Kirche und Universität Gottloser Hörsaal

Sie fordern die Aufhebung des Tanzverbots an Feiertagen und eine Forschung frei von Dogmen: Die Studentengruppe "Laizisten" bekämpft den Einfluss der Kirche an den deutschen Hochschulen.

Von Bernd Kramer

Die Party endet früh. Als die Studenten die Göttinger Clubs um Mitternacht verlassen müssen, erwarten Matthias Bergmann und seine Mitstreiter sie draußen am Eingang mit einem Stapel Flugblätter. "Er hat keine Lust auf Party", steht dort neben dem Konterfei eines böse blickenden Bischofs.

Die feierfreudigen Studenten sind irritiert: Machen sich hier christliche Fundamentalisten einen Spaß auf ihre Kosten? Im Gegenteil. Die Aktion ist als Protest gegen den verordneten Feierstopp gedacht: "Die Party endet heute schon nach Mitternacht, weil Tanzveranstaltungen in Niedersachsen nach § 6 des Feiertagsgesetzes karfreitags verboten sind", klärt das Blättchen auf. Und in großen Lettern prangt: "Religionsprivilegien abwracken."

Matthias Bergmann ist Mitglied der Göttinger "Laizisten", einer Hochschulgruppe, die sich gegen den Einfluss der Kirche und für einen weltanschaulich neutralen Staat einsetzt. "Von dem Feiertagsgesetz haben vor unserer Aktion die meisten noch nie gehört." Und wie gewaltig die Kirchen an den Unis mitmischen: Viele seiner Kommilitonen würden davon nicht einmal etwas ahnen, sagt der Jurastudent. Auch in anderen Uni-Städten formieren sich ähnliche Gruppen.

Radikale Laizisten verbünden sich, in Berlin entstand im vorigen Jahr erstmals ein Dachverband der Konfessionslosen. Dass sie die Hochschulen entdecken, war nur eine Frage der Zeit. "Die theologischen Fakultäten werden von der Kirche regiert, aber vom Staat finanziert. So etwas kann nicht sein", empört sich Bergmann.

Zweifel an der Auferstehung Jesu

Das Paradebeispiel der Laizisten ist der Fall des Göttinger Theologen Gerd Lüdemann: In den neunziger Jahren meldete dieser Zweifel an der Auferstehung Jesu an, die evangelische Landeskirche war erzürnt. Die Uni musste ihren Staatsbeamten schließlich auf einen neuen, nicht-konfessionsgebundenen Lehrstuhl abschieben, um die Proteste zu besänftigen. Oder der Fall Muhammad Kalisch: Der Inhaber des Lehrstuhls für die Ausbildung islamischer Religionslehrer an der Uni Münster wurde im vergangenen Jahr kaltgestellt, nachdem er mit seinen Forschungsthesen bei islamischen Verbänden in Ungnade gefallen war.

Geht es nach den studentischen Laizisten, müssten die theologischen Fakultäten in Fakultäten für Religionswissenschaften umgewandelt werden. Glaube und Religiosität sollen dort frei von Dogmen erforscht werden - nur das rechtfertige eine staatliche Finanzierung. Die Ausbildung von Priestern und Religionslehrern soll die Kirche bitte selbst organisieren. Doch selbst da, wo es nicht um Theologie geht, bestimmen derzeit die Kirchen mit, beklagen die Laizisten.

Der Vatikan darf bei Verträgen mitentscheiden

In Bayern darf der Vatikan dank alter Verträge an manchen Unis sogar bei weltlichen Fächern wie Soziologie oder Geschichte mitentscheiden, wer zum Professor berufen wird. Diese sogenannten Konkordatslehrstühle sind besonders heikel: Die Studenten wissen oft nicht, dass ihr Professor den Segen eines Bischofs brauchte. Semester für Semester durchforsten Bergmann und seine Aktivisten das Internet nach den Lehrveranstaltungen der Professoren und schreiben die Studenten an, die sich beim Netzwerk StudiVZ mit diesen Vorlesungen und Seminaren eingetragen haben. Sie alle erhalten eine Einladung zu einem Forum namens "Konkordatslehrstühle - katholisch gefiltertes Studium?!".

Im Internet wird darüber heftig diskutiert. Nicht alle verstehen das Anliegen der Laizisten: "Ich check echt nicht, was das Problem sein soll." Der Laizismus sei auch nur "eine besondere Glaubensrichtung, die sich dem Ideologieverdacht stellen muss", schreibt ein anderer. Und ein Student sagt, er habe noch "keine Bekehrungsversuche" im Seminar erlebt. Der bischöfliche Segen? Nur halb so wild.

Zehn Jahre lang Messdiener

Halb so wild? Jura-Student Matthias Bergmann sagt, Menschen mit dem "falschen" Glauben hätten wegen der Konkordatsregelung keine gleichberechtigte Chance auf ein öffentliches Amt. Bergmann betont, er sei gar nicht gegen die Religion an sich, jedoch für eine strikte Trennung zum Staat und seinen Institutionen. Der Laizist war früher selbst zehn Jahre lang Messdiener.