Jobunsicherheit Wenn Arbeit krank macht

Wer im Job ständig unter Druck steht, kann darunter leiden wie unter einer körperlichen Krankheit.

(Foto: imago/Thomas Eisenhuth)

Der Job ist unsicher, der Kollege auf dem Sprung, die Aufgaben ändern sich ständig: Leben Beschäftigte jahrelang im Ungewissen, hat das Auswirkungen bis nach der Rente.

Von Viola Schenz

Hätte man Martin Schuster vor fünf Jahren gefragt, was er im Winter 2016 wohl machen wird, hätte er geantwortet: Das, was ich jetzt auch mache - Versicherungen verkaufen, Geldanlagen erklären. Vor fünf Jahren war Schuster (Name geändert) Generalvertreter eines Versicherungskonzerns für Südwestdeutschland. Doch statt jetzt in seinem Büro am Besuchertisch Kunden gegenüberzusitzen und ihnen den Unterschied zwischen fonds- und indexgebundenen Lebensversicherungen zu erläutern, sitzt er in der psychosomatischen Abteilung der Universitätsklinik Ulm in einem Stuhlkreis zwischen Mitbetroffenen. Was ist passiert?

Vor vier Jahren erlitt er plötzlich einen epileptischen Anfall. Er musste ins Krankenhaus, ein Antikörper war über die Blutbahn ins Hirn gelangt, die Ärzte standen vor einem Rätsel, sie konnten keine Ursache finden und schrieben ihn vorläufig krank, sein Blut wurde komplett ausgetauscht. Acht Monate später legte ihm sein Chef den Aufhebungsvertrag vor. Man könne seine Abwesenheit nicht länger mittragen, als börsennotiertes Unternehmen müsse man den Aktionären gerecht werden, so die Begründung. Schuster sah sein "Lebenswerk zerstört", zwölf Jahre hatte er für den Konzern gearbeitet. "Ich bekam Depressionen, konnte nicht mehr schlafen", sagt der 53-Jährige. Inzwischen kennen die Ärzte die Diagnose: arbeitsbedingter Stress. Schuster war schlichtweg ausgebrannt, sein Körper reagierte drastisch.

Jetzt mal langsam

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Der Fall ist keine Seltenheit. Wer permanent Druck erlebt, wer seinen Arbeitsplatz als unsicher empfindet oder von Veränderungen bedroht, kann laut Deutscher Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) darunter leiden wie unter einer körperlichen Krankheit. Vor allem: Solcher Stress kann weit mehr anrichten als bisher vermutet und erwiesen. Das zeigt eine Studie des Helmholtz-Zentrums München: Arbeitsunsicherheit hat langfristige Folgen. Wer in den mittleren Lebensjahren, also zwischen Mitte 40 und Mitte 50, damit konfrontiert war, schätzt sein eigenes Wohlbefinden auch noch 20 Jahre später als deutlich geringer ein.

Die Helmholtz-Forscher hatten 1800 Arbeitnehmer in Süddeutschland befragt. Anfangs waren alle noch berufstätig; 40 Prozent von ihnen gaben an, oft oder manchmal besorgt zu sein, ob sie ihren Job behalten können. Als dieselben Teilnehmer 20 Jahre später wieder interviewt wurden, waren alle im Ruhestand. Die Gruppe derjenigen, die zuvor über Arbeitsunsicherheit geklagt hatte, gab nun ein deutlich vermindertes Wohlbefinden an - was laut Studie einem Risikofaktor für die seelische und körperliche Gesundheit gleichkomme.

Keine Frage, es ist ungemütlich geworden zwischen neun und 17 Uhr. Früher waren ein absehbarer Beförderungsweg, ein festes Kollegium und Routineabläufe die Norm, heute herrschen befristete Arbeitsverhältnisse, Entlassungen, Jobverlagerungen ins Ausland - Stressfaktoren, die den eigenen Arbeitsplatz als permanent bedroht erscheinen lassen. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendwo ein Konzern verkündet, demnächst Mitarbeiter im vierstelligen Bereich entlassen zu müssen. Allein in der Autoindustrie sind 250 000 Jobs in Gefahr, warnt die IG Metall. Und selbst wer einen Wandel übersteht und etwas Neues findet, ist angekratzt.