Ungerechte Bewertungen, genervte Seminarlehrer: Sechs Referendare über ihre leidvollen Erfahrungen.

Vom Staatsexamen bis zur finalen Lehrprobe durchlaufen Bayerns künftige Lehrer ein zweijähriges Referendariat. Sie unterrichten dann erstmals selbst, und sie werden in Fächern wie Pädagogik aufs Berufsleben eingestimmt. In einer Umfrage unter Referendaren und Junglehrern wird deutlich, dass die Ausbildung einer Verbesserung bedarf. Da sie Repressalien befürchten, wollen die Befragten anonym bleiben.

Alleingelassen und ausgenutzt? Viele Referendare klagen über ihre Ausbildung.

Alleingelassen und ausgenutzt? Viele Referendare klagen über ihre Ausbildung. (© Foto: sueddeutsche.de)

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Junglehrer, 33, Oberpfalz: "Das Referendariat ist ein Bürokratie-Horror. Ständig muss man Protokolle von Sitzungen schreiben. Was soll das bringen?

Und die Seminarlehrer, die solche Fachsitzungen halten, werden nach nicht nachvollziehbaren Kriterien ausgewählt.

Meine Psychologie-Ausbildung war eine Farce: Unterrichtet hat da ein Griechisch-Lehrer und das nur deshalb, weil an dieser Schule nicht genügend Griechisch-Stunden zusammenkamen. Der arme Mann hat sich in Psychologie gar nicht ausgekannt und 20 Jahre alte Skripten verteilt."

Referendarin, 27, Schwaben: "Das System in Bayern ist schrecklich. Man lebt zwei Jahre ohne ein richtiges Zuhause und wird von Schule zu Schule hin und her geschoben. Ich selbst musste schon mal 300 Kilometer umziehen. Demnächst muss ich wieder umziehen, leider habe ich keine Stelle in meiner Umgebung bekommen. Am meisten hat mich in der Ausbildung geärgert, dass mir immer erst zwei Wochen vor Dienstbeginn an einer neuen Schule mitgeteilt wurde, wo ich künftig unterrichten werde. So musste ich mehrere Monate lang zwei Mieten bezahlen, bei dem schlechten Gehalt kaum möglich."

Referendarin, 27, Oberbayern: "An meiner ersten Zweigschule hat mich meine Betreuungslehrerin erst einmal den Materialschrank aufräumen lassen. Als Referendar wird man oft ausgenutzt und kann nichts dagegen tun, weil man von den Gutachten der Betreuungs- und Seminarlehrer abhängig ist. Man fühlt sich oft allein gelassen. Außerdem bereitet die Universität überhaupt nicht auf den Schulalltag vor. Statt Theorie zu pauken fände ich es besser, schon während des Studiums mehr Kontakt zu Schule und Schülern zu haben."

Referendar, 29, Unterfranken: "Man könnte das Referendariat gut auf ein Jahr verkürzen. Während der zwölf Monate an den Einsatzschulen sind die Referendare billige Arbeitskräfte, die Klassen übernehmen müssen, die sonst keiner will. Die drei Lehrproben spiegeln den Unterrichtsalltag überhaupt nicht wider. Statt Show-Unterricht zu halten, sollten die Referendare über einen längeren Zeitraum beobachtet werden, ob sie kontinuierlich guten Unterricht halten."

Referendarin, 27, Mittelfranken: "Die Seminarschulen sind kaum untereinander vergleichbar. Jeder Seminarlehrer kann nach Gutdünken benoten. Diese unterschiedlichen und teilweise ungerechten Bewertungen spielen aber für den Staat keine Rolle - für eine Anstellung zählt nur die Stelle hinterm Komma."

Junglehrerin, 38, Oberpfalz: "Die Didaktik für angehende Lehrer kommt an der Uni viel zu kurz. Die Praktika sind zu allgemein, zu oberflächlich, man startet aus pädagogischer Sicht unvorbereitet ins Referendariat. In der Psychologie- und Pädagogik-Theorie ist manches überflüssig - die Zeit könnte sinnvoller für ein Persönlichkeits-Coaching genutzt werden. Ich kenne einen Anwärter, der so unsicher ist, dass er Probleme hat, mit den eigenen Kollegen zu sprechen."

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(SZ vom 18.7.2006)