Lehrer, deren Schüler zu gute Noten schreiben, werden systematisch ausgebremst. So geht es auch Sabine Czerny: Ihre Klasse lernt einfach zu schnell.
Der Satz knallte ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige: "Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!" Sabine Czerny, seit zehn Jahren Grundschullehrerin, konnte nicht fassen, was der Schulrat da in einer dienstlichen Unterredung befahl. Sich an das Niveau der Parallelklasse anzupassen - das hätte in ihrem Fall bedeutet, sich nach unten zu orientieren, schlechtere Resultate zu produzieren, nicht bessere.
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Zeugnis-Jubel: Kinder freuen sich über gute Noten. Doch Lehrer können Probleme bekommen, wenn ihre Schüler zu gute Noten schreiben. (© Foto: ddp)
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Doch sie hatte richtig gehört: Was den Vorgesetzten aus dem Schulamt störte, war die Tatsache, dass die Kinder aus Sabine Czernys zweiter Klasse einer Grundschule im Münchner Umland so gut lernten, dass sich die Eltern der Parallelklassen beschwerten.
Seit einem Jahr unterrichtet die 36-Jährige an einer anderen Grundschule in einer vierten Klasse. Und als vor Ende des bayerischen Schuljahres klar wurde, dass 91 Prozent der Kinder aus ihrer Klasse die Berechtigung erhalten würden, auf eine Realschule oder ein Gymnasium zu wechseln, kam es zum Eklat. Schon seit einiger Zeit hatte Sabine Czerny in dem Gefühl benotet, mit jeder Eins, die sie auf eine der klassenübergreifenden Proben schrieb, das Ende ihrer Laufbahn zu besiegeln. Die Rektorin setzte alles daran nachzuweisen, dass so viele gute Noten nicht sein konnten. Sie will sich zu dem Fall öffentlich nicht äußern.
Sabine Czerny konnte zunächst nicht verstehen, warum in Rektoraten, Schulämtern, im Ministerium niemand je wirklich verstehen wollte, wie es ihr mit schöner Regelmäßigkeit gelungen war, die Kinder für das Lernen zu begeistern. Stattdessen kolportierten Vorgesetzte den Ruf einer widerspenstigen Lehrerin, obwohl sie sie selbst gar nicht oder kaum kannten.
Hätte jemand nach dem Wie gefragt, hätte Czerny auf jahrelange Fortbildungen und autodidaktisches Studium in unterschiedlichen pädagogischen, medizinischen und psychologischen Richtungen verweisen können. Sie hätte erklärt, wie wichtig auch liebevolle und respektvolle Hinwendung zum Kind ist - und wie es durchaus sein kann, dass Kinder so erfolgreich lernen.
Ruf als Vollblutpädagogin
Zahlreiche Eltern aus ihren früheren Schulen und aus ihrer derzeitigen Schule versichern, sie sei eine Lehrerin, die diese Fähigkeiten tatsächlich habe, und schildern sie als Vollblutpädagogin, unter deren Einfluss sich ihre Kinder auffällig positiv verändert hätten. Einige setzten sich gar im Schulamt und bei der Regierung ein, als ruchbar wurde, wie unbeliebt sie sich mit ihren Methoden gemacht hatte. Ein Vater fuhr ins Schulamt und erinnert sich noch deutlich, wie er angeherrscht wurde: "Mit welchem Recht kommen Sie überhaupt hierher?"
Mittlerweile aber ist Sabine Czerny klar geworden, dass ihr Ärger viel mit dem Namen Gauß zu tun hat - und noch mehr mit einem System, das die nach dem Mathematiker benannte "Normalverteilung" klammheimlich zur Norm erhebt. Normalverteilung bedeutet, kurz gesagt, dass in der Natur Extreme selten sind, die breite Mitte dafür umso öfter auftritt.
Gauß hätte seine Beobachtung freilich nicht unbedingt in einer Lerngruppe von 30 Menschen machen können, und so schrieb die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits 1968 eine kZeugnirienbezogene Benotung vor, statt der bis dahin gültigen Orientierung am Leistungsdurchschnitt der Klasse. Benotet werden darf seitdem nur, in welchem Maße ein Schüler die "Anforderungen" erfülle. Die individuelle Leistungsnorm, die den persönlichen Lernfortschritt zu Grunde legt, wird nicht erwähnt.
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Ich kann Hans Knürr nur voll zustimmen. Auch meine Tochter war bei Frau Czerny in der 1. und 2. Klasse. Sie profitiert ebenfalls noch heute von deren Unterricht, was Arbeitsmethoden angeht, Lust am Lernen und Wissen, Kritikfähigkeit und vieles mehr.
ABER: Eine solche Lehrerin stört ganz offensichtlich den Schulfrieden! Die Lehrerinnen der Parallelklassen wollten oder konnten mit ihr nicht mithalten. Eltern von Kindern der Parallelklassen waren eifersüchtig, sie haben eine regelrechte Gerüchteküche über die "Eliteklasse" in Gang gesetzt.
