Job Ein Anspruch auf Homeoffice käme zu früh

Homeoffice ist in den Niederlanden weit verbreitet. Dort arbeitet jeder Dritte häufiger von zu Hause aus. In Deutschland tut das nur jeder Zehnte.

(Foto: Rawpixel/Unsplash)

Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert, dass Beschäftigte von Zuhause aus arbeiten dürfen. Der Trend zur Heimarbeit birgt jedoch Gefahren.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Heimarbeit, das hört sich unmodern an. Es klingt nach Frauen, die zu Hause nähen, unter Kerzenlicht zum Hungerlohn; nach Männern wie Willy, der im gleichnamigen Stück von Franz Xaver Kroetz' Blumensamen eintüten muss, weil er seine richtige Stelle versoffen hat. Doch unter englischem Namen macht die Heimarbeit zur Zeit Karriere. Als Homeoffice verheißt sie nicht A wie Ausbeutung, sondern B wie Befreiung; vom Stau befreit soll der neue Heimarbeiter im Garten in den Laptop tippen - natürlich zum Tariflohn.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund, lange skeptisch, fordert nun einen Anspruch auf Homeoffice, wie in den Niederlanden, wo schon jeder dritte häufiger von Zuhause aus werkelt statt wie bei uns jeder zehnte. Tatsächlich könnte Heimarbeit für viele Deutsche eine Verbesserung bedeuten - allerdings nur, und das wird zu klären sein, falls sich hinter Homeoffice keine Heimarbeit alten Schlags verbirgt.

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Zunächst sprechen gleich mehrere Trends für die Zuhauselösung. Wenn beide Eltern berufstätig sind, lässt sich das per Homeoffice leichter unter den sonst recht kleinen Hut bringen und mit einem Alltag vereinbaren, in dem Hortzeiten nicht immer auf den Beruf Rücksicht nehmen, die Viren dort sowieso nicht. Die doppelte Berufstätigkeit ist auch einer der Gründe, warum Pendlerexistenzen zunehmen. Paare finden nicht im selben Ort gute Jobs; die Mieten treiben die Familie aus dem Ort, an dem der Arbeitgeber residiert. Beschäftigte pendeln im Mittel 20 Prozent weiter als vor zehn Jahren. Da hellt es die Laune auf, den Stau wenigstens ab und zu jenen zu überlassen, die gestern in der Schlange vor einem standen.

Zumal deutsche Firmen das Firmenbüro zusehends verleiden, in dem sie es in Großräume verlegen. Das spart Geld und ist schon deshalb angesagt, weil es angeblich die US-Internetkonzerne auch so machen. In Wahrheit findet da eine Retrobewegung in die Berufswelt der 50er-Jahre statt, was aber Vorgesetzte ebenso wenig stört wie die Ergebnisse von Studien, wonach lärmgestörte Großrauminsassen weniger produktiv sind.

All dies macht es attraktiver, auch einmal zu Hause zu arbeiten. Realistisch wird dies erst neuerdings, durch Datenwolken, Videokonferenzen, neue Glasfaserkabel. Die digitale Ära nimmt dem Chef die alte Angst, der Untergebene widme sich zu Hause vor allem seinen bevorzugten Soap-Operas. Arbeit hinterlässt heute zu viele digitale Spuren und Ergebnisse, um sich noch vortäuschen zu lassen. Chefs, die sich wirklich für Produktivität interessieren, können zudem bei Forschern aus den Niederlanden und den USA nachlesen, dass Zuhausewerker mehr leisten als reine Büromenschen.

Trotzdem ermöglicht nur jede dritte deutsche Firma Homeoffice. Sollte es also einen Rechtsanspruch darauf geben? Die Antwort darauf muss differenziert ausfallen. Sie lautet Nein, falls ein Anspruch für jeden jederzeit gemeint ist. Krankenschwestern und Fabrikarbeiter können auch im Zeitalter von Pflegerobotern und 3-D-Druckern selten von zu Hause eingreifen. Außerdem zeigt die Forschung, dass tägliches Homeoffice meist weder für die Beschäftigten noch für die Firma optimal ist. Der Beschäftigte verliert den Anschluss, die Firma jene Ideen, die sich ihre Planstelleninhaber auch mal auf dem Flur erquatschen. Heimarbeitspioniere wie IBM sind deshalb heute zurückhaltender als noch vor einigen Jahren.

Mobiles Arbeiten muss erlernt werden

Es spricht aber nichts dagegen, dass Arbeitnehmer auch mal zu Hause arbeiten - außer der Präsenzkultur von Firmen, in denen Chefs Monologe vor Publikum lieben. Ob die Regierung diese zeitweise Heimarbeit gleich per Gesetz durchdrücken sollte, ist eine andere Frage. Durch das neue Rückkehrrecht in Vollzeit, das besonders Mütter verdientermaßen besser stellt, mutet sie den Firmen schon etwas zu. Das spricht dafür, fürs Homeoffice zunächst nur Ziele zu formulieren, etwa eine Verdoppelung der Quote auf 20 Prozent; wenn sich dann die Firmen flächendeckend sperren, kann ein Gesetz helfen.

Bis dahin sollten Politiker und Sozialpartner die Bedingungen für das Homeoffice klären, was übrigens auch zum Wohle der Beschäftigten wäre. Wissenschaftler ermitteln, dass Homeworker länger vor dem Laptop sitzen, weil sie ein schlechtes Gewissen treibt. Sie sollten für ihr Privileg aber weder grundsätzlich mit unbezahlten Überstunden bezahlen noch mit Erreichbarkeit rund um die Uhr. Das mobile Arbeiten muss erlernt werden wie zuvor der Alltag zwischen Büropflanzen und Kantine; es braucht einen fairen Rahmen.

Politiker und Gewerkschafter sollten dabei unbedingt darauf achten, dass aus dem Wunsch nach Homeoffice kein Auslagern der Stammbelegschaft wird. Die neue Technologie ist sozial blind und vereinfacht es auch, aus Festangestellten sozialversicherungsfreie Auftragnehmer zu machen. Die aber würden leicht zu Gestalten wie dem Sameneintüter-Willy, bei dem es so traurig läuft, wie es in Kroetz-Dramen eben läuft.

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