Von Beate Meichsner

Kindergärten sollen zu Bildungsstätten werden, doch dafür sind Erzieher nicht richtig ausgebildet.

(SZ vom 24.9.2002) Bildung soll, so die Erkenntnis seit Pisa, möglichst früh anfangen - am besten schon im Kindergarten. Dort verbringt schließlich ein Kind hierzulande etwa 4.000 Stunden seines Lebens. Aber bekommt es auch Bildung verabreicht? Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern stand in Deutschland bisher das Spielen im Vordergrund, aus Angst, man könne die Kleinen überlasten. Die Schulbank drücken sie schließlich noch lange genug, so die verbreitete Ansicht.

Wird im Kindergarten zu viel gespielt? (© )

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Neugier gefragt

Damit hängt auch zusammen, dass neben Österreich Deutschland das einzige europäische Land ist, das keine einheitliche und wissenschaftliche Ausbildung für seine etwa 150.000 Erzieher und Kinderpfleger verlangt. Sie haben - nach einem Realschulabschluss oder einer Berufsausbildung - meist drei Jahre an einer Fachschule für Sozialpädagogik verbracht.

Für die zweijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin ist lediglich der Hauptschulabschluss erforderlich, während ein Reisekaufmann häufig Abitur braucht, um Urlaubsreisen vermitteln zu dürfen. Dabei sind sich Experten einig, dass Erzieher die Neugier von Kindern nur fördern können, wenn sie selber viel wissen und auch wissen wollen.

So schnell wie möglich müsse das Ausbildungsniveau deutscher Erzieherinnen angehoben werden, meint Otto Filtzinger, Direktor des Mainzer Instituts für Interkulturelle Pädagogik im Elementarbereich und fordert als Voraussetzung für eine mindestens dreijährige Ausbildung das Abitur.

Schon für die gegenseitige Anerkennung innerhalb Europas sei diese Anhebung des Niveaus unabdingbar. Auch der Kultusminister des Saarlandes, Jürgen Schreier (CDU), plädierte Mitte September beim Fachkongress "Bildung im Kindergarten" in Saarbrücken dafür, dass Kindergärten nicht nur Dienstleistungseinrichtung für Eltern sind, sondern zu einer Bildungsstätte für Kinder werden. Dann müssten die Erzieherinnen aber auch entsprechend motiviert und zur Fort- und Weiterbildung bereit sein.

Zu viel verlangt

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft allerdings eine Lücke. Zwar hat die Kultusministerkonferenz sich bereits im Januar 2000 auf eine Rahmenvereinbarung verständigt, in der wesentliche Qualitätsanforderungen für die Ausbildung formuliert sind. Passiert ist jedoch nicht viel.

Das ministerielle Papier erwartet von den Fachkräften, dass sie Kompetenzen, Entwicklungsmöglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder erkennen, entsprechende pädagogische Angebote planen, organisieren, dokumentieren und auswerten können. Sie sollen über didaktisch-methodische Fähigkeiten verfügen, um den Kindern ganzheitliches an den Lebensrealitäten orientiertes Lernen zu ermöglichen. Sie sollen über ein hohes pädagogisches Ethos, menschliche Integrität und gute soziale und persönliche Kompetenzen verfügen und sie sollen kooperations- und kommunikaktionsfähig sein.

Das ist viel verlangt von einer oft unterbezahlten Berufsgruppe, deren Ausbildung und soziales Ansehen nicht mit den gestiegenen Anforderungen Schritt hält.

Vorbild Südtirol

Warum eigentlich nicht? Gerwald Wallnöfer, Dekan der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Freien Universität Bozen in Südtirol jedenfalls fordert einen Paradigmenwechsel.

