Krawatten Wenn Männer plötzlich oben ohne arbeiten

Der morgendliche Griff an den Hals war vor wenigen Jahren in vielen Branchen noch selbstverständlich.

(Foto: Thomas Trutschel/imago)

Ob Top-Manager oder Sparkassenberater: Immer öfter lassen die Deutschen im Job die Krawatte weg. Nicht alle finden das gut.

Von Harald Freiberger

Wie hätten Sie Ihren Bankberater denn gern? Kunden der Stadtsparkasse München können seit einigen Tagen auf der Internet-Seite an einer Umfrage teilnehmen. Es ist wie bei den Bilderrätseln, die es früher auf der bunten Seite der Zeitung gab: Zwei identische Zeichnungen, nur an einer Stelle ist etwas anders. Finden Sie den Fehler!

Der Fehler bei der Umfrage der Stadtsparkasse München ist offensichtlich: Das Männchen ist ein Mal mit Anzug und roter Krawatte gezeichnet, das andere Mal mit Anzug und offenem Hemdknopf. Wer an der Umfrage teilnimmt, klickt auf eines der beiden Männchen. "Wir werden das nach einigen Wochen auswerten", sagt Sprecher Joachim Fröhler. Wenn die Ergebnisse entsprechend ausfallen, wird passieren, was einer Revolution gleichkommt: Erstmals werden hinter den Schaltern der Bank Männer ohne Krawatte stehen.

Woanders hat die Revolution schon stattgefunden. Die Hamburger Sparkasse lockerte den Dresscode vor einem Jahr. Dort sind sogar dunkle Jeans und T-Shirt erlaubt. Auch die Sparkasse Fürstenfeldbruck schaffte die Krawattenpflicht ab. In einer Umfrage hatten vier von fünf Kunden angegeben, dass das für sie okay ist.

Das Einmaleins der Anzugträger

Von wegen, Männer haben es in Kleidungsfragen einfacher. Wie etwa werden Oxfordschuhe richtig gebunden? Wo endet die Krawatte? Und dürfen Hemdsärmel hochgekrempelt werden? Tipps zum stilsicheren Auftritt im Business. Von Dorothea Grass mehr ... Ratgeber

Sparkassen gelten von jeher als Hort der Seriosität. Die Krawatte, meist im hellen Rot der Bankengruppe, gehört genauso zu ihnen wie das Logo. Wenn sich selbst bei ihnen die Sitten lockern, zeigt dies, dass der Trend in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Aldi-Nord schaffte vor wenigen Monaten die Krawattenpflicht für seine Manager ab. Selbst Top-Leute lassen den Schlips immer öfter weg. Das Foto von Daimler-Chef Dieter Zetsche in weißen Sneakers, hellen Jeans, Hemd mit offenem Kragen und hellblauem Sakko hat sich vielen eingeprägt. Bei Metro-Chef Olaf Koch wird es schon betont, wenn er ausnahmsweise mal wieder Krawatte trägt. Allianz-Chef Oliver Bäte zeigt sich immer öfter oben ohne. Auf einem Investorentag des Versicherers trug vor Kurzem nur noch ein Vorstand Krawatte: Finanzchef Dieter Wemmer. Aber der geht bald in Ruhestand.

Noch vor wenigen Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen. Versucht man den Ursprung des Trends zu ergründen, landet man wohl bei Steve Jobs, dem legendären Gründer von Apple, der seine revolutionären Neuerungen stets im schwarzen Rollkragenpullover ankündigte. Er grenzte sich damit bewusst gegen die Old Economy ab. Und er prägte das Bild: Digitale Erneuerer tragen keine Krawatte.