Job Kind oder Karriere

Kind oder Karriere - für viele Frauen eine schwierige Entscheidung.

(Foto: imago/Westend61)
  • Akademikerinnen bekommen seltener Kinder als Frauen ohne Hochschulabschluss.
  • Das belegt eine bislang unveröffentlichte Studie von Wissenschaftlern des Essener RWI-Instituts für Wirtschaftsforschung.
  • Ihre Forderung: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss endlich verbessert werden.
Von Alexander Hagelüken

Wenn Frauen studieren, reduziert das die Wahrscheinlichkeit um ein Viertel, dass sie Kinder bekommen. Die Akademikerinnen schreckt oft die Sorge ab, dass sich Karriere und Nachwuchs nicht vereinbaren lassen. Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie des Essener RWI-Instituts für Wirtschaftsforschung hervor, die unbequeme Fragen an Politik und Wirtschaft nahelegt.

Die deutsche Bildungspolitik verfolgt seit Langem das Ziel, dass auch mehr Frauen studieren. Durchaus mit Erfolg: Während 1963 erst fünf Prozent der Frauen an die Uni gingen, ist der Anteil heute so hoch wie bei den Männern. Parallel ging seit Mitte der sechziger Jahre die Geburtenrate deutlich zurück: Von damals 2,5 in Ost und West auf heute 1,4 bis 1,5 Kinder pro Frau. Das wirft die Frage auf, ob Akademikerinnen es besonders schwierig finden, einen Beruf auszuüben und Mutter zu werden, obwohl viele beides wollen. Oder ob der höhere Bildungsstand einfach mit einer grundsätzlichen Präferenz für weniger Kinder einhergeht, so wie der zunehmende Wohlstand seit der industriellen Revolution die Geburtenrate gesenkt hat.

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Ob Antwort eins zutrifft oder eher die zweite, hat für die Gesellschaft grundsätzliche Bedeutung. Denn das deutsche Renten- und das Gesundheitssystem sind beide auf Beiträgen von Arbeitnehmern für Senioren aufgebaut - also auf genügend Nachwuchs. Falls viele Akademikerinnen Kinder bekommen möchten, aber aus beruflichen Erwägungen verzichten, sollte die Gesellschaft ihnen aus Eigeninteresse helfen - indem sie Karriere und Kinder leichter vereinbar macht.

Die RWI-Forscher Daniel A. Kamhöfer und Matthias Westphal geben jetzt erstmals eine eindeutige Antwort auf die Kinderfrage. Bisher stellten Studien nur die Parallelität von größerer Studienhäufigkeit und weniger Nachwuchs fest, ohne einen kausalen Zusammenhang zu belegen. Kamhöfer und Westphal nutzten den in Deutschland regional unterschiedlichen Ausbau von Universitäten, um anhand des Lebens von mehr als 4000 Müttern empirische Nachweise zu finden.

Fazit: Ja, ein Studium senkt die Wahrscheinlichkeit von Nachwuchs deutlich. Und nein, das liegt weniger daran, dass Akademikerinnen keine Kinder wollen. Wenn sie denn welche bekommen, haben sie im Schnitt sogar mehr Nachwuchs als Mütter ohne Studium. Es ist etwas anderes, das die Uni-Absolventinnen abhält: die Hürden eines Lebens mit Karriere und Kindern.

Akademikerinnen haben mehr zu verlieren

Die Forscher beobachten einen großen Teil Akademikerinnen, die berufliche Nachteile fürchten. Ihre besondere Zurückhaltung im Vergleich zu Frauen mit anderen Qualifikationen hängt damit zusammen, dass sie mehr zu verlieren haben, wenn sie den Beruf wegen der Kinder stark einschränken oder gar aufgeben. Wer mal einen Uni-Abschluss schafft, hat eine deutlich größere Aussicht auf einen Vollzeitjob als eine Frau ohne. Und die Bezahlung ist im Schnitt um 50 Prozent höher - für Akademikerinnen ohne Kind sogar 80 Prozent.

Die Forscher fordern daher, die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit zu verbessern. Etwa durch mehr Flexibilität für Eltern, die vorübergehend ihre Arbeitszeit reduzieren, aber später in Vollzeitjobs zurückkehren wollen. Oder durch mehr Heimarbeit. Sinnvoll wären aus ihrer Sicht auch finanzielle Anreize. Etwa, indem Leistungen wie Elterngeld noch stärker am Einkommen orientiert werden. Das Elterngeld ist bereits vom Lohn abhängig, aber auf etwa 1800 Euro netto begrenzt, was viel weniger ist, als in Akademikerjobs zu verdienen ist.

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