Mit dem Vorurteil "Je kleiner das Kind, desto niedriger die Ausbildung derjenigen die es lehren" müsse endlich aufgeräumt werden. In Südtirol werden in diesen Tagen die ersten Absolventen eines Studienganges fertig, den es in Deutschland gar nicht gibt: der Laureatstudiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich. Gemeint ist die - zur Hälfte gemeinsame - Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen. Damit sollen beide Berufsgruppen den Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule angemessen bewältigen.

Wenn die ersten Absolventinnen nach vier Jahren Studium nun die Südtiroler Hochschule verlassen, ist ein Ziel ein Stück näher gerückt: Kindergärtnerinnen als qualifizierte Berufsgruppe zu etablieren. Da sie bereits jetzt im öffentlichen Dienst genauso eingestuft werden wie Grundschullehrer, interessieren sich auch mehr und besser qualifizierte Jugendliche für diesen Beruf. "Professionalisierungsschub" nennt das Wallnöfer.

Schwerpunkte der Südtiroler Ausbildung ist nicht nur das regional naheliegende Thema "Mehrsprachigkeit". Denn man kann an dieser Hochschule in drei Sprachen studieren: in italienisch, deutsch und teilweise in ladinisch. Aber auch interkulturelle Pädagogik oder Naturwissenschaften in der praktischen Umsetzung für Kindergärten gehören zur Ausbildung. Und wer möchte, kann eine Zusatzqualifikation für Behinderten-Integration erwerben.

Keine Zweiklassengesellschaft

Viele der jetzt fertig werdenden Absolventen sind über den zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen. Ihnen reichte die bisherige Erzieherausbildung nicht aus. Die Studenten des ersten Jahrgangs haben Pioniergeist und vermitteln Aufbruchstimmung. "Wir machen etwas ganz wichtiges Neues" hört man immer wieder. Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sie laut Wallnöfer jedenfalls.

Dennoch - eine Zweiklassengesellschaft bei Erziehern wird es in Südtirol, wenn es nach ihm geht, nicht geben. Denn erstens sind in der neuen Ausbildung viele gestandene Kindergärtnerinnen als "Tutorinnen" engagiert und betreuen beispielsweise die Praxisausbildung der Studenten mit. Und zweitens gibt es die Möglichkeit eines berufsbegleitenden Studiums, für das dann ein ganz individueller Studienplan erstellt wird. Über kurz oder lang wird jedenfalls in Südtirol der bisherige Ausbildungsweg auslaufen.

Eine freie, staatlich anerkannte Universität wie die in Südtirol hat viele Freiräume und kann flexibel agieren - sicher flexibler als manche deutsche Hochschule. So ist die Gemeinschaft der Professoren in Bozen bereits kulturell so vielfältig und international, wie Wallnöfer es für die Studenten noch wünscht. Pädagogen aus Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich oder Spanien kommen als Gastprofessoren und bereichern den Stundenplan. Auch ausländische Studenten sind in Bozen jederzeit willkommen, auch wenn das Studium längst ein Selbstläufer mit konstanten Anfängerzahlen von gut 50 Studenten pro Jahr ist.

Modellversuch in Berlin

Wer in Südtirol nicht unterkommt, dennoch mehr anstrebt als die hierzulande übliche sozialpädagogische Fachschule, kann jetzt immerhin auf einen deutschen Modellversuch hoffen. An der Alice Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin ist ein "Bachelor of Education" geplant.

Der bei der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK) beantragte Modellversuch soll dazu beitragen, das Niveau der deutschen Erzieherinnenausbildung deutlich anzuheben. Er sieht nicht nur eine enge Zusammenarbeit der Fachhochschule mit einer renommierten Berliner Fachschule für Sozialpädagogik vor, auch Reformmodelle und Möglichkeiten der Ausbildungen für frühkindliche Erziehung im Ausland sollen berücksichtigt werden. In Kürze wird die BLK über den Antrag entscheiden. Falls Bund und Länder zustimmen, wird es immerhin zwei Hochschulen im deutschsprachigen Raum geben, an denen Erzieherinnen auf europäischem Niveau ausgebildet werden können.

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