Von Jeannette Goddar

"Pädaudiologie und Phoniatrie" ist eines der jüngsten fachärztlichen Gebiete.

(SZ vom 17.11.2001) Wenn Petra Zwirner einen kleinen Patienten überwiesen bekommt, der mit vier Jahren immer noch nicht richtig sprechen kann, beginnt oft eine mehrstündige Diagnose: In einem aufwändigen Verfahren wird getestet, ob der Patient schwerhörig ist. Auch der allgemeine Entwicklungsstand wird untersucht. Nicht zuletzt wird die Familie unter die Lupe genommen: Wenn mit Kindern nicht geredet wird, lernen diese in der Regel auch nicht altersgemäß sprechen.

Anzeige

Junge Disziplin

Petra Zwirner ist Chefärztin in der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Vestischen Kinderklinik Datteln, einem Teil der Klinik Witten-Herdecke. "Phoniatrie und Pädaudiologie" ist eines der jüngsten fachärztlichen Gebiete: Erst 1992 wurde der Disziplin vom Deutschen Ärztetag die Selbstständigkeit und damit eine eigene Weiterbildungsordnung zugesprochen. Die Phoniatrie und Pädaudiologie umfasst das gesamte Feld der so genannten Kommunikationsstörungen.

Die therapeutische Arbeit der Phoniater und Pädaudiologen ist umfassend: Im Fall der kindlichen Schwerhörigkeit ist es mit dem Verpassen eines Hörgeräts längst nicht getan: Je nach Schwere der Sprechstörungen wird eine umfassende Hörerziehungs- und Sprachförderungstherapie entworfen; auch heilpädagogische und ergotherapeutische Maßnahmen werden erwogen.

Das therapiebedürftige schwerhörige Kind ist aber nur einer von vielen Fällen, die in der jungen Disziplin landen. Auch Erwachsene mit Sprech- oder Schluckstörungen, Tumorpatienten und Menschen mit Knötchen im Hals sind unter den Patienten zu finden.

Fachärzte gesucht

Zurzeit gibt es an deutschen Universitäten 13 Lehrstühle für Phoniatrie und Pädaudiologie sowie 35 nicht-universitäre Kliniken mit einschlägigen Fachärzten. Niedergelassen sind nach Angaben des Deutschen Berufsverbands der Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie 94 Ärzte. Der Bedarf ist nach Angaben des Berufsverbands damit allerdings längst nicht gedeckt: Benötigt würden bundesweit rund 700 Fachärzte.

Wie diese allerdings künftig ausgebildet werden sollen, ist noch völlig offen. Die Bundesärztekammer (BÄK) hat Ende September einen Entwurf verschickt, demzufolge die eigenständige Gebietsbezeichnung wieder in das Fachgebiet eingegliedert werden soll, aus dem sie einst ausgegliedert wurde: in die HNO-Medizin. Sollte die BÄK sich mit ihrem Entwurf durchsetzen, wären Phoniater und Pädaudiologen wie schon vor 1992 nichts anderes als spezialisierte HNO-Ärzte.

Von Seiten der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) hielte man das für einen eklatanten Rückschlag für die Disziplin: "Was unsere Fachärzte lernen und können, geht über die überwiegend chirurgisch orientierte HNO-Medizin weit hinaus", konstatiert Eberhard Kruse, Präsident der DGPP. Auch habe sich gezeigt, dass die bisher ausgebildeten 211 Fachärzte problemlos auf dem medizinischen Arbeitsmarkt untergebracht worden seien.

Leser empfehlen