Unklarer Maßstab
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Der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann von der Universität Siegen sagt: "Die soziale Norm ist nicht zulässig, sie wird aber um der Selektion willen erzwungen." Dem KMK-Beschluss zufolge dürfe es den Fall Czerny jedenfalls gar nicht geben.
Der Diplompädagoge und einstige Grundschulrektor Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbandes, hat beobachtet, dass Lehrer zwar selten so massiv attackiert werden wie Czerny, erklärt dies aber auch mit ihrem Wohlverhalten: "Die spüren den Druck und handeln ihm gemäß."
Die generelle Kritik an der Notengebung kennt auch die für Czernys Schule zuständige Schulamtsleiterin Henriette Lemnitzer. Doch sie wiegelt ab: Die Gauß´sche Norm sei "schon lange mausetot", es würden keine Notenschnitte für Klassen vorgegeben. Schon im nächsten Satz jedoch betont sie, dass eine Schulleiterin die "verdammte Pflicht" habe, nachzufragen, wie ein ungewöhnlich guter Schnitt zustandekomme. Es gebe "viele Möglichkeiten zu beeinflussen, direkt oder indirekt zu helfen".
Kritiker verweisen seit langem darauf, dass die scheinbar präzisen Schulnoten keineswegs objektiv seien. In einer Expertise der Uni Siegen wird das Experiment des österreichischen Pädagogen Rudolf Weiss zitiert, der 153 Lehrer eine Mathematikaufgabe beurteilen ließ. 41 Prozent von ihnen gaben eine Zwei, 42 Prozent eine Drei, die Eins wurde von sieben Prozent vergeben, die Vier von neun Prozent und ein Prozent der Probanden sahen in der Arbeit sogar eine Fünf.
Es hänge eben stets davon ab, welchen Maßstab man anlege, um eine Anforderung als ausreichend oder ungenügend zu bewerten, sagt Professor Brügelmann. Dieser Maßstab aber sei nicht klar definiert. Nach den Regeln der Statistik sei es überdies eigentlich nicht zulässig, aus Noten, die nur Rangfolgen angäben, Mittelwerte zu errechnen. Und doch werden etwa in Bayern und Baden-Württemberg in den Übertrittszeugnissen Gesamtnoten gemittelt, aufs Hundertstel genau.
"Wir werden genötigt, Versager zu produzieren!"
Auch Czerny fühlt sich inzwischen genötigt, Testaufgaben so zu konstruieren, dass mit Sicherheit ausreichend Vierer, Fünfer und Sechser herauskommen, damit vor dem Komma des Klassenschnitts endlich auch mal eine Drei steht und sie von der Rektorin nicht behandelt wird wie ein störrischer Esel.
Nun aber sind gerade jene Kinder frustriert, die sich aufgrund von sichtbaren Erfolgen wieder für das Lernen begeistern konnten. Auch mit den Eltern treten vermehrt Probleme auf. "Ein Fünferschüler bleibt ein Fünferschüler, egal wie viel Nachhilfe er bekommt, wie sehr sich seine Lehrerin auch um Förderung bemüht, einfach weil es Fünferschüler geben muss. Wir werden genötigt, Versager zu produzieren!", sagt die Lehrerin frustriert. Wütend macht sie der Satz, den sie in vielen Varianten in vielen Kollegien gehört hat: "Es gibt halt nun mal dumme Kinder."
Wie leicht diese Grundannahme zu beweisen ist, erlebte sie bereits in ihrer Zeit als mobil eingesetzte Lehrerin in einer klassenübergreifenden Probearbeit zum Thema "Der natürliche Kreislauf des Wassers". Da wurde zu ihrer Überraschung der Wolkenname "Cirrocumulus" abgefragt.
Sabine Czerny protestierte: Das habe man doch im Unterricht gar nicht vermittelt, da müssten die Kinder ja mehr wissen, als sie wissen können. Aber man brauche doch Fragen, die kaum einer beantworten kann, erwiderten die Kolleginnen. Und beruhigten sie: Der Begriff sei doch in einem Film gefallen, den man gemeinsam angeschaut habe. Da sei man "rechtlich abgesichert".
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(SZ vom 28.07.2008/mei)
Debatte über Urheberrecht
Ich kann Hans Knürr nur voll zustimmen. Auch meine Tochter war bei Frau Czerny in der 1. und 2. Klasse. Sie profitiert ebenfalls noch heute von deren Unterricht, was Arbeitsmethoden angeht, Lust am Lernen und Wissen, Kritikfähigkeit und vieles mehr.
ABER: Eine solche Lehrerin stört ganz offensichtlich den Schulfrieden! Die Lehrerinnen der Parallelklassen wollten oder konnten mit ihr nicht mithalten. Eltern von Kindern der Parallelklassen waren eifersüchtig, sie haben eine regelrechte Gerüchteküche über die "Eliteklasse" in Gang gesetzt.
Als Frau Czerny krank wurde, war die einhellige Meinung an der Schule, dass das Niveau in dieser Klasse heruntergefahren werden müsse. Das ist ein eindeutiger Beleg, dass all die gegen Frau Czerny erhobenen Vorwürfe oder Unterstellungen, sie würde zu gut benoten, nicht stimmen können.
