Manche Menschen sind Weltmeister im Anlaufnehmen: Sie schieben Dinge ständig vor sich her und handeln nur dann, wenn sie gar nicht mehr anders können.
Es gibt Menschen, die sind Weltmeister im Anlaufnehmen. Ihre Paradedisziplin ist Verzögeritis! Eine Wahl treffen. Jemanden Anrufen. Eine Arbeit erledigen. Ein Problem lösen. Die Weichen neu stellen. Ganz gleich, was sie zu entscheiden oder zu tun haben - kaum etwas schreckt sie so sehr, wie das Überqueren der Startlinie. Während andere längst zu handeln begonnen haben, sind sie noch mit der Vorbereitung ihrer Vorbereitung beschäftigt.
Eine Flut von Aufgaben wartet: Menschen mit Verzögeritis packen sie nicht an. (© Foto: iStock)
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Natürlich gibt es Gründe. Die einen lassen sich von Befürchtungen blockieren: "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und den frühen Vogel fängt die Katz." Die anderen sind Perfektionisten: "Nein, ich brauche unbedingt noch diese eine Unterlage, ohne die geht gar nichts." Einer dritten Gruppe fehlt jeder Sinn für Dringlichkeit: "Ob heute, nächsten Monat oder in drei Jahren, das interessiert später niemanden mehr." Und wieder andere übersehen, dass zwischen Gelassenheit und Entschlusslosigkeit ein Unterschied besteht: "Meine Parole lautet 'aussitzen', damit kann man es sogar bis zum Bundeskanzler bringen."
Verhalten mit Methode
Solange ein Verhalten dieser Art eher die Ausnahme ist und solange es dabei um Nebensächlichkeiten geht, sind die Folgen nicht weiter dramatisch. Wenn dieses Verhalten aber Methode hat und wenn davon regelmäßig auch wichtige Lebensbereiche betroffen sind, dann sieht die Lage anders aus.
Wer die Dinge ständig vor sich herschiebt, wer nur dann handelt, wenn er gar nicht mehr anders kann, der raubt sich einen Großteil seiner Lebensqualität und einen wesentlichen Teil seiner Selbstbestimmung: Er gerät zwangsläufig unter Druck. Ihm fehlen zeitliche Reserven. Er vergibt Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten. Er muss sich nach dem richten, was ihm andere an Optionen übrig lassen.
Neue Aufgaben am Horizont
Gewöhnen Sie sich also an, zügig zu starten, statt ewig zu warten. Das soll nicht heißen, ab heute die Dinge zu überstürzen oder in Aktionismus auszubrechen, sobald eine neue Aufgabe am Horizont erscheint. Worum es vielmehr geht, ist, nicht zu lange vor Hindernissen zu verharren, die in Wahrheit gar keine sind. Je eher Sie sich selbst in Schwung bringen, desto kraftvoller werden Sie handeln und desto schneller kommen Sie ans Ziel. Die folgenden Empfehlungen sollen Sie dabei unterstützen:
1. Verzichten Sie auf Anläufe, wenn keine nötig sind: Erledigen Sie gerade "Kleinigkeiten" entschlossener als bisher. Dann haben Sie mehr Zeit für die Dinge, die objektiv einen höheren Aufwand erfordern.
2. Fordern Sie keine "ideale Bedingungslage", bevor Sie starten: So etwas gibt es nicht. Machen Sie einen ersten Schritt, dann ergibt sich der zweite fast von selbst.
3. Hören Sie auf Ihr Gefühl: Von jeder Regel gibt es Ausnahmen. Hören Sie also auf Ihr Gefühl, wenn es Ihnen sagt, dass "Abwarten" doch die bessere Wahl ist. Nutzen Sie die Zeit, um zusätzliche Informationen zu gewinnen, die Ihnen eine Entscheidung erleichtern.
Stefan F. Gross ist Managementdozent, Autor und Kolumnist. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema der Verbindung von beruflichem Erfolg mit persönlicher Lebenskunst. Seine Kolumne "Lebenskunst" erscheint jeden Dienstag auf sueddeutsche.de.
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