Kolumne "Was ich am Job hasse" Lebst du schon oder arbeitest du noch?

Wenn Überstunden nicht genug sind: Manche Kollegen verlegen sogar die Nachtruhe ins Büro.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Überstunden sind ein notwendiges Übel, denken manche. Nicht alle davon sind Chefs.

Kolumne von Katja Schnitzler

Es gibt drei Typen von Angestellten, die Überstunden machen: Zum einen den Karrieristen, der noch nicht mitbekommen hat, dass Mehrarbeit am Abend inzwischen nur noch von Chefs hinter dem Mond als besonderer Fleiß interpretiert wird. Alle anderen Führungskräfte kennen die Studien, dass der Abendarbeiter nur seinen Tag nicht richtig strukturieren kann. Karrieristen aber gehen grundsätzlich davon aus, dass ihr Chef hinter dem Mond lebt und beeindruckt werden will: Also schicken sie ihre Mails mit dem Betreff "Schau, wie fleißig ich bin" betont spät und unterbrechen ihren überlangen Arbeitstag höchstens für ein kleines Nachtnickerchen daheim. Oder schlummern gleich im Büro.

Was die Karrieristen nicht wissen: Die Schlaueren unter ihren Kollegen terminieren den Sendezeitpunkt ihrer Mails manuell nach hinten und verlassen das Haus bereits kurz nach dem Chef. Dank des erholsamen Feierabends fällt ihnen tagsüber das Arbeiten leichter und auch der entspannte Blick zurück, wenn sie bei der nächsten Beförderung den Karrieristen überholen.

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Falls die Schlaueren einmal Überstunden machen sollten, dann nur, weil sie zur zweiten Gruppe gehören: den Stressspitzen-Arbeitern. Diese tun sich Überstunden wirklich nur bei wichtigen Projekten an, wenn die Zeit knapp und der Druck groß wird. Unter diesen widrigen Umständen schaffen die Stressspitzen-Arbeiter aber abends tatsächlich noch etwas weg. Zwischendurch wird zwar gezetert, gewütet und gebrüllt, weil natürlich ausgerechnet jetzt die Technik versagt, wenn man sie mal braucht. Aber irgendwie und irgendwann hetzen die Stressspitzen-Arbeiter doch noch ins Ziel. Waren sie dabei nicht allein, stoßen sie anschließend gemeinsam darauf an, kurz vor knapp doch nicht untergegangen zu sein.

Wie war das noch mal mit Sisyphos und dem Stein?

Die dritte Gruppe aber ist die größte: die Erben des Sisyphos. Schon beim Urvater der Überstunden ist nicht ganz klar, warum er den Felsbrocken immer wieder einen Hang in der Unterwelt empor wuchten musste. Und auch seine Nachfolger haben keine Ahnung, womit sie die tägliche Mehrarbeit verdienen - außer sie hatten den Arbeitstag mit ausgedehnten Kaffee-, Zigaretten- und Mittagspausen sowie dem Zählen der verbleibenden Büroklammern in die Länge gezogen. Meist sitzen Sisyphos-Erben aber deshalb so lange im Büro, weil dies beim Unternehmenskalkül "weniger Angestellte bei gleicher Arbeit steigern den Gewinn" eben herauskommt.

Die Dauersitzer merken selbst kaum, wann sie eigentlich Feierabend hätten, weil der Aktenstapel auf ihrem Schreibtisch den Lichteinfall behindert. Dieser Stapel scheint ein wahres Wunderwerk zu sein, wenn auch kein erfreuliches: Egal wie viel Arbeit man hineinsteckt, wird er doch nicht kleiner. Das bemerkt auch der Chef, wenn er auf dem Nachhauseweg nochmal kurz über die Aktensammlung linst. Da habe man aber noch einiges vor sich, sagt er und mahnt väterlich: "Machen Sie aber nicht mehr so lange." Komisch, dass sich der Arbeitnehmer gar nicht über die Fürsorge zu freuen scheint. Undankbarer Kerl.

Letztlich läuft es bei allen drei Überstunden-Typen auf dasselbe hinaus: Sie sind noch am Schuften, wenn andere schon ruhen. Oder privat leben. Weil das auf Dauer zu schlechter Laune und einer hohen Scheidungsrate führt, kann man entweder kündigen und sein Glück im nächsten Betrieb versuchen.

Oder bleiben und Karriere ohne Stressspitzen und einstürzende Aktenstapel machen: ein wichtiges Projekt übernehmen, dafür ins Team einen Organisator holen, der konstruktive Terminplanung liebt und sowohl Aufschieben als auch Überstunden hasst - und mit Hinweis auf dieses wichtige Projekt weitere Akten bedauernd ablehnen. Oder dem Schredder überlassen.

Und dann? Wird gefeiert.

Die lieben Kollegen, das Gegen- statt Miteinander im Büro, dazu die Chefs - und nicht einmal der Computer versteht einen. Vieles raubt im Arbeitsalltag den letzten Nerv. Zum Glück sind Sie damit nicht allein: Die neue Kolumne "Was ich am Job hasse" von Katja Schnitzler, immer dienstags auf SZ.de.

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