Von Birgit Taffertshofer

Ehrgeizige Eltern, gestresste Lehrer und überforderte Kinder: Einblicke in den bayerischen Schulalltag.

Auf Leas Geburtstagstisch liegt in diesem Jahr ein Päckchen mit Sorgen und Wünschen. Sie alle zielen in dieselbe Richtung: "Hoffentlich schaffst du es noch ins Gymnasium." Das Mädchen muss nach seinem zehnten Geburtstag am 19. Mai voraussichtlich zum Probeunterricht antreten, weil es eine Drei zu viel in seinem Zeugnis stehen hat. "In Deutsch hat ihr nur ein Viertelpunkt zum Zweier gefehlt", seufzt ihre Mutter. Im Februar war die Familie deshalb schon bei Beratungsgesprächen mit einer Psychologin. "Es sind nicht die Anforderungen, an denen Lea scheitert", berichtet die besorgte Mutter, "es ist ihre Nervosität in den Proben." Da passierten eben Flüchtigkeitsfehler.

(© Foto: iStockphoto)

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Perfekte Schulmanager

Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind: das Abitur. Daher sind sie zu Experten der Noten-Überwachung geworden. Sie wissen genau, dass Rechtschreibfehler in Sachkunde-Tests nicht zählen, dass ein schulpsychologisches Gutachten einen Bonus bei der Bewertung gibt und welche Schule im Umkreis am großzügigsten Übertrittszeugnisse verteilt. Um ihrem Kind das Abitur zu ermöglichen, fahren Eltern schon in der Grundschule ein geballtes Hilfsangebot auf. Inzwischen besucht in Bayern jeder fünfte Schüler bereits in der dritten oder vierten Klasse Nachhilfeunterricht. Und jene Eltern, die sich der Macht der Noten sowie dem Urteil der Lehrkraft nicht beugen wollen, müssen ihre Kinder zum "Probeunterricht" anmelden. Das aber ist letztlich auch nur wieder ein Test, bei dem fast die Hälfte der Aspiranten fürs Gymnasium durchfällt.

Ob ein Kind den Sprung auf das Gymnasium schafft, hängt in Bayern sehr stark von der Bildung der Eltern ab. Vor allem die Akademiker in den Ballungszentren entwickeln sich zu perfekten Schulmanagern. Für sie symbolisiert das Gymnasium schließlich den Zugang zu einer Lebenssicherheit der oberen Mittelschicht. Von einem alternativen Weg zum Abitur über die Realschule oder die in Verruf geratene Hauptschule wollen sie - im Gegensatz zu großen Teilen der Landbevölkerung - nichts wissen.

Lehrer sehen die hohen Erwartungen der Eltern mit Sorge. "Die Mama sitzt immer daneben", klagt eine Grundschulleiterin am Starnberger See, "so wird um jedes Zehntel hinter dem Komma gekämpft." Notfalls auch mit härteren Mitteln: Mobbing gegen Lehrer, Beschwerden ans Ministerium, Prozess-Androhungen, Schulabmeldungen und gefälschte Gastschulanträge - in ihrer Schule eröffnen Eltern jedes Jahr solche "Nebenkriegsschauplätze", wie die Grundschulleiterin erzählt.

Der Druck überträgt sich natürlich auf die Kinder. Manche fühlen sich als Versager, leiden unter fehlender Motivation, mangelndem Selbstbewusstsein oder Konzentrationsschwierigkeiten, wie Heinz Schlegel, Leiter einer staatlichen Schulberatungsstelle, erklärt. Mehr als 5000 Eltern und Schüler aus dem westlichen Oberbayern suchen jährlich bei ihm und seinen Kollegen Rat. Vor allem in der Zeit des Übertritts aufs Gymnasium oder in die Realschule. Viele Eltern befürchten, dass sich zu diesem Zeitpunkt die Zukunft des Kindes entscheidet. Doch beim Kampf um gute Noten bleibt die Entwicklung der Persönlichkeit und von Talenten häufig auf der Strecke.

Völlig überfordert

Schuld seien nicht die besorgten Eltern, sondern schuld sei die frühe Auslese, betont ein Münchner Schulpsychologe. "In diesem Alter sind spätere Fähigkeiten zum Teil noch schwer vorhersagbar." Die Schüler seien mit dem Leistungsdruck völlig überfordert. Zumal da er ständig steige - wegen der immer früheren Einschulung in Bayern und der Anforderungen des achtstufigen Gymnasiums (G8). Mittlerweile stehen die Psychologen mit ihrer Kritik nicht mehr alleine da. Nach einer Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung fordern mehr als die Hälfte der Lehrer eine längere gemeinsame Schulzeit und ein durchlässigeres Schulsystem.

Haben die Schüler den Sprung auf das Gymnasium erst einmal geschafft, wird es für sie nicht leichter. Vier Jahre nach der Umwandlung vom G9 zum G8 fehlt immer noch ein schlüssiges Gesamtkonzept. Eltern wie Lehrer sprechen von einer Einführung der Ganztagsschule durch die Hintertür - ohne zusätzliche Lehrer, Räume und notwendige Ausstattung. Vor allem auf dem Land fehlten zusätzliche Buslinien, die den Kindern lange Wartezeiten in Aufenthaltsräumen ersparen könnten. An manchen Schulen lungern die Kinder stundenlang in der Aula herum.

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