Von Dagmar Deckstein

Von Massenentlassungen und Bewerbermangel: Warum IT-Serviceanbieter Mitarbeiter entlassen und zugleich hochqualifizierte Fachkräfte suchen.

Es ist erst wenige Jahre her, da stritt man in Deutschland über den Wahlkampfslogan "Kinder statt Inder", womit der heutige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, reüssieren wollte. "Inder" standen als Synonym für die so genannte Greencard-Initiative der rot-grünen Bundesregierung, mit der Softwareexperten aus dem außereuropäischen Ausland angeworben werden sollten. Unternehmen und ihre Verbände erzeugten damals - in den Hochzeiten der "New Economy" - kollektive Panik mit ihrer Warnung, es würden in Deutschland viel zu wenige IT-Fachkräfte ausgebildet, um den Bedarf der schnell wachsenden Internet- und Softwarebranche zu decken. Im Jahr 2000 hatte die Bundesregierung deswegen das "Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs" in Gang gesetzt.

Headhunter, IT-Experten, Arbeitsmarkt

Rückblick auf die Greencard-Zeit: Headhunter auf Bewerbersuche. (© )

Anzeige

Zu teuer

Fünf Jahre später erweist sich der Aktionismus nur noch als Ironie der Geschichte. Jetzt machen die Großen der Branche unter umgekehrten Vorzeichen Schlagzeilen: Allen voran IBM, Hewlett Packard und Siemens Business Services (SBS), bei denen Tausende IT-Fachkräfte vor der Entlassung stehen oder bereits die Auflösungsverträge in den Händen halten.

Um die 20 Prozent der Beschäftigten sind zu viel an Bord, haben die Konzernzentralen dieser drei größten IT-Dienstleister ausgerechnet, auch wenn die endgültigen Zahlen noch nicht auf dem Tisch liegen. Wie konnte es innerhalb von fünf Jahren vom angeblich wachstumshemmenden IT-Fachkräftemangel zur renditezehrenden IT-Fachkräfteschwemme kommen?

Wie überall in der traditionellen Industrie schreitet auch bei den IT-Dienstleistern der Trend voran, dass einfache, standardisierte Arbeit in Deutschland zu teuer wird und im Ausland - etwa in Indien oder Osteuropa - billiger erledigt werden kann. Seien es reine Programmierleistungen oder die Wartung von Rechenzentren der Auftraggeber, solcher Standardservice bringt wegen des anhaltenden Preisdrucks zumindest den großen Konzernen nicht mehr die geforderten Margen.

Die IT-Dienstleister stehen also zur Zeit vor einer ähnlichen Entwicklung, der sie ihre eigene Existenz zu verdanken haben. Immer mehr Unternehmen - zunächst in den USA, später auch in Europa - lagerten via "Outsourcing" ihre internen Dienstleistungen wie etwa das Rechnungs- und Personalwesen, Einkauf oder Informationstechnik an externe Dienstleister aus. Dadurch erhöhten sie ihre Produktivität. Die IT-Dienstleister wiederum konzentrieren sich auf das höherwertige, profitable Geschäft.

Branchenexperte Andreas Burau, Vorstand des Forschungs- und Beratungsinstituts Experton in Ismaning, beobachtet seit Jahren den einschlägigen Markt, dessen Gesamtvolumen er allein in Deutschland auf 30 Milliarden Euro taxiert. 7000 Anbieter tummeln sich auf diesem Markt. Zu den Großen gehören neben IBM, HP, und SBS zum Beispiel auch EDS, CSC, Cap Gemini, Ernst&Young, Atos oder Accenture.

Ohne "Global Delivery", wie das in der IT-Umgangssprache heißt, seien solche Anbieter in Deutschland nicht mehr überlebensfähig, erklärt Burau: "Ob Rechnerinstallation, Überwachung oder Anpassung von Applikationen - solche eher einfachen Tätigkeiten sind in Osteuropa oder Asien ebenso gut und billiger zu erledigen." Das ist auch der Hintergrund dafür, dass IBM die beiden Rechenzentren in Schweinfurt und Hannover schließt, wovon 580 Mitarbeiter betroffen sind. "Mit solch stark standardisierten Leistungen ist einfach kein Geld mehr zu verdienen", weiß Burau.

Zudem reagieren die großen Konzerne oft zu langsam auf den wachsenden Preisdruck. So habe die Siemens-Tochter SBS noch mehr Probleme mit langjährigen Mitarbeitern, die Aufgaben erledigen, die heute nicht mehr zum so genannten High-End gehören. Derzeit schreibt SBS rote Zahlen. Vom ehrgeizigen Renditeziel des Konzerns von fünf bis sechs Prozent ist die Sparte meilenweit entfernt.

Wachstum erwartet

Das Ende der Fahnenstange dürfte mit den jetzt angekündigten Entlassungen noch nicht erreicht sein. Für die Bereiche Software- und IT-Services schätzen die Deutsche Bank und die Unternehmensberatung A.T. Kearney, dass bis 2008 zwischen 50.000 und 130.000 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen könnten. Auf der anderen Seite aber herrscht Mangel an hochqualifizierten Mitarbeitern, die Projekte managen können sowie über spezielle Kunden- und Branchenkenntnisse verfügen. Nicht von ungefähr kaufte sich zum Beispiel IBM mit der Beratersparte von PricewaterhouseCooper solches Spezialwissen dazu. Klassisches Programmieren, einfache Wartungsaufgaben dagegen wandern in billigere Weltgegenden aus.

Wachsen wird der Markt für IT-Dienstleistungen dennoch. Der Branchenverband Bitkom rechnet mit 2,6 Prozent in diesem Jahr. Der fortschreitende Trend zum Outsourcing (Outside Resource Using), der inzwischen auch den Mittelstand erfasst hat, trägt dabei stark zum Wachstum dieses Marktsegments bei. Aber die Bremse Fachkräftemangel schon könnte die nächste "Greencard"-Debatte auslösen. "Gelingt es nicht, mehr junge Menschen für einschlägige Studiengänge zu begeistern, werden die Unternehmen in Zukunft verstärkt ausländische Fachkräfte einstellen oder Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland verlagern müssen - weil die Experten im deutschen Arbeitsmarkt fehlen", warnt Bitkom.

Leser empfehlen 

(SZ vom 25.10.2005)