Journalistenberuf Journalistik, ein Leerfach

Was sollten angehende Reporter studieren? Bitte auf keinen Fall die Disziplin, die nach ihrem Traumberuf benannt ist - sondern Fächer von Belang.

Von Detlef Esslinger

Vor einiger Zeit, in einem der Foren von studis-online. Die Teilnehmer diskutierten, welchen Abiturschnitt man haben muss, um in Dortmund einen Studienplatz für Journalistik zu bekommen. Beim vergangenen Mal betrug der Numerus clausus 1,2, weshalb sich die junge Frau mit dem Namen "Lu" nun Luft verschaffen musste: "Leute, ihr macht mir richtig Angst!"

Ihr Abitur werde nur befriedigend sein, "ich will aber schon seit meinem 14. Lebensjahr Redakteurin werden und deswegen gern Journalistik studieren". Dieser Numerus clausus sei für sie unüberwindbar. "Was soll ich denn jetzt machen?"

Ganz einfach: froh sein, dass sie keine Chance hat.

Journalismus gilt weiterhin als Traumberuf. Bei Redaktionen und Journalistenschulen kämpfen oft mehrere hundert Bewerber um wenige Plätze; die Süddeutsche Zeitung hat für die acht Volontariate, die sie auch im Jahr 2010 wieder vergibt, 349 Bewerbungen erhalten. Fast alle Kandidaten haben ein Studium absolviert, bei etwa jedem Dritten war dies Journalistik oder einer der verwandten Studiengänge: Publizistik, Kommunikations- oder Medienwissenschaft.

Auf den ersten Blick hört sich die Studienwahl sehr logisch an: Angehende Ärzte studieren Medizin, Richter haben Jura absolviert, dementsprechend müssen künftige Reporter Journalistik studieren. Und die Universitäten tun alles, um Abiturienten in dieser Annahme zu bestärken: "Ein sehr attraktiver Weg!", so preist die Journalistik-Abteilung der Uni Leipzig ihren Master-Studiengang an. "Viele Wege führen in den Journalismus, einer hat sich besonders bewährt: das Journalistik-Studium", schreibt die Katholische Universität Eichstätt in einer Broschüre.

Die Eigenreklame ist erfolgreich. Den Numerus clausus gibt es nicht, weil das Fach so anspruchsvoll wäre, dass nur Genies dem Stoff folgen könnten. Es gibt ihn, weil Jahr für Jahr Zehntausende Abiturienten auf die Unis hereinfallen. Beim Institut für Kommunikationswissenschaft der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität bewerben sich in der Regel 2000 junge Menschen für die 120 Studienplätze. Also muss gesiebt werden.

Es ist ein Fach, in dem man seine Studienzeit vergeudet - und zwar ganz gleich, ob man an ein gutes oder an ein schlechtes Institut gerät. Ganz gleich, ob der Hochschullehrer selber einen Grundkurs Interview bräuchte (wie der ZDF-Conférencier Michael Steinbrecher, der eine Professur in Dortmund hat) oder wirklich etwas von Texten versteht (wie die in der Öffentlichkeit unbekannte Eichstätter Dozentin Katrin Krauß). Man schaue sich nur die Studienordnungen und Vorlesungsverzeichnisse an: Politikjournalismus, Mediensysteme im europäischen Kontext, Medienwirkungsforschung - das sind die Angebote.

Ja, doch, alles seriöse Themen, die ihre Berechtigung haben. Medien sind nicht weniger interessant und relevant als Parteien, Schweinegrippeviren und baskische Terroristen, also sind sie auch zu Recht Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Nur, den Instituten geht es nicht darum, künftige Forscher zu rekrutieren; sie wollen Journalisten ausbilden.

Mag sein, dass es einem Redakteur nicht schadet, mal Systematisches über die Wirkung seiner Arbeit gehört zu haben. Aber vor allem sollte er oder sie etwas verstehen von den Dingen, die später im Berufsalltag in Artikeln oder Filmen zu behandeln sind.

Woraus folgt: Wer Journalist werden will, sollte ein Fach studieren, das sich direkt und nicht bloß indirekt mit den Dingen befasst. Volkswirtschaft zum Beispiel; weil man dann versteht, wie aus Leistungsbilanzdefiziten eine Weltwirtschaftskrise werden kann. Oder Jura, weil ein Absolvent dieses Studiengangs später garantiert nicht Festnahme und Verhaftung miteinander verwechseln wird. Oder Biologie, weil es wunderbar ist, wenn jemand die Schweinegrippe erklärt, dem die Grundlagen der Virologie geläufig sind. Oder Orientalistik, Sinologie, Indologie - Autoren, die sich mit Weltgegenden beschäftigen, die eher wichtiger als unwichtiger werden, kann jede Redaktion gebrauchen.

Die Hochschule ist dazu da, junge Menschen zu Fachleuten auf wenigstens einem Gebiet zu machen. Wer Journalistik studiert, ist anschließend Fachmann in nichts.

Natürlich wissen die Universitäten, dass der Studiengang von Medienmachern noch nie so richtig ernst genommen wurde. Natürlich wissen sie, dass Redaktionen, die diesen Bachelors ein Volontariat geben, dies tun, obwohl (und nicht weil) sie Journalistik studiert haben. Manche Absolventen sind eben solche Talente, dass über das unnütze Fach hinweggesehen wird.

Aber die Institute geben nur sehr indirekt zu, dass sie sich an der Zukunft der Abiturienten vergehen; sie würden damit ihre Existenzberechtigung in Frage stellen. Beispiel Leipzig: Dort ist die Universität dazu übergegangen, Journalistik nur noch als aufbauenden Studiengang anzubieten. Wer sich bewirbt, muss also einen Bachelor in einem anderen Fach erworben haben.

Und was schreibt das Institut auf seiner Homepage? Es empfiehlt Politik- oder Wirtschaftswissenschaften - und fährt dann fort: "unter Arbeitsmarkt-Gesichtspunkten besonders zu empfehlen: natur- oder technikwissenschaftliche Richtungen".

Gibt es einen vernünftigen Grund, warum ein junger Mensch auf den Bachelor in Biologie oder Volkswirtschaft nicht auch seinen Master ebendort setzen sollte - anstatt sich in Journalistik zu verlieren? Es sind doch nicht bloß die überregionalen Medien, denen ein Bachelor-Abschluss für ihre künftigen Politik- oder Kulturredakteure zu wenig ist.

Martin Balle, Herausgeber des Straubinger Tagblatts, sagt, um ein Fach wirklich zu durchdringen, reichten drei Jahre Bachelor-Studium nicht aus. Der Journalismus mag sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert haben, der klassische und beste Weg aber ist derselbe geblieben: ein Fach von Belang studieren, parallel dazu mit Praktika und freier Mitarbeit Erfahrungen sammeln, danach ein Volontariat oder der Besuch einer Journalistenschule.

In Dortmund gibt es einen Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus. Die Hauszeitschrift der Uni fragte mal einen der Professoren, was er einst studiert habe. Der Mann war Journalist, bevor er zur Uni wechselte, bei der SZ. Seine Auskunft: Chemie. Na bitte.