Als Frau Czerny krank wurde, war die einhellige Meinung an der Schule, dass das Niveau in dieser Klasse heruntergefahren werden müsse. Das ist ein eindeutiger Beleg, dass all die gegen Frau Czerny erhobenen Vorwürfe oder Unterstellungen, sie würde zu gut benoten, nicht stimmen können.
Unser Schulsystem, vor allem in Bayern, hält eine solche Lehrerin ganz offensichtlich nicht aus. Mittelmaß ist dessen Credo. Binnendifferenzierung kennt diese Schule kaum. Der Stoff soll möglichst allen so vermittelt werden, dass sich die Noten dann normalverteilen, damit die Sortiererei in Gute, Mittlere und Schwache nicht gestört wird und genügend Menschenmaterial für die von den bayerischen konservativen Politikern geliebte Hauptschule übrig bleiben. Eine Schulform, die zum Beispiel Hamburg gerade abschafft und die es in kaum einem anderen OECD-Land gibt.
Was Frau Czerny offenbar nicht merkt: durch ihre Art zu unterrichten und Kinder soweit zu fördern, dass mehr als 90 % den Übertritt in eine weiterführende Schule schaffen, ist sie ein lebender Beweis für den Unsinn der frühen Selektion. Und weil die Politik an diesem Unsin festhält, siehe z.B. http://www.km.bayern.de/km/asps/presse/presse_anzeigen.asp?index=1481,
legt es das Schulamt darauf an, Frau Czerny mit Schikanen klein zu kriegen, damit sie sich ins System einfügt oder verschwindet.
Offenbar ist da das Schulamt in FFB besonders rigoros. Denn es gab immer wieder mal solche Lehrer. Zum Beispiel Frau Fee Czisch, die ebenfalls sogar an Problemschulen im Münchner Norden solche Übertrittsquoten hatte. Die hat allerdings aufgegeben und ist heute Professorin an der Uni in München.
Wers nachlesen will: Fee Czisch:
Kinder können mehr: Anderes lernen in der Grundschule.
Ich kann leider Frau Czerny nur wünschen, dass sie diesem Schulsystem und diesem Schulamt den Rücken kehrt, um ihrer eigenen Gesundheit willen. Intransigenz ist dort heiliges Prinzip.
Auch wir koennen den Beitrag von Iris Evert bestaetigen. Unsere Tochter ist in der 1. und 2. Klasse in den Genuss von Frau Czernys Lehrmethoden gekommen und wir hatten aehnlich positive Erlebnisse, von denen unsere Tochter heute noch profitiert.Man kann Kindern solche Art von Lehrern einfach nur wuenschen. Lehrer die behaupten, dass den Kindern die Ergebnisse von Proben bereits vor den Proben mitgeteilt wurden liegen absolut falsch. Die Kinder konnten den Stoff.
Grundsaetzlich ist klar zu erkennen, dass ueberdurchschnittlich engagierte Menschen in unserem Schulsystem als unangenehm und stoerend empfunden werden und anscheinend alles dafuer unternommen wird, dass solche Art von sogenannnten Stoerenfrieden Mundtod gemacht werden. Stattdessen waere wesentlich sinnvoller diese Menschen wesentlich mehr zu foerdern. Es ist beschaemend, wie wenig unsere Regierung im Vergleich zu anderen Laendern in die Bildung unserer Kinder investiert.
Es ist laengst bekannt, wie sehr unser Schulsystem einer Renovierung bedarf, doch unternommen werden nur zweifelhafte und unueberlegte Versuche eine Verbesserung zu erzielen - alles auf den Ruecken unserer Kinder. Es wird Zeit, dass am richtigen Ort investiert wird. Die Kinder sind unsere Zukunft.
Zitatanfang (aus dem Artike):
Ein Vater fuhr ins Schulamt und erinnert sich noch deutlich, wie er angeherrscht wurde: "Mit welchem Recht kommen Sie überhaupt hierher?"
Zitatende
Wann lesen wir das Follow-up in der SZ:
der "An-Herrscher" wurde aus dem Dienst entfernt.
Was immer auch das Thema ist, das Recht, ins Amt zu gehen behalten wir uns doch wohl alle vor?
Ich finde den Artikel erschütternd, haette es mir jemand erzaehlt, ich haette es nicht geglaubt. Geglaubt habe ich bis dato, Lehrer seien dazu angehalten, gegen die Gauss'sche Normalverteilung zu arbeiten und kein Kind hängen zu lassen.
Zu den Cirrocumulus:
Ein Prof an der Uni, gut ist nicht Schule wandte folgendes System an, was wir Studis als fair empfanden:
befriedigend - wer nur weiss, was in Vorlesung,. Seminar etc. kam
gut - wer mehr weiss, als gelehrt wurde
sehr gut - wer selbständig Leistung zeigt
Der Zynismus, der sich hinter dem Cirrocumulus-Beispiel zeigt, ist ekelhaft. Allerdings ist Cirroucumulus ein schlechtes Beispiel, denn eine Wolken form, die man selbst immer wieder am Himmel sieht, sollte man ab einem bestimmten Alter schon bezeichnen können.
Hoffentlich hat dieses wettergegerbte Lehrerensemble, das seine Wolkenformationen juristisch absichert, mit stratocumulus oder cirrocumulus keine Probleme.
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