10 Jahre Bologna-Reform Lasst die Korken knallen!

"Es gibt keinen Weg zurück": Die Bologna-Reformer feiern Bachelor und Master - obwohl die Studenten noch immer unzufrieden sind. Zum Sektempfang gibt es eine Überraschung.

Von Johann Osel

Die Transparente mit den zugespitzten Losungen sind seit Monaten eingerollt, die Konzerte der Trillerpfeifen verstummt und die Hörsäle geräumt, teils unter Zwang. Nach dem Abflauen der Bildungsproteste vom vergangenen Herbst ist es - zumal in den Semesterferien - ruhiger geworden an den deutschen Hochschulen.

Das Gros der Studenten scheint abzuwarten, was die von Politik und Universitäten angekündigten Verbesserungen der Bologna-Reform, also der Umstellung auf die Abschlüsse Bachelor und Master, bringen. Und kürzlich haben die Kultusminister der Länder abermals Korrekturen versprochen, man nehme die Klagen über Prüfungslast und Stofffülle im Bachelor-Studium ernst. Zugleich stellte der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Ludwig Spaenle (CSU), klar: "Im Bologna-Prozess gibt es keinen Weg zurück."

Das sehen auch die Bildungsminister der mittlerweile 46 Bologna-Staaten so. Bei einer Jubiläumskonferenz in Wien und Budapest werden sie von diesem Donnerstag an Bilanz ziehen über die Reform, die vor zehn Jahren eingeleitet wurde. Dass dabei Kasachstan als 47. Bologna-Unterzeichner aufgenommen werden soll, dürfte fast eines der deutlichsten Ergebnisse werden. Denn zu erwarten ist von der Konferenz vor allem eines: eine Bilanz mit viel Eigenlob.

Mehr auf kritische Stimmen hören

In dem Entwurf der Abschlusserklärung heißt es, die europaweiten Studentenproteste hätten die Politik daran erinnert, dass einige Ziele der Reform noch nicht vollständig umgesetzt oder erklärt worden seien. Man wolle künftig mehr auf kritische Stimmen hören.

Pünktlich zur Konferenz hat zudem die European University Association (EUA), der Verband der Universitäten des Bologna-Raums, eine Studie veröffentlicht, die EUA-Präsident Jean-Marc Rapp den Ministern vorstellen wird. 820 Universitäten und 27 nationale Verbände wurden dazu befragt: 58 Prozent sehen die Einführung von Bachelor und Master "sehr positiv", 38 Prozent sprechen von "gemischten Ergebnissen". In vielen Ländern müssten noch Studieninhalte entschlackt und die Mobilität der Studenten verbessert werden.

"Missinterpretiert und verdreht"

Zudem zeige sich, dass oft der Master als Standard-Abschluss für den Arbeitsmarkt gilt; Architekten oder Pharmazeuten etwa hätten europaweit mit dem Bachelor wenig Chancen. Dennoch beurteilen insgesamt nur 0,1 Prozent der Befragten die Reform als grundsätzlich "negativ". Die Umstellungsquote auf die neuen Abschlüsse liegt mittlerweile bei 95 Prozent, 53 Prozent waren es im Jahr 2003. Man habe eine "solide Architektur" geschaffen, sagt EUA-Präsident Rapp.

Ligia Deca sieht das anders. Die Vorsitzende des internationalen Studentenverbands ESU sagt, der Bolognaprozesses werde von den Regierungen "missinterpretiert und verdreht". Bessere Bedingungen und mehr Mobilität für Studenten - diese Ziele seien oft propagiert, aber nicht erreicht worden. Österreichische Studentenverbände haben an diesem Donnerstag zu Demonstrationen aufgerufen.

Alternativgipfel in Wien

Die Minister "laden zum Sektempfang in die Wiener Hofburg und wollen zum Jubiläum des Bologna-Prozesses eine katastrophale Hochschulreform feiern", heißt es im Aufruf der Veranstalter, die mehr als 1500 Studenten aus Europa erwarten. Tatsächlich habe die Reform zu sozialer Selektion und einer Ausrichtung des Studiums an Wirtschaftsinteressen geführt. Die Studenten planen, den Ministern den Zugang zur Hofburg zu blockieren. Am Freitag und Samstag soll es einen Alternativ-Gipfel auf einem Wiener Campus geben.

Die deutschen Bildungsstreik-Organisatoren haben zur Reise nach Wien aufgerufen. Größere Proteste hierzulande sind aber erst im Sommer zu erwarten. Ein Treffen von Verbänden und Hochschulgruppen hat den Juni zur Aktionszeit auserkoren. Denn der Unmut ist nicht verschwunden: Kürzlich hatten Konstanzer Forscher ermittelt, dass zwar zwei Drittel der Studenten den Grundgedanken von Bologna befürworten, die Mehrheit aber mit der Umsetzung hadert.

Gerechter Master?

Nicht zuletzt beunruhige sie die ungelöste Master-Frage: Ist eine Beschränkung des Master-Zugangs, wie sie teils stattfindet, gerecht? Und reicht der Bachelor für den Beruf? Wenn nicht, dann hätten diejenigen Kritiker recht, die in Bachelor-Absolventen nach wie vor "zertifizierte Studienabbrecher", und "halb-akademisches Proletariat" sehen.