Von Johann Osel

"Wir bilden keine Heiligen aus": Schulen in kirchlicher Trägerschaft können sich vor Interessenten kaum retten. Denn es geht um mehr, als bloß die Vermittlung von Wissen.

Die Luke an der Glasvitrine sitzt tief, deshalb muss sich Othmar Würl immer wie in einer Kirchenbank niederknien, wenn er den "Schatz" hervorholt. Blättert er in dem mächtigen, prunkvollen Wälzer mit den bunten Verzierungen, dann geht dem Direktor des kirchlichen Sankt-Irmengard-Gymnasiums in Garmisch-Partenkirchen sichtlich das Herz auf.

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Das Kreuz als Symbol des Glaubens ist in kirchlichen Schulen eine Selbstverständlichkeit. Entscheidend sei aber vielmehr der Umgang nach dem Ideal der Nächstenliebe, sagen die Kirchen. (© Foto: dpa)

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Seine Schülerinnen selbst haben die Bibel in Handarbeit gefertigt, bei Gottesdiensten in der schuleigenen Kapelle wird daraus verlesen, der Pfarrer trägt sie beim Einzug wie eine Monstranz vor sich her. "Unser eigenes Evangeliar, das schafft Identität mit der Schule", sagt Würl und stöbert bei Matthäus. Oben in der Ecke steht jeweils das Kürzel der Evangelisten mit Verszahl, Mt., Mt., Mk., Mt. - Moment, etwa nicht in der exakten Reihenfolge? Was hat eine Markus-Passage hier zu suchen? Ein kleiner Fehler bei der Beschriftung, so stellt sich heraus, sechs Jahre lang war er unbemerkt geblieben.

Liebenswürdiger Stolz

Das ist freilich ein verzeihlicher Schnitzer und die ganze Episode nur eine Lappalie, würde sie nicht genau das unterstreichen, was Würl kurz zuvor gesagt hatte. Da ging es um den Erfolg von Schulen in kirchlicher Trägerschaft, um die Beliebtheit solcher Einrichtungen bei Eltern und darum, dass Studien ihnen oft bessere Absolventen bescheinigen als den staatlichen Schulen. Und da hatte Würl erklärt, was ihm das christliche Menschenbild bei der Erziehung bedeutet, er hatte seine Schule mit liebenswürdigem Stolz in allen Facetten präsentiert; aber auch gesagt, dass es nicht darum gehe, staatlichen Schulen den Rang abzulaufen, sie in Rankings auszustechen: "Wir bilden keine Heiligen aus. Wir kochen auch nur mit Wasser."

Artikel sieben des deutschen Grundgesetzes räumt freien Trägern, und eben auch kirchlichen, das "Recht zur Errichtung von privaten Schulen" ein. Bundesweit gibt es etwa 1100 Schulen in katholischer und ungefähr ebenso viele in evangelischer Hand, von Grund- und Förderschulen bis zu Gymnasien oder Berufsakademien - Tendenz steigend, auch die Nachfrage wächst. "Mit dem Recht, Schulen zu gründen und zu betreiben, verbindet sich der Anspruch an katholische Schulen, gute Schulen zu sein", sagt Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Die regionale Verteilung quer über Deutschland entspricht grob der Zahl der Katholiken in den jeweiligen Bundesländern. Das heißt: Gut zwei Drittel der mehr als tausend Schulen befinden sich alleine in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg - der Osten ist hingegen eher eine Art schulpolitisches Entwicklungsland für die katholische Kirche.

Das Fremde darf nicht befremden

Ganz anders bei der evangelischen Konfession: Hier beruht die Zunahme auf einem rasanten Anstieg in den neuen Ländern, fast ein Drittel der evangelischen Schulen steht im Osten. Das bringt besondere Herausforderungen mit sich, heißt es in einer Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), "weil für fast die Hälfte aller Schüler und deren Familien der christliche Glaube und die Kirche fremd sind". Man müsse die Schüler deswegen so behandeln, "dass sie das Fremde nicht befremdet, sondern ihre Neugierde weckt".

In Garmisch-Partenkirchen bei Rektor Würl ist das nicht so, eine kirchliche Schule ist in dieser Gegend kein Exot. Der katholische Glaube gehört hier im Alpenvorland so selbstverständlich zum Alltag dazu wie Brauchtum, Vereinsleben oder die Schneemassen vor der Haustür.

Penible Bewerbungsgespräche

Harald Oberrenner weiß aber auch von ganz anderen Zuständen zu berichten, von peniblen Bewerbungsgesprächen und stapelweise Absagen an Eltern. Er ist im Schulamt der Erzdiözese München-Freising für 21 Einrichtungen mit etwa 12.000 Schülern und mehr als tausend Lehrern zuständig - als Organisator für dieses kleine christliche Bildungsimperium, "auch schon mal als Sparkommissar", sagt er. Oberrenner ist Betriebswirt, früher hatte er im Klinikbereich gearbeitet, zuvor in der Rüstungsindustrie - ein Manager im Kirchendienst sozusagen. Als er 1995 den Job anfing, seien es nur 5000 Schüler gewesen - "seither der Zulauf, und das ganz ohne Werbekampagne."

Die Nachfrage sei weitaus höher als das Angebot an Plätzen, sagt Oberrenner und berichtet vom Fall einer Ganztagsschule im Münchner Raum: 100 Plätze gebe es dort, 130 weitere Bewerbungen musste man ablehnen, die Zahl der Interessenten sei noch deutlich größer gewesen. Einen "kirchlichen Wachstumsbetrieb" nennt Oberrenner - ganz Betriebswirt - das.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die kirchlichen Schulen für Eltern so interessant macht.

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