Japanische Sitzungskultur Der Fleißige darf schlafen

In Deutschland undenkbar, in Japan ganz normal: häufige Nickerchen während der Arbeitszeit. Warum Japaner sogar im Meeting schlafen dürfen.

Interview: Nicola Holzapfel

Power-Napping, also während der Arbeitszeit kurz zu schlafen um Energie zu tanken, ist für Japaner nichts Neues. Sie schlafen seit jeher auch tagsüber öfters ein. "Inemuri" heißt das auf Japanisch, was die Japanologin Brigitte Steger mit "Anwesenheitsschlaf" übersetzt. Steger, die an der Universität Wien lehrt, hat das Schlafverhalten der Japaner erforscht.

Schlafe und Arbeite

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sueddeutsche.de: In Japan ist es offenbar üblich, während eines Meetings kurz einzunicken?

Brigitte Steger: Nicht nur kurz, auch lang ... Die Meetings ziehen sich oft ziemlich in die Länge und sind wirklich sehr mühsam. Es gibt viele Sitzungen, in denen nur etwas verkündet wird, also keine Diskussion stattfindet. Da ist es ziemlich üblich, einzuschlafen. Es geht mehr darum, dabei zu sein. Wer allerdings zeigen will, wie sehr er sich einsetzt oder wie gewieft er ist, sollte besser nicht schlafen.

sueddeutsche.de: Kann man denn überhaupt einschlafen, ohne dass es negativ auf einen zurückfällt?

Steger: Ja, wenn einen das Thema nichts angeht oder man ansonsten sehr viel arbeitet. Wer schläft, demonstriert, dass er gerade nichts tut. Das kann sich nur erlauben, wer vorher glaubhaft gemacht hat, dass er viel leistet. Es ist auch eine Frage der Hierachie. Es kommt darauf an, wer die Interpretationsmacht hat.

Manche setzen den Schlaf auch bewusst ein. Zum Beispiel, wenn ein Vorgesetzter meint, dass seine Anwesenheit zu schwer wiegt. Dann stellt er sich im Meeting schlafend, damit sich die Teilnehmer trauen, etwas zu sagen. Wer schlau ist, weiß natürlich, dass er sich nur schlafend stellt. Aber alle tun so, als ob sie es nicht wüssten.

sueddeutsche.de: Gibt es auch Unterschiede nach Berufen?

Steger: Ja. Eine Sekretärin hat kürzere Arbeitszeiten und muss eher weniger Überstunden machen. Wenn sie "inemuri" macht, liegt der Verdacht nahe, dass sie sich am Vorabend vergnügt hat. Aber als Journalist in einem Großraumbüro ist das kein Problem.

sueddeutsche.de: Woher kommt denn dieses Schlafbedürfnis?

Steger: Es gilt in Japan als erstrebenswert, den Nachtschlaf zu reduzieren. Das hat einen moralischen Wert, es zeigt, wie sehr man sich im Griff hat und die eigenen Bedürfnisse unter Kontrolle halten kann. Japaner sind stolz, wenn sie mit wenig Schlaf auskommen.

Teilweise gibt es das ja auch in unserer Kultur. Napoleon soll sehr wenig geschlafen haben. Und heutzutage hört man häufig von Managern und Politikern, dass sie mit wenig Schlaf auskommen. Dass jemand, der nachts wenig schläft, von Müdigkeit übermannt wird, wenn er ruhig sitzt und nichts aktiv zu tun hat, ist nachvollziehbar und in Japan sozial erlaubt.

sueddeutsche.de: Auch im öffentlichen Raum sieht man in Japan viel häufiger Menschen schlafen als etwa in Deutschland.

Steger: Die Beschäftigten gleichen ihr Schlafdefizit so wieder aus. Wenn sie auswärts Termine haben, ist es zum Beispiel ganz normal, zwischendurch in ein Kaffee oder eine Sauna zu gehen, und dort zu schlafen. Aber bei den Überstunden müssen sie anwesend sein. Die Pausen zwischendurch machen das leichter. Es bedeutet natürlich auch, dass Japaner viel Zeit im Büro verbringen.

sueddeutsche.de: Muss man sich denn als Geschäftsreisender darauf gefasst machen, in einem Meeting mit schlafenden Japaner zu sitzen?

Steger: Ja. Damit muss man rechnen. Und man sollte darüber nicht irritiert sein, auch wenn man selbst einen Vortrag hält. Sogar wenn er spannend ist, wird währenddessen womöglich geschlafen. Da muss man eben die Anstrengung der Teilnehmer anerkennen, dass sie es geschafft haben, zu kommen.

sueddeutsch.de: Darf man es sich als deutscher Teilnehmer in einem Meeting erlauben, zu schlafen?

Steger: Das wird Erstaunen hervorrufen, da bekannt ist, dass in Deutschland normalerweise nicht geschlafen wird. Es kann auch leicht daneben gehen. Es ist nicht einfach, im Meeting so zu schlafen, dass es akzeptiert wird. Das muss man lernen.

Von Brigitte Steger ist im Rowohlt Verlag das Buch erschienen: "Inemuri. Wie die Japaner schlafen und was wir von ihnen lernen können"