Kinderbetreuung Kraftakt Krippe

Von diesem Donnerstag an haben Kinder unter drei Jahren einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Genug Krippen und Erzieherinnen gibt es zurzeit. Ein Problem aber bleibt: Der Beruf ist wenig attraktiv - er macht häufig sogar krank.

Von Ulrike Heidenreich, München

Es sind überraschende Zahlen, die nun die Bundesagentur für Arbeit (BA) veröffentlicht hat: Wenn von diesem Donnerstag an bundesweit das Recht auf einen Krippenplatz gilt, droht vorerst kein gravierender Personalengpass in den Kindertagesstätten. Erst im Jahr 2016 werde es kritisch, sagt die Behörde. Wie schwer es sein wird, bis dahin gute Fachkräfte anzuwerben, deutet eine neue Studie der Alice-Solomon-Hochschule Berlin an.

Das beunruhigende Fazit der Bildungsforscherinnen lautet: Der Erzieherinnenberuf ist alles andere als attraktiv - er macht im Gegenteil krank. So ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Berufslebens eine Muskel-Skelett-Krankheit zu bekommen, 2,8-mal höher als für Frauen in anderen Jobs.

Zum Stichtag 1. August hat die Bundesagentur den Arbeitsmarkt für Erzieher analysiert. Danach gibt es vorerst genügend Kräfte, um freie Stellen in Krippen und Kindertagesstätten rasch besetzen zu können. Den 7200 gemeldeten Stellen hätten in den vergangenen zwölf Monaten 13.400 arbeitslose Erzieher und Kinderpfleger gegenübergestanden, geht aus dem Papier hervor. Natürlich gebe es große regionale Unterschiede, heißt es dort. Rein rechnerisch kommen jedoch auf 100 gemeldete freie Stellen 186 Arbeitslose.

Der Rechtsanspruch wird die Nachfrage erhöhen - immer mehr Eltern werden also künftig ihre ein- und zweijährigen Kinder betreuen lassen wollen. Und so rechnet die Bundesagentur bis 2016 mit einem zusätzlichen Bedarf von 20.000 Fachkräften in der Kinderbetreuung. Zwar haben die Jobcenter und Arbeitsagenturen bereits rund 6000 arbeitslose Männer und Frauen gefunden, die sich beruflich neu orientieren wollen und mit dem Erzieherberuf anfreunden könnten. Doch bisher gebe es aber nicht in allen Bundesländern die Voraussetzungen für Umschulungen, bemängelt die Behörde.

Unterdessen mahnt die Berliner Bildungsforscherin Susanne Viernickel dringend Verbesserungen in den Kindertagesstätten an. Schon jetzt litten die Fach- und Leitungskräfte in vielen Tagesstätten unter den schlechten Rahmenbedingungen. "Sie weisen häufiger dauerhafte gesundheitliche Einschränkungen auf als Frauen aus anderen Berufen", warnt die Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule. Im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherungen der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen waren 3000 Erzieherinnen in Nordrhein-Westfalen untersucht worden. Bei jeder zehnten sei "innerhalb der letzten zwölf Monate ein psychovegetatives Erschöpfungssyndrom, also ein Burn-out, ärztlich diagnostiziert" worden, sagt Viernickel. Die männlichen Fachkräfte wurden aufgrund der geringen Fallzahl nicht in die Studie einbezogen; es gibt nur wenige Erzieher in den Kindertageseinrichtungen.

Den Erzieherinnen machen die schlechte Bezahlung und fehlende Aufstiegschancen zu schaffen. Die Frauen klagen über den hohen Lärmpegel, zu kleine Räume, fehlende Pausen- und Rückzugsmöglichkeiten. Dazu kommt die starke körperliche Beanspruchung - gerade kleinere Kinder wollen auf den Arm genommen werden, der Beruf wird dann zum Kraftakt. Auch an der passenden Möblierung mangelt es. Oft fehlen Tische für das Personal, Erwachsene müssen viele Stunden zusammengekauert auf kleinen Kinderstühlen sitzen. Das geht auf den Rücken.

Die häufigsten Probleme sind demnach Muskel-Skelett-, Atemwegs- und neurologische Erkrankungen sowie psychische Beeinträchtigungen. In der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren sind 18 Prozent der Erzieherinnen gesundheitlich angeschlagen, im Vergleich zu 11,6 Prozent in ihrer Referenzgruppe - also Frauen gleichen Alters mit mittlerer Bildung, aber in anderen Berufen. In der Altersgruppe 30 bis 44 Jahre sind es 27,4 gegenüber 18,4 Prozent.

Und so sagt auch der Personalschlüssel wenig über die tatsächliche Situation in den Einrichtungen aus. Dem Bertelsmann-Ländermonitor "Frühkindliche Bildungssysteme" zufolge betreut zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen eine Erzieherin rechnerisch zwischen 3,4 und 7,6 Kinder unter drei Jahren. Die Realität aber sehe anders aus, sagt Forscherin Susanne Viernickel: "Erzieherinnen fallen aus wegen Krankheit, Urlaub oder Fortbildung. Die reale Fachkraft-Kind-Relation liegt deswegen häufig unter den gesetzlich festgelegten Personalschlüsseln." Die empfohlenen Mindeststandards würden "nur in Ausnahmefällen erreicht".

Der Präsident des Deutschen Städtetages, Ulrich Maly, zog am Mittwoch dennoch eine gute Bilanz: "Die Städte haben beim Ausbau in den vergangenen Jahren unglaublich viel bewegt. Sie haben nicht gekleckert, sondern geklotzt," sagte er. Deshalb stünde jetzt für die große Mehrzahl der Kinder, deren Eltern einen Platz suchen, ein Angebot zur Verfügung. Bei allem Tempo sei auf die Qualität Wert gelegt worden, betonte der Städtetags-Hauptgeschäftsführer Stephan Articus. Ein qualitätsorientierter Ausbau koste allerdings auch Zeit. Er forderte die Bundesländer auf, ihre Anstrengungen zu steigern, um genügend qualifiziertes Betreuungspersonal auszubilden.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) lobte beim Besuch von zwei Kitas in Hannover die Kommunen für den Krippenausbau. Genauso wichtig wie die Quantität sei die Qualität. Schröder: "Worauf es jetzt ankommt, ist die Feinsteuerung."