Jobbörsen in Sachsen mit Unternehmern aus Bayern Dem Osten geht die Arbeit aus
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Obwohl die Industrie in den neuen Ländern beachtliche Zuwachsraten erreicht, verschlechtert sich die Beschäftigungslage weiter.
(SZ vom 28.5.2001) Es war ein zunächst zaghafter Versuch, zwei fremde Welten zusammenzubringen. Hier die Arbeitslosen aus den Dörfern und kleinen Städten rund um Bautzen im Osten Sachsens, wo manche schon die Fahrt in die Landeshauptstadt Dresden - eine knappe Autostunde westwärts - als Reise in eine andere Welt empfinden. Wie weit entfernt sollte da erst Freising sein, dieser Ort irgendwo bei München, wo es prozentual die wenigsten Arbeitslosen in ganz Deutschland gibt? Von dort nun waren Unternehmer in den Osten gekommen, auf der Suche nach Arbeitskräften. Im Juli 2000 trafen beide Seiten erstmals zusammen. Der Arbeitsamtsbezirk Bautzen - mit einer Arbeitslosenquote um 22 Prozent - hatte zu einer Job-Börse mit bayerischen Unternehmen eingeladen. Die Resonanz war mit weit mehr als tausend Interessenten überwältigend.
Schnuppern in Freising
Mittlerweile hat die Aktion mehr Erfolg gebracht als viele Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. 311 arbeitslose Ostsachsen haben Arbeit gefunden. Fast hundert weitere "schnuppern" - wie es im Modellversuch heißt - bei Arbeitgebern in Freising, in der Hoffnung, dass ein festes Arbeitsverhältnis daraus wird. Mehr als 2000 Interessenten sind registriert.
Die Bautzener Initiative ist kein Einzelfall, auch in anderen ostdeutschen Städten finden Jobbörsen von Unternehmen aus Bayern oder Baden- Württemberg Zuspruch. Für die Berater in den Arbeitsämtern widerlegt der Erfolg das Bild von den unbeweglichen Arbeitslosen, die - wie es der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Matthias Gabriel, ausdrückte - "sich damit begnügen, ihre Kissen in die Fensterbank zu legen und zuzuschauen, wie andere ihre Autos einparken".
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Der Sozialdemokrat Gabriel verlor wegen Worten wie diesen selbst seinen Job. Sie wurden als Zumutung empfunden: In den neuen Bundesländern gibt es, gemessen am Angebot an Arbeitskräften, schlichtweg zu wenig Jobs. "Die offenen Stellen fallen kaum ins Gewicht", sagt Martin Heß, Präsident des Landesarbeitsamtes für Sachsen-Anhalt und Thüringen. So waren in Sachsen- Anhalt, das mit rund 20 Prozent die höchste Arbeitslosenquote aufweist, Ende April 2738.38 Menschen arbeitslos (nicht einberechnet sind Zehntausende in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) - bei 14.443 offenen Stellen.
Das Nachbarland Thüringen kann im Osten mit 15,5 Prozent die beste Arbeitslosenquote vorweisen, profitiert dabei aber von einer hohen Zahl an Pendlern. Bereits Ende Juni 1999 arbeiteten mehr als 60.000 Thüringer in Bayern, Niedersachsen und Hessen. Seither dürfte die Pendler-Zahl gestiegen sein, weil vor allem die westdeutschen Länder vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre profitierten und im Osten rekrutieren.
Zwar erreicht die Industrie im Osten beachtliche Zuwachsraten. Ihr Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften liegt aber unter dem, was wegbricht - vor allem in der seit dem Boom der neunziger Jahre überdimensionierten ostdeutschen Baubranche. Dort gibt es, auf tausend Einwohner gerechnet, zweieinhalbmal so viele Beschäftigte wie im Westen.
In einigen ostdeutschen Boom-Regionen klagen Unternehmen dennoch über Fachkräftemangel. "Sie werden in jeder Stadt einen Arbeitgeber finden, der die Arbeitskräfte nicht bekommt, die er sucht", bestätigt Arbeitsamtspräsident Heß. Doch dies seien Ausnahmen, die auch selbst Verantwortung trügen. Sie würden oft zu lange warten, bis sie ihren Bedarf anmelden. Die Arbeitsämter könnten ein großes Potenzial an Bewerbern bieten, die aber vor einer Vermittlung oft erst weitergebildet werden müssen.
Der Job lohnt sich nicht
Mehr als ein Drittel der ostdeutschen Arbeitslosen sind Langzeitarbeitslose - die als schwer vermittelbar und dem Arbeitsprozess entwöhnt gelten. Ohne die massive Förderung dieser Gruppe am zweiten Arbeitsmarkt wäre das Problem noch weitaus größer. Zugleich zählen viele dieser Langzeitarbeitslosen zu den Älteren über 55 Jahre. Faktisch besteht ihre Perspektive allein darin, das Erreichen des Rentenalters abzuwarten. Für diese Älteren haben die Länder Programme entwickelt, die ihnen immerhin Beschäftigung bieten, aber wenig Aussicht auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt.
Dazu sollte aktive Arbeitsmarktpolitik dienen. Allein in Ostdeutschland sind seit 1990 fast 150 Milliarden DM dafür ausgegeben worden. Doch auch für Jüngere haben die Maßnahmen oft den Charakter einer Beschäftigungstherapie. Dies gilt auch für staatliche Modelle, bei denen Schulabgänger, die keine Lehrstelle finden, oft in Berufen ohne Perspektive - etwa im Baugewerbe ausgebildet - werden.
Hohe Sozialansprüche
Nicht nur hier sehen Experten grundsätzlichen Reformbedarf. Hilmar Schneider vom Hallenser Institut für Wirtschaftsforschung IWH meint, dass durch die hohen Sozialansprüche die Entstehung von weiteren Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor blockiert wird. Dieses Problem sei im Osten, wo die Löhne niedriger sind, sogar noch schärfer als im Westen. "Hier ist der Anreiz für Arbeitslose, eine Arbeit anzunehmen, oft noch viel geringer, weil sie letztlich viel weniger verdienen würden als sie vom Staat erhalten, wenn sie nicht arbeiten", sagt Schneider.
Der Wissenschaftler Schneider distanziert sich deshalb auch von der durch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) angestoßenen "Faulenzer-Debatte" - ein Begriff, den er für absolut unpassend hält. "Denn damit würde man so tun, als handele es sich um ein persönliches Merkmal dieser Arbeitslosen", sagt er. Für ihn sind die Betroffenen eher Opfer der Situation. "Schließlich würden sie im Prinzip gegen die Regeln der Vernunft handeln, wenn sie unter diesen Bedingungen einen Job annehmen."
Derweil müssen sich ostdeutsche Arbeitgeber auf ungewohnte Sorgen einstellen. Spätestens in fünf Jahren werden die (durch den Geburtenknick seit der Wende) geburtenschwachen Jahrgänge die Schulen verlassen und Bewerber um Lehrstellen zur Mangelware werden. Gleichzeitig erreichen in vielen Betrieben, die nach der Wende kaum neu einstellten, viele Mitarbeiter das Rentenalter. Im Hinblick auf diese "demographische Falle" mahnen Politiker wie Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) Unternehmen eindringlich, vorsorglich mehr junge Leute auszubilden.