Von Nicola Holzapfel

Was sind Ihre Schwächen? Worin sind Sie stark? Ein neuer Ratgeber erklärt, welche Antworten im Vorstellungsgespräch richtig sind und wann Bewerber völlig daneben liegen.

Jobsuchende sind nie allein. Wenn sie eine Frage haben, gibt es jemanden, der die Antwort parat hat. Sie müssen nur das richtige Buch im Ratgeber-Regal finden. Die Verlage haben nicht nur alle erdenklichen Zielgruppen bedacht (nur ein Beispiel: Es gibt Bücher für Frauen, für freche Frauen und für Frauen mit Kindern), sondern auch den Bewerbungsprozess in seine Einzelstationen gegliedert. Es gibt Ratgeber unterschiedlichster Seitenstärke für die reine Stellensuche, für die schriftliche Bewerbung, fürs Vorstellungsgespräch, fürs Assessment Center.

Bewerberin, Ratgeber

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In den großen Fragen sind sich die Autoren weitgehend einig. Bewerbungen in Deutschland müssen in die übliche Form gepresst werden und das bedeutet in der Regel noch immer eine Mappe zu schicken, wenn man sich nicht gerade online bewirbt. Das Anschreiben muss individuell formuliert sein, der Lebenslauf zum ausgeschriebenen Job passen und beides hat nun mal frei von Rechtschreibfehlern zu sein. So weit so bekannt, Abweichungen gibt es bei Details - mit Deckblatt oder ohne? Großes oder kleines Foto? - und auch bei der fast wichtigsten aller Fragen: Gehaltswunsch nennen oder nicht?

Manche Jobsuchende verlieren den Überblick zwischen all den Bewerbungsbüchern. Sie wissen vor lauter Tipps nicht mehr, was und wie sie es aufs Papier bringen sollen. Noch dazu wird ja erwartet, dass trotz der einschränkenden Vorgaben wie Bewerbungen in Deutschland auszusehen haben, die Persönlichkeit des Bewerbers auch bei den schriftlichen Unterlagen irgendwie rüberkommt. Die richtige Strategie durchs Ratgeber-Dickicht ist dann wohl, das umzusetzen, was zu einem passt, die Vita des Autors nachzulesen (kommt er oder sie aus der Praxis?) und im Zweifelsfall seinem gesunde Menschenverstand zu vertrauen: Wer es unpraktisch findet, jede Unterlage einzeln in eine Plastikhülle zu stecken, wird das auch dem Empfänger nicht zumuten wollen.

Egal, welches Buch Bewerber aufschlagen, an einem Slogan kommen sie nicht vorbei: "Vermarkten Sie sich selbst" ist das Credo der Ratgeber-Autoren. Der Bewerber ist ein Produkt und das gilt es an den Mann bzw. Personalverantwortlichen zu bringen. Wenn das mit den schriftlichen Unterlagen gelingt, kommt der für viele schwierigste Teil der Jobsuche: das Vorstellungsgespräch. Jetzt ist der Bewerber allein. Und er muss auf Fragen antworten ohne das Selbstvermarktungspostulat zu verletzen - ansonsten fliegt er aus dem Rennen.

"Wo wollen Sie hin?" ist etwa eine typische Vorstellungsgespräch-Frage, die philosophische Geister zum Sinnieren bringen mag. Erwartet wird aber etwas anderes. Bei einem kurzen Bewerbungscheck des Haufe-Verlags heißt es "Was antworten Sie auf die Frage nach persönlichen Schwächen?". Die Lösung lautet : "Ich sage etwas Überzeugendes, ohne etwas zu verraten".

Das kann nicht jeder. Die Empfehlung, sich auf gängige Fragen vorzubereiten, gehört deshalb zu jedem Ratgeber-Katalog. Auch Rollenspiele werden Bewerbern gern ans Herz gelegt. Nun hat der Haufe-Verlag mit seinem jüngsten Bewerbungsbuch etwas Neues auf den Ratgebermarkt gebracht: Dialoge aus Vorstellungsgesprächen zum Nachlesen und Zuhören. Zu hören ist da zum Beispiel, wie ein Bewerber zwar ehrlich, aber leider völlig daneben auf die Aufforderung: "Erzählen Sie mal was über sich!" antwortet.

Die Dialoge (alle rechts stehenden Beispiele stammen aus dem Buch) klingen auf der CD zwar gestellt, aber dafür gibt es im Buch eine Analyse des Autors Claus Peter Müller-Thurau, warum die Antworten falsch oder richtig sind. Beim Beispiel "Erzählen Sie mal" hat der Bewerber demnach folgende Sachen falsch gemacht: Er hat sich auf die erwartbare Frage nicht vorbereitet, nicht sinnvoll strukturiert, Wichtiges von Unwichtigem nicht getrennt, widersprüchlich argumentiert und dadurch unglaubwürdig gewirkt.

Bei der Frage nach den eigenen Stärken scheitert der Bewerber laut Müller-Thurau daran, dass er "ganz offensichtlich keine Vorstellung" von den Fachbegriffen hat, dass er "kein Gespür" dafür hat, dass manche Eigenschaften widersprüchlich wirken und dass er Qualifikationen nennt, die mit dem Job wenig zu tun haben.

Auch bei der Frage nach dem Gehalt lässt sich schnell etwas falsch machen. "Wer vorgibt, Geld sei unwichtig, macht sich bei den meisten Personalern verdächtig", meint Müller-Thurau zum Beispiel der Bewerberin. Außerdem falsch: Als sie endlich einen Gehaltswunsch nennt, kassiert sie ihn wieder ein. Im Buch überzeugt der Bewerber, obwohl er mit seinen Vorstellungen etwas zu hoch liegt. Im echten Bewerberleben kann eine zu hohe Hausnummer das Aus bedeuten. Vor allem Hochschulabsolventen müssen aufpassen, dass sie nicht zu viel fordern.

Alles können eben selbst Ratgeber Jobsuchenden nicht abnehmen. Auch sind Bescheid wissen und richtig machen leider nicht dasselbe. Manche Bewerber lassen sich deswegen zu Vorstellungsgesprächen für Jobs einladen, die sie eigentlich gar nicht haben wollen - nur um zu üben.

"Das Vorstellungsgespräch - live", Haufe Verlag, 19,80 Euro

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