Immer mehr Hochschulen bieten Vorlesungen für kleine Studenten an, die Hörsäle sind überfüllt.
Fast könnte man meinen, Deutschland habe nur darauf gewartet, endlich Kinder und Universität zusammenzubringen. Über 40 Hochschulen lockten in diesem Jahr Tausende kleiner wissensdurstiger Studenten in die Hörsäle - Tendenz steigend: Nächstes Jahr dürften über 70 Hochschulen Vorlesungen für Kinder anbieten.
Vom Ansturm überrascht - Tausende von Kindern strömen an die Unis (© Foto: dpa)
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Angefangen hatte die altehrwürdige Universität Tübingen, das war 2002. Die Idee, Professoren Kinder unterrichten zu lassen, ist auf enorme Resonanz gestoßen - in Deutschland ebenso wie im benachbarten Österreich, der Schweiz oder in Italien. Dass gerade hierzulande die Begeisterung besonders groß ist, liegt nicht zuletzt daran, dass der "Tigerentenclub" des Südwestdeutschen Rundfunks die Idee aufgegriffen hat und sie mit Unterstützung der Hochschulrektorenkonferenz vorantreibt.
Einer der Menschen im Hintergrund dieses Booms ist Dietrich Willier, Redakteur beim SWR und zuständig für die dortige Kinder-Uni-Initiative. Er weiß von nahezu allen Veranstaltungen, hat mit unzähligen Professoren, Kindern und Lehrern gesprochen und kommt zu dem Schluss, dass "Kinder-Uni mehr ist als ein toller Event für Kids". Die überwiegende Zahl der Kinder fasziniert vor allem, von Wissenschaftlern ernst genommen zu werden und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Und auch für die Hochschulen sei der Kontakt zwischen den Generationen wichtig, so Willier. Denn die Kinder von heute sind Studenten von morgen und vielleicht kann man sie früh für natur- und ingenieurwissenschaftliche Fächer begeistern, deren Absolventen in zehn, zwanzig Jahren Mangelware sein werden. Was Kinder-Unis konkret für die Volksbildung bringen, darüber kann auch Willier nur spekulieren. Für den Spätsommer 2004 ist jedenfalls ein wissenschaftlicher Kongress geplant.
Bis dahin laufen beim Sender die Rückmeldungen zusammen, die in einem Papier aufbereitet im Frühjahr 2004 den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden sollen werden. Dazu gehören zum Beispiel organisatorische Fragen. Denn manch eine Universität wurde vom Ansturm regelrecht überrascht, etwa die Frankfurter. "Bei uns waren in sieben Vorlesungen über 3500 Kinder", sagt Ulrike Jaspers, eine der Organisatorinnen, "damit haben wir nicht gerechnet."
Viele Fragen für den Professor
So wie Jaspers geht es den meisten ihrer Kollegen. In Frankfurt wird man auf jeden Fall weitermachen - allerdings nicht mehr mit 800 Kindern pro Vorlesung. Denn diese Meute eine Dreiviertel Stunde lang bei der Stange zu halten, ist selbst für gestandene Professoren schwierig, haben sie es ansonsten doch mit vergleichsweise ruhigen Studenten zu tun. Von etliche ist aber zu hören, dass sie durch die Kinder-Vorlesungen viel für den Umgang mit Studenten gelernt hätten, zum Beispiel, wie man diese so begeistern kann wie die Acht- bis Zwölfjährigen.
"Wir haben mit der Kinder-Uni eine echte Marktlücke entdeckt", freut sich Jaspers, "besonders schön ist, dass auch ganze Schulklassen oder Gruppen aus Kinderhorten der Umgebung gekommen sind." Da erübrigt sich fast die Frage, ob vor allem Kinder bildungsbeflissener Eltern im Hörsaal sitzen. Im Grunde schon, heißt es bei vielen Organisatoren. Aber - wenn überhaupt - ist Elterninitiative meist nur bei der ersten Vorlesung gefragt. Wer einmal Blut geleckt hat, möchte nicht selten zu allen Veranstaltungen. Da könnte dem einen oder anderen Erwachsenen - wegen Überfüllung aus dem Hörsaal ausgesperrt - der Bildungshunger der Sprösslinge fast auf die Nerven gehen. Anders als in normalen Vorlesungen sind die Professoren nicht selten eine halbe Stunde nach Ende der Veranstaltungen noch von wissenshungrigen Jung-Studenten umringt - und die Fragen nehmen kein Ende.
