selbstreflexion sowie Einfühlungsvermögen". In einem persönlichen Gespräch erhält jeder Student anschließend eine Rückmeldung. Auch darüber, woran es hapert.
Es gehe nicht um Auslese, sagt Dauber, sondern um Beratung und Förderung. Die Eignung zum Lehrerberuf mag er keinem Studenten absprechen. Niemand könne zuverlässig vorhersagen, wer Jahre später ein guter Lehrer sein werde. Was sich dagegen aber sehr wohl feststellen lasse, sei die Eignung zum Lehramtsstudium. "Dazu gehört die Bereitschaft, sich intensiv mit seiner Person und den eigenen Schwächen auseinanderzusetzen. Wer dazu nicht bereit ist, dem raten wir, seinen Berufswunsch zu überdenken."
Unterschätzte Anforderungen
Nach einer Langzeitstudie des Erziehungswissenschaftlers Udo Rauin zählen knapp 25 Prozent der Lehramtsstudenten zu den problematischen Kandidaten. Sie haben das Studium in erster Linie aus Mangel an Alternativen gewählt, schätzen sich selbst als wenig geeignet ein und studieren mit geringem Einsatz. Im Klassenzimmer fühlen sie sich dann häufig überfordert und zeigen schnell Burnout-Symptome. Viele Lehramtsstudenten, so Rauin, unterschätzten schlichtweg die hohen Anforderungen dieses Berufs. "Wir müssen sie daher frühzeitig über diese Anforderungen aufklären und ihnen Gelegenheit geben, ihre Berufswahl zu hinterfragen und gegebenenfalls zu revidieren."
Spezielle Eignungstests können schon seit einigen Jahren bei der Studienwahl helfen. In Form einer Selbsteinschätzung können Interessenten prüfen, ob ihre Fähigkeiten und Neigungen den Anforderungen des Lehrerberufs entsprechen. Doch die Erfahrung zeigt, dass diese Online-Tests gerade von den problematischen Kandidaten selten genutzt werden. Die Universität Hamburg will deshalb künftig Studenten verpflichten, solche Eignungsprüfungen oder Seminare zu absolvieren. Im Rahmen eines Pilotprojekts wird derzeit ein ganzes Bündel möglicher Testverfahren erprobt. Ziel dabei ist nicht, Studienbewerber auszuschließen, sie sollen aber auf diese Weise früh ihre individuellen Defizite kennenlernen. In Trainingsseminaren können sie später lernen, wie sie beispielsweise Konflikte besser lösen oder ein Gespräch konstruktiv führen.
Auf der nächsten Seite: Wie der Aufnahmetest für Lehramtsstudenten an der Uni Passau funktioniert.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Gewalt an der Schule Wenn der Lehrer ausrastet 01.12.2008
- Bundesweiter Schülerstreik "Lehrer sind keine Gegner" 12.11.2008
- Integration an Schulen "Sie vertrauen mir, weil ich Türke bin" 04.09.2008
- Pädagogen Was Lehrer wissen müssen 17.10.2008
- Verteidigung an Schulen "Wenn einer angreift, sind 150 von uns tot" 19.08.2008
- Lehrerin verklagt Schülerin Wegen Hasenzeichnung vor Gericht 19.05.2010
- Schulmanagement Ein Assessment-Center für Schulleiter 17.05.2010
Debatte über Urheberrecht
Wenn es den doch schon einmal für die Journaillie gäbe, hätten wir alle zwischendurch auch einmal den Genuss von Journalismus und wären schon ein gutes Stück weiter.
Die SZ schon wieder auf "Bild-Nivau".
Wahrscheinlich kriegt man die Merkels, Münties, Kochs, etc. sonst gar nicht mehr vor die eigene Feder.
Nicht jeder Substitut ist auch für den weiteren Werdegang fachlich gewappnet.
... ist im übrigen nicht die Ausbildung an der Schule sondern die Referendarsausbildung. Diese gehört grundlegend reformiert bzw in dieser Form abgeschaft. Denn die Referendarsausbildung ist ein Fehlkonstrukt, deren Grundproblem darin besteht, dass ständig Ausbilden und Prüfen nebeneinander statt finden.
