Laut einer neuen Studie des bayerischen Kultusministeriums fällt am Gymnasium von allen Schularten am meisten Unterricht aus. Lehrer kritisieren überfrachtete Lehrpläne, die sie wieder zum Frontalunterricht und vielen Hausaufgaben zwängen. Der Stoff gehöre dringend ausgemistet, klagt ein Gymnasiallehrer aus Deggendorf stellvertretend für viele Kollegen. Vor allem in der sechsten Klasse, in der heute bereits die zweite Fremdsprache hinzukommt, leiden die Kinder unter den gestiegenen Anforderungen.
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Mittlerweile steigen auch die Durchfallerquoten. Laut Philologenverband gibt es zwar insgesamt an Gymnasien weniger Wiederholer, aber in der sechsten Klasse habe sich die Quote seit Einführung des G8 nahezu verdoppelt. Gleichzeitig fällt immer mehr Wahlunterricht aus: Unterstufenchöre und Orchester schrumpfen auf einzelne Jugendliche zusammen, Theatergruppen und Film-AGs verschwinden, Kurse für kreatives Schreiben, Malen oder Sport entfallen - mangels Nachfrage oder Lehrer.
"Ich habe das Gefühl, dass bei uns in Bayern zurzeit mit einer ganzen Schülergeneration experimentiert wird", sagt ein Vater aus Niederbayern. In einer normalen Woche arbeite seine Tochter mehr als 40 Stunden, dabei habe sie noch Glück, da wegen des Lehrermangels eine Sportstunde gestrichen wurde. Einmal in der Woche durchlaufe sie einen zehnstündigen Schulmarathon, was ihr zumindest an diesem Tag drei Stunden Hausaufgaben sowie lange Wartezeiten auf den Bus erspare. Wegen der langen Busfahrten ins Vilstal und in den Bayerischen Wald kämen die Kinder erst um etwa 18 Uhr nach Hause.
An Hobbys sei da gar nicht mehr zu denken, erzählt eine Mutter aus dem oberbayerischen Traubing, deren zwölfjährige Tochter zweimal die Woche nachmittags die Schulbank drücken muss: "Susanne hat drei Jahre Geige gespielt, aber jetzt möcht ich ihr das nicht mehr zusätzlich aufbürden", sagt sie. Die Kinder verlören unter diesem Druck die ganze Lebenslust. "An den Gymnasien werden nur noch Fächer unterrichtet, nicht Kinder."
Dorit Bosse, in Bayern einzige Professorin für Gymnasialpädagogik, beobachtet die Entwicklung mit Sorge: "Die Schüler dürfen nicht den ganzen Tag von der Schule verplant sein", betont die Pädagogin. Sie bräuchten eine stärkere Rhythmisierung des Unterrichts; Lernen und Erholung müssten sich abwechseln. Vor allem den Rückzug der Schüler aus dem musischen Wahlunterricht und Projekten wie beispielsweise "Jugend forscht" bezeichnet sie als alarmierend: Denn all das sei doch entscheidend für die Ausbildung der Persönlichkeit und von Talenten. Auch die Lernmotivation in harten Fächern wie Mathe werde so gesteigert.
Viele Studien belegten, sagt Bosse, dass an deutschen Schulen zu viel Routinewissen abgefragt werde, statt die Schüler ein selbständiges Lernen zu lehren. Obwohl moderne Lehrmethoden den richtigen Weg aufzeigen, fielen viele Gymnasiallehrer in den Frontalunterricht zurück, denn es mangele an Zeit, und die Klassen seien zu groß: Bayern rangiere mit bis zu 37 Schülern in einer Schulklasse deutschlandweit an der Spitze. Immerhin, die Intensivierungsstunden hätten sich in der Praxis bewährt, sagt Bosse.
Lea probiert es übrigens inzwischen auf ihre ganz eigene Art und Weise: Sie hat sich einen Stoff-Igel als Maskottchen zugelegt. Er soll sie durch die Proben ins Gymnasium lotsen. Am besten bis zum Abitur. (Namen der Kinder geändert)
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(SZ vom 14.3.2007)
Moderne Verwaltung
Natürlich würde ich das nie behaupten. Vielleicht sind die Schwaben ja wirklich ein bisschen mehr auf Zack. BW hat ja auch in den letzten Tests besser abgeschnitten. Und die guten bayerischen Schüler an der Grenze machen ihr Abi dort (und umgekehrt *g*)
Ich finde das Schulsystem in Bayern auch ziemlich suboptimal, nur habe ich eine dem Artikel entgegengesetzte Meinung.
Abitur wie Studium waren (mental gesehen) zusammen ungefähr so anstrengend wie 1 Monat 8-stündige Frühschichtarbeit am Band im Ferienjob (etwas überspitzt formuliert). Ich glaube, dass ich aus mir selbst wesentlich mehr herausholen hätte können, wenn es denn nötig gewesen wäre. Und so ging es eigtl. meinem gesamten Freundeskreis. Dieses "Phänomen" ist also kein Einzelfall.
