Keine Zeit? Warum eigentlich? "Unsere Freiheit über Zeit zu entscheiden, war noch nie so groß wie heute", sagt der Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler. Ein Interview darüber, wie man dem Zeitstress entkommt.
Karlheinz Geißler, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München, forscht über die Zeit. Nicola Holzapfel sprach mit ihm über den wachsenden Zeitdruck in unserer Gesellschaft und die Möglichkeiten, sich ihm zu entziehen.
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Der amerikanische Stummfilmstar Harold Lloyd hängt an einem Uhrzeiger in "Safety Last". (© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Wir wollen über Zeit sprechen. Viele haben ja das Gefühl, sie hätten keine oder zu wenig ....
Karlheinz Geißler: Sie haben natürlich nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun. Zeit kommt ja immer neue nach. Die Frage ist doch eher: "Was kann ich dagegen tun, dass ich so viel zu tun habe?". Die Antwort heißt: Verzichten. Das ist die einzige Lösung. Darauf verzichten, Geld zu verdienen oder auf Möglichkeiten des Konsums verzichten. Keiner kann das ganze Leben leben, sondern nur einen kleinen Teil von ihm. Wer das ganze Leben leben will, ertrinkt in Hetze.
sueddeutsche.de: Wir setzen uns also selber unter Druck, weil wir zu viel wollen?
Geißler: Wir setzen uns selber unter Druck, weil wir dafür belohnt werden: durch Waren, durch mehr Einkommen und Möglichkeiten, in der Freizeit zum Beispiel durch Erlebnisreichtum.
Auf der anderen Seite ist es ja nicht nur der Einzelne, der sich Zeitdruck macht, sondern unser Wirtschaftssystem verlangt das. Denn es verrechnet Zeit in Geld. Unser Wirtschaftssystem wächst dann, wenn wir mehr Zeit in Geld umsetzen oder in kürzerer Zeit mehr Geld machen können.
sueddeutsche.de: Viele begegnen dem Zeitdruck, indem sie möglichst viel gleichzeitig machen.
Geißler: Das ist eine ganz neue Entwicklung. Wir versuchen schneller zu werden durch Vergleichzeitigung und nicht mehr nur durch Schnelligkeit. Denn die Schnelligkeit ist weitgehend ausgereizt. Wir haben 200 Jahre lang versucht, immer schneller zu werden. Das ist uns ja auch sehr gelungen - von der Eisenbahn bis heute zur Rakete. Aber jetzt sind wir am Ende dieser Schnelligkeit angelangt. Schneller als Lichtgeschwindigkeit können wir nicht mehr werden.
Und da sind wir auf die Idee verfallen, nicht mehr schneller zu werden, sondern über Zeitverdichtung zu beschleunigen und mehr gleichzeitig zu machen, weil wir ja nicht wollen, dass die Wirtschaft und unser Wohlstand schrumpfen.
sueddeutsche.de: Wohin wird uns das führen?
Geißler: Wir entwickeln uns zu einer Gesellschaft, die quasi rund um die Uhr aktiv ist.
Eine Gesellschaft, die nicht mehr warten kann, die keine Pausen mehr kennt, die auch irgendwann keinen Sonntag mehr kennt, unter anderem weil sich die Ladenöffnungszeiten ändern.
Das führt zu erhöhtem Zeitdruck und natürlich wird auch der Stress größer.
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