Es wird Zeit, Humboldt neu zu denken.
Heute gibt es zwei Millionen Studenten in Deutschland. Wenn ein Teil von ihnen am Samstag demonstrierend auf die Straße geht, mögen sich manche Passanten denken: Es sind eh zu viele. Das ist falsch. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Studenten - wir brauchen aber auch andere Universitäten. Sie sind auf die heutigen, geschweige denn die zukünftigen Studentenzahlen nicht vorbereitet.
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Der Student, der einen Seminarplatz ergattert oder einen Professor findet, der die Abschlussarbeit ordentlich betreut, der hat Glück gehabt. Die geplanten Studiengebühren werden das katastrophale Betreuungsverhältnis allenfalls abmildern. Das ist tragisch, denn: In zehn, zwanzig Jahren muss der Hochschulabschluss so verbreitet sein wie heute das Abitur. Mit der traditionellen Universität ist der Weg in die Wissensgesellschaft allerdings nicht zu schaffen.
Romantisches Ideal
Deutschland braucht mehr Akademiker, weil die Arbeitswelt sich ändert. Heute muss schon der Heizungsmonteur eine Menge Elektronik verstehen, um einen Gasbrenner programmieren zu können. Natürlich werden Mechaniker und Friseure weiterhin gebraucht, doch die Nachfrage wird sich zu akademischen Absolventen verschieben.
Während andere Länder das längst erkannt haben, ist hierzulande die Abiturientenquote niedrig gehalten worden - aus dem irrigen Glauben heraus, eine Öffnung des Gymnasiums würde automatisch ein schlechteres Niveau bedeuten. Dass gute Leistungen und eine breite Förderung sich nicht ausschließen, haben die Pisa-Erfolge Finnlands und Schwedens belegt. Doch man muss gar nicht so weit schauen: Auch in Baden-Württemberg gelingt es, mit beruflichen Gymnasien überdurchschnittlich viele Abiturienten mit guten Ergebnissen zu entlassen.
Vor 40 Jahren begann mit Georg Pichts Warnung vor einer Bildungskatastrophe die große Expansion der Hochschulen. Zugleich hielt man aber am romantischen Ideal des Studenten fest, der einsam in seinem Kämmerchen Bücher wälzt und nach Jahren des Studiums beim Professor auftaucht, um sich den Magister als Ritterschlag zu holen. Deutschland schuf die Massenuniversität, ohne sie den Massen anzupassen. Noch immer gilt die Hochschule als exklusiver Hort hehrer Bildung, wo man sich den Geist freistrampelt und die Persönlichkeit formt.
Mär der Gleichheit
Gerne wird dabei Wilhelm von Humboldt zitiert, der das kriegsgeschundene Preußen an seinen Universitäten genesen lassen wollte und gegen den Utilitarismus predigte. Noch immer haftet dem Wort "Berufsausbildung" an der Universität etwas Unanständiges an. Die Universität ist also nicht nur in einer Finanz-, sondern auch in einer Sinnkrise. Die Berufsbildung muss akademischer werden. Das erfordert ein anderes Studium und eine andere Hochschule. Die Diskussion darüber ist aus Angst vor dem ideologisch befrachteten Begriff der Elite unterdrückt worden. Doch die Förderung einer Elite wird genauso notwendig sein wie die einer breiten Basis. Das gilt für Universitäten und für Studenten.
Schon jetzt sind unter den Hochschulen viele gute, manche hervorragende, aber auch mittelmäßige. Dennoch halten die Hochschulen an der Mär der Gleichheit fest. Die von Humboldt propagierte Einheit von Forschung und Lehre konnte man sich in Zeiten kleiner, feiner Wissenszirkel leisten, als ein paar Tausend studierten. Heute kann nicht mehr jede Universität eine exzellente Forschungsstätte sein und sich mit Harvard messen, abgesehen davon, dass es auch in Amerika nur ein paar Hand voll Harvards gibt. Man wird den Mut haben müssen, den Wettbewerb der Hochschulen um Geld und Studenten zuzulassen.
Bislang soll jeder Student in Deutschland das akademische Maximalprogramm absolvieren. Das heißt: fünf, sechs, sieben Jahre an der Hochschule. Wer scheitert, hält nichts in den Händen. Die lange Studienzeit wirkt auf viele abschreckend, zumal in zahlreichen Fächern Verantwortungslosigkeit regiert: Unter dem Vorwand, das Studium nicht verschulen zu wollen, werden Studenten sich selbst überlassen.
Allgemeine Verunsicherung
Nur wenn es gelingt, dem Studium eine klare Struktur zu geben, können die Hochschulen mehr Studenten ausbilden. Bachelor und Master, die neuen Abschlüsse nach angelsächsischem Vorbild, sind der richtige Weg. Mit dem Bachelor können viele Studenten einen niedrigeren akademischen Abschluss erlangen; wer länger studieren will oder eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, kann danach weitermachen. Mit kapitalistischer Bewirtschaftung von Bildung hat das nichts zu tun. Ohnedies bringt der Bachelor keinen Spareffekt, denn die kürzere Studienzeit erfordert eine bessere Betreuung der Studenten.
Die Studienreform droht allerdings an einer großen, allgemeinen Verunsicherung zu scheitern. Universitäten setzen sie nur halbherzig um: Alte Diplome bleiben bestehen, in neue Studiengänge wird zu viel hineingepackt. Was Humboldt vom Studium auch erwartete, machen zumindest die guten US-Universitäten mit ihrem Bachelor vor: eine breite Allgemeinbildung, das kritische Nachdenken über die Inhalte, den engen Kontakt zu den Dozenten, später eine vertiefte Ausbildung in zwei Fächern.
Es wird Zeit, auch in Deutschland Humboldt neu zu denken.
(SZ vom 11.12.2003)
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