Wenn man gar nicht gefordert ist, lernt man auch nichts. Deswegen kann ich dieses "ach die Kinder müssen soo viel lernen"-Geschrei nicht hören.
Mir ist schon klar, dass es verschieden Typen von Menschen gibt - die einen lernen unter Druck am besten (ich glaube die Mehrzahl...), die anderen versagen genau dann.
Aber dass alle Schüler, egal wie schlau, bis zu einem Alter, in dem manch Hochbegabter schon Abitur hat, zusammen an einer Gesamtschule vermodern sollen, kann auch nicht die Lösung aller Probleme sein. Damit wird man der Vielfalt der Charaktere nicht gerecht und gleicht nur das "Nicht-Potenzial" der einen mit dem Potenzial der anderen aus.
Außerdem haben die im Artikel erwähnten Kinder wohl vor allem ein großes Problem, und das sind ihre Eltern.
Kleinevoroni,
In Baden-Würtemberg machen 40 % eines Geburtenjahrgans Abitur. In Bayern nur 20 % eines Geburtenjahrganges. Sie werden doch nicht ernsthaft behaubten, das die Abiturienten aus BW schlechter ausgebildet sind als in BY.
Ich habe übrigens in Bayern Physik studiert und habe nicht den Eindruck, dass Studenten aus anderen Bundesländern (mit Ausnahme Bremen) schlechter sind als bayerische Studenten. Warum führt man hier in BY nicht mehr Schüler, durch ein gutes Schulsystem, zum Abitur?
Gruß
Dass das Querdenken in der Schule nicht gefördert wird, stimmt wirklich. Hab mich trotzdem nicht davon abhalten lassen.
Dass in Bayern "nur" 20% eines Jahrgangs das Abitur schaffen finde ich persönlich zwar schade, glaube aber nicht, dass es nur am Schulsystem liegt.
Wenn nun mal die Anforderungen ein gewisses Niveau haben (und zumindest zu meiner Zeit - Abi 2002 - waren die Anforderungen nicht sooo hoch) und man die Schüler nur mit Nachhilfe und Lernorgien zum Abitur bringt ist diesen Schülern doch auch nicht geholfen. Was hilft einem ein Zeugnis, das vorgaukelt, dass man mehr kann als es in Wirklichkeit der Fall ist? Spätestens im Studium wäre das Ende der Leiter erreicht und man stellt fest, dass eine Ausbildung vielleicht doch besser gewesen wäre. Und dann hat man einige Jahre verloren.
@adhoc: Ich weiß nicht, wo sie herkommen, vielleicht ja auch aus Bayern. Aber haben sie mal als bayerischer Abiturient zusammen mit Abiturienten aus anderen Bundesländern ein technisch-naturwissenschaftliches Grundstudium an einer technischen Universität erlebt? Falls nein - sie hätten gewusst, woher die Klischees kommen.
Der Kommentar von zeta@zeta spricht mir aus der Seele, denn auch ich halte gerade das Querdenken für Entwicklungsfördernd, siehe Wissenschaft und Technik.( das hat nichts mit Rücksichtslosigkeit, geistlosem Vandalismus oder sonst irgendeinem asozialen Verhalten zu tun, was man heutzutage leider allzu oft antrifft)
Was mich bedenklich stimmt, ist das die Lebensplanung meiner Kinder im Alter von 9-10 Jahren in ausserfamiliäre Hände gelegt werden soll. Da gibt es plötzlich jemanden,der über die weitere Zukunft meines Kindes richtet. Woher nimmt dieser "Jemand" denn die Kompetenz dazu? Woher weiss ich, dass dieser "Jemand" die pädagogische Weisheit mit Löffeln verspeist hat, oder nicht etwa ( im schlechtesten Fall) dem Kind und seinen unbequemen Eltern eins auswischen möchte.
Falls ein junger Mensch hohe Ziele verwirklichen will, wird er dies erreichen, da brauchen wir keine frühe, unnötige Selektion, die Druck aufbaut.
In Bayern schaffen nur 20 % eines Jahrgangs das Abitur. Kann sich das Deutschland eigentlich noch leisten? Bayern offensichtlich schon! Die gut ausgebildeten Ingenieure und Akademiker, die wir zunehmend benötigen, holen wir uns aus anderen Bundesländern oder sogar aus Polen oder Indien.
Ich glaube es gibt Europaweit kein Land in dem der Bildungsabschluß im Durchschitt so niedrig ist wie in Bayern. Das Schulsystem hat somit versagt und gehört mal ordentlich überarbeitet!
Und die Bayern glauben immer noch, dass sie das beste Schulsystem haben.
Paging