Der Referendar sollte seinem Ausbilder möglichst realistisch beschreiben, wie es ihm im Unterricht ergeht und welche Schwierigkeiten dabei auftreten, um diese dann besprechen zu können.
Vor seinem Prüfer aber muss sich der Referendar so gut wie möglich verkaufen, um gute Bewertungen zu bekommen.
Dummerweise ist der Ausbilder und der Prüfer des Referendars die gleiche Person. Er nimmt also zwei Rollen ein, die eigentlich nicht miteinander vereinbar sind.
Deswegen ist das Referendariat in der praktizierten Form völlig unsinnig.
Was richtig und falsch ist, zeigt sich oft erst später. Daß aber viele Lehrer im Beruf nicht glücklich werden, ist ein Grundproblem. Oft werden gute engagierte und (anfangs) durchsetzungsfähige Leute mit einem frustrierenden Schulsystem in kurzer Zeit ruiniert.
Ich denke, daß die "alte Zeit" mit einer "Lehrerausbildung" gar nicht so schlecht war. Erst wird man Hilfslehrer und betreut Kleingruppen, dann kann man befördert werden. Man kann das Handwerk im kleinen Maßstab praktisch erlernen und selber rausfinden, ob das nun das richtige ist. Daß dabei ein Student noch Geld verdienen kann, ist vielleicht ein positiver Nebeneffekt.
Was nützen uns diese Kompetenzen, wenn der Lehrer nicht die Möglichkeit besitzt sie auch einzusetzen?
Das sehen wir doch an unseren Schulen täglich! Die Lehrer sind einfach mit der derzeitigen Situation überfordert. Man hat einfach nicht mehr die Zeit, seine Fähigkeiten darauf zu nutzen, den Schülern zu helfen und sie auch dementsprechend zu fördern. Es wird nurnoch sturr Frontalunterricht durchgeführt (gelegentlich auch was anderes, wenn es irgendwelche Freiräume gibt).
Bevor man das Problem mit den Studenten angeht, sollte man besser sich Gedanken um unser Schulsystem machen. Bei einer Verbesserung hätte es zu Folge, dass sich das Problem mit den "ungeeigneten Studenten" von selber löst.
"Die vorherrschende Mentalität an den deutschen Bildungseinrichtungen ist Arroganz, Corpsgeist, Vetternwirtschaft, Förderung von Blendern und Kriechern, Ausbeutung des akademischen Mittelbaues und Sandkastenspiele der auserwählten Leistungsträgern. Auf keinen Fall aber "Lernkultur" "
Auch wenn ich nicht allem zustimmmen würde, trifft dies die Situation ziemlich gut. Anstatt gute Konzepte zur Ausbildung der Studierenden zu entwickeln sonnen sich vor allem die vermeintlichen Eliteuniversitäten und solche die es werden wollen im Glanz ihrer technischen und medizinischen Forschung. Ausbildungskonzepte und Lehre in pädagogischen Bereichen interessieren dabei in der Regel kaum. Zumal die Pädagogik kein Fach zu sein scheint, mit der sich Universitäten (von wenigen Ausnahmen abgesehen) profilieren können oder wollen.
Zusätzlich tun die Ausbildungsbedingungen ihr Übriges. Teilweise werden hunderte Studierende von nur sehr wenigen Universiätsdozenten betreut. 500 Studierende sind für einen Professor mit zwei Mittelbaudozenten zusammen leider keine Seltenheit. Das sich sowas nicht positiv auf die pädagogisch didaktischen Fähigkeiten auswirken kann, muss wohl jedem klar sein. Gemeinsamkeit, pädagogisch und didaktisch gut durchdachte Konzepte können so in der Hochschule nicht vorgelebt werden. Wie soll sich da eine andere Lernkultur entwickeln.
Das Problem auf die Bewerber abzuschieben und einen Eignungstest einzuführen ist die einfachste und billigste Reaktion. Verbessern wird sich dadurch absolut nichts.
Paging