Kolumne "Was ich am Job hasse" Ich verdiene doch mehr!

Bei der Gehaltsverhandlung gehen die Vorstellungen bisweilen ein wenig auseinander.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Fast jeder ist überzeugt: Eigentlich ist meine Arbeit mehr wert. Leider sieht der Chef das nicht so klar.

Kolumne von Katja Schnitzler

Es soll Angestellte geben, die Gehaltsverhandlungen mit solcher Finesse führen, dass ihr Vorgesetzter von sich aus zusätzliche Urlaubstage, ein Diensthandy oder gar einen Firmenwagen anbietet. Ich gehöre nicht dazu. Bei der Talentvergabe ist mein Verhandlungsgeschick unter den Tisch gefallen. Ich war wohl zu höflich, den Schöpfer darauf hinzuweisen oder es gar einzufordern - im Glauben, er würde es mir bestimmt von sich aus nachträglich verleihen. Leider hat der Schöpfer anderes zu tun, ich warte immer noch.

So muss ich genetisch unvollkommen versuchen, ein paar Euro mehr bei der Chefin herauszuschlagen. Nicht einknicken, nicht zu viel lächeln, sachlich argumentieren und standhaft bleiben, das Ziel vor Augen! Schließlich habe ich es verdient.

Komme ich nicht jeden Tag beinahe pünktlich ins Büro, trotz Morgenstau im Bad und auf der Straße? Ertrage ich nicht die längsten Konferenzen fast klaglos bis zum Ende und steuere noch konstruktive Lösungsvorschläge bei? Treibe ich nicht Projekte voran, ohne andere abzuhängen, schließlich bin ich Team-Player? Bin ich nicht diejenige, die abends noch am Schreibtisch sitzt, während die anderen je nach Wetter in Bar oder Biergarten feiern?

Ja, müsste nicht eigentlich die Unternehmensführung zu mir kommen, den Orden in der einen und eine dicke Lohnerhöhung in der anderen Hand?

500 Euro mehr sollten schon drin sein

Als ich zum Termin erscheine, hat meine Chefin keinen Orden, sondern einen Rotstift zur Hand, vor sich die ausgedruckte Budgetplanung. Doch von solch subtilen Signalen lasse ich mich nicht vom Ziel abbringen - 500 Euro mehr sollten schon drin sein.

Chefin: "Und, wie geht es dir?" (Immer positiv Interesse zeigen, negativ wird es noch früh genug.)

Ich: "Gut, danke der Nachfrage." (Zu einem "Sehr gut" fehlen 500 Euro.)

. . .

An dieser Stelle kürzen wir um drei Minuten Wohlfühlatmosphären-Geplänkel und zwei Minuten Aufs-Thema-Kommen.

. . .

Ich: "Erst vergangene Woche habe ich unser Projekt erfolgreich abgeschlossen, das - so viel Eigenlob muss jetzt einfach mal sein - ohne mich nie zu einem Ende gekommen wäre." (Da übertreibe ich wirklich nicht, die Schnarchnasen hätten noch ein halbes Jahr gebraucht, wenn ich nicht Druck gemacht hatte.)

Chefin: "Ach wirklich." (Die Kollegen haben schon berichtet, wie sie genervt hat. Und alle deshalb Arbeiten abgegeben haben, mit denen sie noch nicht wirklich zufrieden waren - nur um von ihr und ihrem Abgabetermin-Fetisch erlöst zu sein.)

Ich: "Und du musst zugeben, die Konferenzen wären ohne meine Lösungsvorschläge noch viel länger." (Darauf muss sie doch anspringen!)

Chefin: "Ach ja?" (Und darauf soll ich anspringen? Wir zahlen hier schließlich nicht fürs Schweigen und Hirn ausschalten ...)

Ich: "Es wäre also höchste Zeit, dass wir an meinem Gehalt was drehen." (Hm, jetzt lehnt sie sich zurück, aber solange sie nicht die Arme verschränkt, sieht es noch gut ... verflixt, sie verschränkt die Arme.)

Chefin: "Ach so." (Das wäre ja noch schöner. Aber lass sie ruhig noch ein bisschen weiterreden, dass sie sich ernst genommen fühlt. Hoppla, verräterisches Körpersignal - also: aufrichten und zugewandt nach vorne beugen, wie im Führungskräfte-Seminar gelernt.)

"Leider, leider sind mir die Hände gebunden"

Chefin: "Über welche Summe reden wir denn hier?" (Nicht lachen, du darfst nicht lachen, denk an was Trauriges ... denk an ... dein Budget! Nicht lachen ...)

Ich: "Ich finde, 500 Euro wären durchaus angemessen." (Mist, ich hätte 700 Euro sagen sollen und mich runterhandeln lassen, verflixt!)

Chefin (lacht): . . . "Tschuldigung, habe mich . . . verschluckt." (Budget! Budget!)

Die Chefin hält sich am Papier fest und räuspert sich vernehmlich: "Du hast völlig recht, 500 Euro wären mehr als angemessen für deine Leistung." (Ich kreuze jetzt mal meine Zehen - ich glaube, das gilt auch.)

Ich (etwas überrascht): "Das freut mich, dass du das auch so siehst." (Läuft ja bestens.)

Chefin (tippt mit dem Rotstift auf den Budgetplan): "Nur leider, leider sind mir die Hände gebunden, der Geldhahn ist zugedreht - mit dem Rotstift notiere ich unser dickes Minus. Hoffentlich brauche ich ihn nicht für mehr ..." (Ich bekomme gleich einen Krampf in den gekreuzten Zehen.)

Ich (entsetzt): "Du redest von ... Stellenstreichungen?" (Ich hatte ja keine Ahnung!)

Chefin (verschwörerisch flüsternd): "Mal den Teufel lieber nicht an die Wand. Aber das bleibt unter uns, das ist topsecret. Aber dir kann ich da vertrauen."

(Ich nicke, bei mir ist das Geheimnis gut aufgehoben.)

Chefin (noch leiser): "Ich weiß zwar nicht, wo ich es herausrechnen kann. Aber ganz ohne einen kleinen Aufschlag kann ich dich doch nicht gehen lassen." (Obwohl ... ach was, ein bisschen Motivation schadet nicht.)

Ich (ebenso leise): "Also, in einer so schwierigen Lage, verstehe ich natürlich vollkommen ..." (Bald muss man zahlen, um zur Arbeit gehen zu dürfen.)

Chefin (wispernd): "50 Euro im Monat mehr, nur für dich, das bekomme ich hin. Aber kein Wort zu den anderen."

Ich: "Das weiß ich wirklich zu schätzen." (Ha, und ich dachte, ich hätte kein Talent für Gehaltsverhandlungen!)

Heute endet die Kolumne "Was ich am Job hasse" - alle Folgen finden Sie unter www.sz.de/was_ich_am_Job_hasse

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