Jugendarbeitslosigkeit In der Hartz-IV-Falle

Jung und schon arm: Knapp eine Million Jugendliche sind auf Hartz IV angewiesen. Die meisten können sich für den Rest ihres Lebens nicht aus der Armutsfalle befreien.

Von Thomas Öchsner

In der oberbayerischen Stadt Wolfratshausen scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Zumindest lebt dort nach offizieller Zählung kein einziger arbeitsloser Jugendlicher mehr.

Auch bundesweit gibt es Erfolge zu verkünden: Die Jugendarbeitslosigkeit ist nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) in den vergangenen zwei Jahren um 26,2 Prozent auf etwa 306.000 zurückgegangen, deutlich stärker als die Arbeitslosigkeit insgesamt.

Die Zahlen spiegeln jedoch nur einen Teil der Wirklichkeit wider: Trotz des Konjunkturaufschwungs und der in dieser Zeit gesunkenen Arbeitslosenquote sind in Deutschland immer noch gut 900.000 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren auf staatliche Hilfe in Form von Hartz IV angewiesen.

Im Hinterhof der Wohlstandsgesellschaft

Rechnet man die knapp 300.000 Jugendlichen dazu, die Arbeitslosengeld I beziehen oder bei Förderkursen mitmachen, sind sogar etwa 1,2 Millionen Jugendliche förder- oder hilfebedürftig. Demgegenüber haben etwa 3,4 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren einen sozialversicherten Job.

Damit kommt auf drei erwerbstätige Jugendliche mindestens einer, den die Arbeitsagenturen, Arbeitsgemeinschaften oder Kommunen innerhalb des Systems der Grundsicherung betreuen. Dies geht aus einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

"Die Hilfsbedürftigkeit heranwachsender Jugendlicher, die im Hinterhof der Wohlstandsgesellschaft aufwachsen, wird bisher kaum thematisiert", sagt der Autor der Untersuchung, Wilhelm Adamy.

Ausgewertet hat der DGB-Arbeitsmarktexperte Statistiken der BA aus dem Sommer 2008. Danach ist vor allem in Ostdeutschland das Risiko hoch, schon als Jugendlicher arm zu werden: Mehr als jeder sechste Jugendliche ist laut der Untersuchung des Gewerkschaftsbundes auf die Grundsicherung angewiesen. Bundesweit zählt dagegen jeder Zehnte im Alter zwischen 15 und 24 Jahren zu den Hartz-IV-Empfängern.

Schlechte Bildungschancen

Auffällig in der Statistik ist die eher geringe Zahl der Arbeitslosen unter den jugendlichen Hilfsbedürftigen. Nicht einmal ein Fünftel war Mitte 2008 ohne Job. Der Großteil braucht staatliche Hilfe, weil sie selbst oder die Eltern zu wenig verdienen, um davon leben zu können. In vielen Fällen sitzen die Jugendlichen dann in der Hartz-IV-Falle. Adamy verweist auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Danach findet nur mehr als jeder dritte Jugendliche, der einmal Hartz IV bekommen hat, langfristig aus dem Hilfebezug wieder heraus.

Das Risiko, eine Armutskarriere zu machen, ist besonders bei Jugendlichen ohne Schulabschluss groß. "Drei Viertel der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen ohne Schulabschluss beziehen Hartz IV", heißt es in der Studie. DGB-Experte Adamy kommt deshalb zu dem Schluss, dass "die schlechten Bildungschancen ein entscheidendes Handicap vieler Jugendlicher beim Berufseinstieg sind".

Der Experte wirft der Bundesagentur für Arbeit vor, vorrangig auf kurzfristige Instrumente zu setzen, die den hilfsbedürftigen Jugendlichen kaum Chancen für eine dauerhafte Eingliederung geben. So bekämen die jungen Leute auffällig oft Ein-Euro-Jobs zugewiesen. Damit sei das Scheitern häufig bereits programmiert.

Adamy fordert stattdessen, die praxisorientierte Qualifizierung zu verbessern, Sprachunterricht für ausländische Jugendliche und Förderkurse zu kombinieren und eine bessere Betreuung während der Fördermaßnahmen: "Gefragt sind neue Formen von Arbeiten und Lernen, die auch schulmüden Jugendlichen Mut machen können."