Von T. Denkler, Berlin

Die Wirtschaft fordert Betreuung auch samstags und nach 18 Uhr, weil Eltern es angeblich so wollen. Familien mit Kindern dürfte das überraschen.

Unfassbar, diese Ergebnisse: 96 Prozent der deutschen Kitas schließen spätestens um 18 Uhr, 99 Prozent haben samstags zu. Da müssten Kinder eigentlich auf die Barrikaden gehen, an den Kindergartenzäunen rütteln und brüllen: "Wir wollen hier rein!"

Kita, ddp

Kindertagesstätte: Bundesweit gibt es gerade mal 106 waschechte Betriebskindergärten mit zusammen etwas über 4000 Plätzen. (© Foto: ddp)

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Die Studie, die diese Ergebnisse zutage gefördert hat, heißt "Der Kita-Check. Kinderbetreuung in Deutschland 2008". Auftraggeber ist der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), deren Chef Ludwig Georg Braun das Papier an diesem Donnerstag in Berlin vorstellte. Wenig zufällig ist da, dass die Studie beim DIHK in der Abteilung "Standortpolitik" betreut wurde.

So überrascht auch nicht die Botschaft, die Braun zu vermitteln versuchte: Die Öffnungszeiten entsprächen noch immer nicht "den Bedarfen der Eltern". Der Wunsch nach Betreuung am Samstag werde noch immer nicht erfüllt.

Überstunden und Wochenendarbeit? Kein Problem

Braun appellierte an die Kommunen: "Wirtschaftsförderung fängt mit einem guten Angebot auf diesem Sektor an, weil beide Eltern ihre Karriere ohne Unterbrechung fortsetzen wollen." Oder müssen, je nach Arbeitsmarktlage.

Von Eltern wird immer mehr Flexibilität erwartet. Überstunden und Wochenendarbeit? Kein Problem. Und wenn doch? Job in Gefahr. Kinder werden zwar gerne gesehen. Sie sollen aber bitte nicht den Betriebsablauf stören. Flexibel sollen nicht die Arbeitszeitmodelle, sondern Eltern und vor allem ihre Kinder sein.

"Die Diskussion läuft in die falsche Richtung", konstatiert Birgit Riedel vom Deutschen Jugendinstitut, die sich seit Jahren mit der Kinderbetreuung in Deutschland beschäftigt. Sie findet: Eltern und Kinder sind schon flexibel genug. Die Unternehmen müssten endlich nachziehen.

Der Wirtschaft aber geht es nur um Randzeitenbetreuung, gesicherte Notfallbetreuung, Abend-, Samstags-, am liebsten gleich Wochenend- und Übernachtbetreuung in Kinderhotels. Damit Mama und Papa ja keine Schicht absagen müssen, nur weil die kleinen Störenfriede zu Hause nicht alleine einschlafen können.

Verzicht aufs gemeinsame Familienwochenende

Braun führt "Wettbewerbsfähigkeit" und "Fachkräftemangel" an. Da können die Kleinen schon mal auf das gemeinsame Familienwochenende verzichten. Zurückstehen für den Standort Deutschland ist oberste Kinderpflicht.

So will DIHK-Chef Braun seine Forderungen natürlich nicht verstanden wissen. Die Betreuungsqualität müsse stimmen, sagt er. Aber ob das Kind samstags oder freitags betreut werde, sei doch unerheblich, solange sich die Arbeitszeit grundsätzlich nicht verlängert, sekundiert Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des DIHK.

Dabei dürfte es kaum eine ernstzunehmende Studie zur frühkindlichen Pädagogik geben, die stabile Rahmen in der Kinderbetreuung für überflüssig hält. "Es gibt Grenzen der Flexibilisierung für Kinder", sagt Riedel vom Deutschen Jugendinstitut. Nur werde darüber derzeit nicht debattiert. Stattdessen würden "die Interessen der Wirtschaft stark betont".

Auf der nächsten Seite: Wo die Wirtschaft bei der Kinderbetreuung in der Pflicht ist - und diese konsequent ignoriert.

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