Unser Schulsystem, vor allem in Bayern, hält eine solche Lehrerin ganz offensichtlich nicht aus. Mittelmaß ist dessen Credo. Binnendifferenzierung kennt diese Schule kaum. Der Stoff soll möglichst allen so vermittelt werden, dass sich die Noten dann normalverteilen, damit die Sortiererei in Gute, Mittlere und Schwache nicht gestört wird und genügend Menschenmaterial für die von den bayerischen konservativen Politikern geliebte Hauptschule übrig bleiben. Eine Schulform, die zum Beispiel Hamburg gerade abschafft und die es in kaum einem anderen OECD-Land gibt.
Was Frau Czerny offenbar nicht merkt: durch ihre Art zu unterrichten und Kinder soweit zu fördern, dass mehr als 90 % den Übertritt in eine weiterführende Schule schaffen, ist sie ein lebender Beweis für den Unsinn der frühen Selektion. Und weil die Politik an diesem Unsin festhält, siehe z.B. http://www.km.bayern.de/km/asps/presse/presse_anzeigen.asp?index=1481,
legt es das Schulamt darauf an, Frau Czerny mit Schikanen klein zu kriegen, damit sie sich ins System einfügt oder verschwindet.
Offenbar ist da das Schulamt in FFB besonders rigoros. Denn es gab immer wieder mal solche Lehrer. Zum Beispiel Frau Fee Czisch, die ebenfalls sogar an Problemschulen im Münchner Norden solche Übertrittsquoten hatte. Die hat allerdings aufgegeben und ist heute Professorin an der Uni in München.
Wers nachlesen will: Fee Czisch:
Kinder können mehr: Anderes lernen in der Grundschule.
Ich kann leider Frau Czerny nur wünschen, dass sie diesem Schulsystem und diesem Schulamt den Rücken kehrt, um ihrer eigenen Gesundheit willen. Intransigenz ist dort heiliges Prinzip.
Auch wir koennen den Beitrag von Iris Evert bestaetigen. Unsere Tochter ist in der 1. und 2. Klasse in den Genuss von Frau Czernys Lehrmethoden gekommen und wir hatten aehnlich positive Erlebnisse, von denen unsere Tochter heute noch profitiert.Man kann Kindern solche Art von Lehrern einfach nur wuenschen. Lehrer die behaupten, dass den Kindern die Ergebnisse von Proben bereits vor den Proben mitgeteilt wurden liegen absolut falsch. Die Kinder konnten den Stoff.
Grundsaetzlich ist klar zu erkennen, dass ueberdurchschnittlich engagierte Menschen in unserem Schulsystem als unangenehm und stoerend empfunden werden und anscheinend alles dafuer unternommen wird, dass solche Art von sogenannnten Stoerenfrieden Mundtod gemacht werden. Stattdessen waere wesentlich sinnvoller diese Menschen wesentlich mehr zu foerdern. Es ist beschaemend, wie wenig unsere Regierung im Vergleich zu anderen Laendern in die Bildung unserer Kinder investiert.
Es ist laengst bekannt, wie sehr unser Schulsystem einer Renovierung bedarf, doch unternommen werden nur zweifelhafte und unueberlegte Versuche eine Verbesserung zu erzielen - alles auf den Ruecken unserer Kinder. Es wird Zeit, dass am richtigen Ort investiert wird. Die Kinder sind unsere Zukunft.
Zitatanfang (aus dem Artike):
Ein Vater fuhr ins Schulamt und erinnert sich noch deutlich, wie er angeherrscht wurde: "Mit welchem Recht kommen Sie überhaupt hierher?"
Zitatende
Wann lesen wir das Follow-up in der SZ:
der "An-Herrscher" wurde aus dem Dienst entfernt.
Was immer auch das Thema ist, das Recht, ins Amt zu gehen behalten wir uns doch wohl alle vor?
Ich finde den Artikel erschütternd, haette es mir jemand erzaehlt, ich haette es nicht geglaubt. Geglaubt habe ich bis dato, Lehrer seien dazu angehalten, gegen die Gauss'sche Normalverteilung zu arbeiten und kein Kind hängen zu lassen.
Zu den Cirrocumulus:
Ein Prof an der Uni, gut ist nicht Schule wandte folgendes System an, was wir Studis als fair empfanden:
befriedigend - wer nur weiss, was in Vorlesung,. Seminar etc. kam
gut - wer mehr weiss, als gelehrt wurde
sehr gut - wer selbständig Leistung zeigt
Der Zynismus, der sich hinter dem Cirrocumulus-Beispiel zeigt, ist ekelhaft. Allerdings ist Cirroucumulus ein schlechtes Beispiel, denn eine Wolken form, die man selbst immer wieder am Himmel sieht, sollte man ab einem bestimmten Alter schon bezeichnen können.
Hoffentlich hat dieses wettergegerbte Lehrerensemble, das seine Wolkenformationen juristisch absichert, mit stratocumulus oder cirrocumulus keine Probleme.
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