Von Viola Schenz

Hallo, ist da wer? Online-Bewerbungen werden kaum gelesen.

Christian Blank und Markus Unterberger haben etwas aus sich gemacht, ihre Lebensläufe können sich sehen lassen. Christian, 1974 geboren, war zuletzt bei A. T. Kearney in Stuttgart als Unternehmensberater beschäftigt. Er kann internationale Praktika vorweisen, hat einen Master of Business Administration der University of Georgia und einen Abschluss als Diplom-Kaufmann der Uni Erlangen, Note 1,3. Seine Abiturnote ist ebenfalls 1,3.

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"Viele Unternehmen verstecken sich hinter ihren Karriereportalen": Online Bewerber bekommen oft keine Antwort. (© Foto: photodisc)

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Markus ist 26 Jahre alt, er studiert an der Fachhochschule München und steht kurz vorm Abschluss zum Betriebswirt. Das Abitur hat er mit 2,1 gemacht, er kann eine abgeschlossene Ausbildung zum Bürokaufmann vorweisen und ein Praktikum bei Disney Worldwide in Orlando/Florida. Gerade schreibt er seine Diplomarbeit bei der Unternehmensberatung Horváth & Partners Management Consultants in Stuttgart.

Christian und Markus sind zurzeit auf Jobsuche. Erkennbare Schwerpunkte liegen bei beiden in den Bereichen Finanzen und Personal, und bis auf den einen oder anderen Kommafehler sind auch die Anschreiben, die ihren Lebensläufen beiliegen, einwandfrei. Gut hundertmal haben sie ihre Unterlagen verschickt, alle gingen online raus, mal als E-Mail, mal über die Formulare auf den Webseiten der Unternehmen. Das Ergebnis? Eine einzige Enttäuschung. Nur zwei Einladungen und ein paar Aufforderungen, Weiteres nachzureichen.

Nun muss an dieser Stelle gesagt sein, dass Christian und Markus nicht wirklich enttäuscht waren. Die beiden existieren nämlich nicht. Sie waren als fiktive Personen Teil einer Studie, die Armin Trost, Professor für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt vergangenes Jahr durchgeführt hat. Ziel der Studie war es herauszufinden, wie die größten und attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland auf Online-Bewerbungen reagieren. "Es wurde angestrebt, realistische und attraktive Profile zu generieren, die für einen breiten Einsatz denkbar wären", sagt Trost.

Um für die angeschriebenen Firmen erreichbar zu sein, richteten Trost und seine Mitarbeiter zwei Telefonnummern mit Voice-Mail ein, außerdem zwei Postadressen mit den Namen der fiktiven Kandidaten, für die E-Mails legten sie zwei Accounts an. Mit diesem Testfall folgten sie dem neuesten Trend auf dem Stellenmarkt. Die Recruiting-Welt schwört nämlich auf Online.

Bloß keine Mappe

Immer mehr Firmen schreiben ihre Stellen im Netz aus, sei es auf der eigenen Homepage oder in Jobcentern. Und immer weniger Bewerber basteln sich eine Mappe, sie schicken ihre Unterlagen einfach elektronisch los. Knapp zwei Drittel der Stellenbesetzungen bei großen Unternehmen gehen mittlerweile auf Online-Verfahren zurück, ergab eine Studie des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Uni Frankfurt am Main.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Online ist für beide Seiten günstiger, man spart Material und Porto, bei den Firmen sinkt der Verwaltungsaufwand, bei den Bewerbern der Arbeitsaufwand. Doch genau die vergleichsweise kostengünstige und einfache Handhabung zieht Job-Zocker an, die ihre vorgefertigten Elaborate quasi als Rund-E-Mail gleich an mehrere potenzielle Arbeitgeber verschicken. Und sie verführt zur Schludrigkeit. Die individuelle Präsentation bleibt schnell auf der Strecke, ebenso der letzte kritisch prüfende Blick auf die Unterlagen. Wen wundert es da, dass mehr als 70 Prozent der Unternehmen feststellen, dass Online-Bewerbungen im Vergleich zu herkömmlichen Mappen von schlechter Qualität sind?

Keine Antwort

Doch was helfen andererseits - wie in unserem Fall - gut geratene Internetbewerbungen, wenn die Personalabteilungen der angeklickten Firmen mit Online-Recruiting offensichtlich nicht zurecht kommen? Zu diesem Ergebnis kommt die Studie von Armin Trost. "Während Job-Interessenten hoffnungsvoll eine Vielzahl von Informationen anbieten, reagieren Unternehmen eher administrativ, anonym und in weiten Teilen desinteressiert", sagt er. "Der Eindruck drängt sich auf, dass sich viele Unternehmen hinter ihren Karriereportalen und Verwaltungsprozessen verstecken beziehungsweise mit der Verarbeitung von Bewerbungen so sehr beschäftigt sind, dass sie keine Zeit mehr finden, persönlich zu reagieren."

Gerade in Fällen, wo eine Fülle detaillierter Informationen mittels strukturierter Formulare abverlangt wird, blieben die Absender über den Nutzen der aufwändigen Dateneingabe im Unklaren. Auch waren vier Wochen nach dem Verschicken viele Stellen noch offen. In diesen Fällen war auch nicht klar, wann mit einer Reaktion zu rechnen sei. Zwischenbescheide waren die Ausnahme.

Damit Online-Bewerbungen nicht für beide Seiten im Frust enden, rät Armin Trost den Unternehmen, den virtuellen Raum möglichst schnell wieder zu verlassen: "Zu jungen Menschen mit vielversprechenden Profilen sollte man lieber frühzeitig eine persönliche Beziehung aufbauen."

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(SZ vom 22.4.2006)