Jobcoach Was tun, wenn mir der Chef den Feierabend verdirbt?

Symbolbild

(Foto: Damian Zaleski/Unsplash)

Der Vorgesetzte von Janina B. überträgt ihr oft spätnachmittags dringende Aufgaben, sie kann ihre Freizeit kaum planen. Nun bittet sie den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leserin Janina B. fragt:

Nach acht Wochen in einem sonst tollen, neuen Job als Assistenz der Geschäftsleitung stelle ich fest, dass mein Chef die Angewohnheit hat, Schreiben, "die heute noch raus müssen", und Deadlines für Anträge in den Feierabend hinauszuschieben. Wegen seiner Unstrukturiertheit habe ich schon einige Überstunden angehäuft und kann meine Freizeitaktivitäten nur noch schlecht planen. Wie kann ich das Thema ansprechen, ohne schon in der Probezeit als unflexibel aufzufallen?

Christine Demmer antwortet:

Liebe Frau B., um sich über den Chef zu ärgern, findet man immer einen Grund. Zwar finde ich Ihren Vorwurf, er sei unstrukturiert, etwas zu hart. Doch nehmen wir an, Sie haben dafür in den ersten acht Wochen weitere Anhaltspunkte gefunden. Er beginnt vielleicht zu spät, sich auf Termine vorzubereiten, oder vergisst es vollends. Er halst sich Arbeit auf, die seine Mitarbeiter erledigen könnten. Er improvisiert mehr, als dass er planvoll vorgeht. Und so weiter, man kennt solche Menschen. Vom Wesen her sind sie oft wahre Schätze, in der Zusammenarbeit echte Katastrophen. Und Sie müssen nun mit solch einem Exemplar klarkommen. Mittleres Bedauern meinerseits, weil Sie es schlimmer hätten treffen können, in Verbindung mit einem aufmunternden Schulterklopfen. Sie schaffen das.

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Denn statt sich aufzuregen, können Sie ihm zu einem Tauschgeschäft verhelfen: Sie trainieren ihn, sich besser zu organisieren und dadurch noch erfolgreicher zu werden. Er lässt Ihnen dafür Ihren wohlverdienten Feierabend. Das ist der Deal. Mit der Besonderheit, dass Sie ihn stillschweigend und nur mit sich selbst vereinbaren. Denn kein Vorgesetzter ist entzückt, wenn ihm seine Mitarbeiter erklären, dass sie viel besser als er verstehen, wie er seine Arbeit zu tun hat. Lenken Sie ihn lieber geschickt dorthin, wo Sie (und die Firma!) ihn haben wollen.

Wenn er zum Beispiel das nächste Mal kurz vor Torschluss mit einem eiligen Auftrag an Sie herantritt, dann sagen Sie ihm offen, dass dies Ihre Feierabendplanung durcheinanderbringt. Weil Sie es in Ihrer Tagesplanung nicht einkalkuliert haben. Fragen Sie ihn freundlich, warum dieser Auftrag zwingend heute noch erledigt werden muss, welches unternehmerische Ziel dahintersteht. Dank dieser Rückfrage erkennt mancher Vorgesetzte erst den Arbeitsaufwand, den es zur Bewältigung der Anweisungen braucht. Wenn Sie das ein, zwei Mal so machen, ist der Chef beim dritten Mal entsprechend geschult. Er überlegt sich die Vergabe des Auftrags zweimal oder liefert Ihnen zumindest eine plausible Begründung.

Über einen chaotischen Chef, der Termine übersieht, Aufgaben auf den letzten Drücker erteilt oder nicht delegieren kann, sollten sich Mitarbeiter nicht ärgern. Sie selbst können das ändern, etwa indem sie ihn von sich aus an Termine erinnern. Oder, wie in Ihrem Fall, regelmäßig eine Stunde vor Dienstschluss in sein Büro gehen und fragen, ob heute noch etwas Wichtiges zu tun sei. Schüttelt er den Kopf, kommt später aber doch noch mit einem Auftrag, dann erinnern Sie ihn freundlich, dass Sie ihn vor etwa 60 Minuten gefragt haben. Am folgenden Tag stecken Sie erneut eine Stunde vor Feierabend den Kopf durch seine Bürotür und erkundigen sich, ob noch etwas Dringendes anliege. Wetten, dass Sie ihn in einer Woche da haben, wo Sie ihn haben wollen? Und wetten auch, dass er nach kurzer Zeit das Gefühl haben wird, Sie seien als seine rechte Hand unentbehrlich?

Vergessen Sie nicht, ihn während der Umerziehung häufig zu loben. Das hat nichts mit Schleimen zu tun. Auch Führungskräfte brauchen Anerkennung. Und wenn Ihr Chef einen guten Job für sein Team, also Sie, macht, dann können Sie ihm das ruhig sagen.

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin und Coach in Deutschland und Schweden.

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