Was Kinder dort nicht beantwortet bekommen, fragen sie dann in der Schule. So sollte es zumindest sein, meinen auch die begleitende Lehrer. Ihrer Vorstellung nach dürfen Kinder-Unis keine isolierten Veranstaltungen sein, sondern im Unterricht vor- beziehungsweise nachbearbeitet werden - wenn es denn Zeit und Lehrstoff erlauben.
Neues Forschungsfeld
Nicht zuletzt ergeben sich aus dem neuen Phänomen spannende Forschungsfragen. Warum kommen die Kleinen in Scharen? Was nehmen sie wirklich mit? In Tübingen, wo man inzwischen die meisten Erfahrungen gesammelt hat, forschen Erziehungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder und seine Mitarbeiter. Sie fragen die Kinder vor und nach den Vorlesungen nach ihren Erwartungen, Eindrücken und Wünschen. Ersten Ergebnissen zufolge ist das junge Publikum - zumindest direkt nach den Veranstaltungen - im allgemeinen hoch zufrieden, möchte gerne wiederkommen und hat auch teilweise Vorstellung und Vorurteile über bestimmte Fachgebiete geändert.
Eine Beobachtung, die auch die Frankfurter bestätigen. Die Vorlesung der Politikwissenschaftlerin und Junior-Professorin Tanja Brühl "Wer regiert die Welt - Kofi Annan oder George W. Bush? - Zur Rolle der Uno in der Weltpolitik" hatte im Vorfeld weder bei Eltern noch bei Kindern Begeisterungsstürme ausgelöst. Gerade ihr gelang es aber eindrucksvoll, das komplizierte Thema mit Quiz-Einlagen und Rollenspielen faszinierend zu präsentieren.
Aber auch ohne moderne Kommunikationstechniken kann eine Vorlesung für Kinder höchst interessant sein. Ursula Pietsch-Lindt, zuständig für die Kinder-Uni in Köln, nennt als Beispiel diejenige von Michael Walter bei der "1. KölnerKinderUniversität mit der Maus" zum Thema "Schurken, Ganoven und die Frage nach der gerechten Strafe" - behandelt anhand des Klassikers "Emil und die Detektive". Diese Vorlesung im wahrsten Sinne des Wortes habe gezeigt, dass vielen Unkenrufen zum Trotz auch die von Medien angeblich verdorbenen Kinder eine Dreiviertel Stunde ruhig zuhören können. Am Anspruch wollen die Kölner jedenfalls nicht sparen: "Wir wollen mit unserer Kinder-Uni das forschende Fragen der Kinder mit den Forschungsfragen unserer Wissenschaftler verbinden" sagt Pietsch-Lindt.
Mehr als ein Strohfeuer
Neben Werbung in eigener Sache wollen die Hochschulen Kinder für Wissen begeistern und ihnen Anstöße geben. Die Bildungsaufgabe der Schulen können und wollen sie freilich nicht übernehmen. Man wolle durchaus mit den Lehrern zusammenarbeiten, könne aber nicht Defizite im Schulunterricht ausgleichen, lautet das einhellige Fazit.
Viele Eltern wünschen sich dennoch, dass das Engagement der Hochschulen über eine Initialzündung hinausgeht. In Lübeck etwa gab es zur Vorlesung des Professors Georg Conradi "Wie werden Häuser ohne Heizung warm? - Kann man mit Matsch Häuser bauen?"eine Mitmach-Universität, bei der die Kinder im Lehmbaulabor eigene Erfahrungen mit der klebrigen Masse sammeln konnten. Auch in Köln konnten Kinder zusätzlich Seminare und Workshops besuchen, ein Angebot, das hervorragend ankommt. Denn hier bekommt das entfachte Strohfeuer zusätzliche Nahrung.
(SZ vom 29.12.2003)
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