Despoten in der Chefetage machen nicht nur ihren Mitarbeitern das Leben schwer, sondern schaden auch der Firma. Der Wirtschaftspsychologe Wolfgang Scholl erklärt, wie Macht korrumpiert.
Oft mindern Chefs mit ihrer Selbstherrlichkeit auch die Produktivität von Abteilungen und Projektgruppen- und schaden dem Geschäftserfolg. Das hat Wolfgang Scholl, Wirtschaftspsychologe an der Humboldt-Universität Berlin, in Studien nachgewiesen. Er erklärt, welcher Führungsstil einem Unternehmen besser bekommt.
Der Chef in einer Konferenz: Ihre mangelnde Einsicht führt zur Verstärkung des Falschen. (© Foto: iStock)
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SZ: Sie behaupten, dass Führungskräfte durch falschen Umgang mit der Macht sich selbst und dem ganzen Unternehmen schaden können. Wie das?
Wolfgang Scholl: Macht ist zunächst einmal ein Potential, mit dem man etwas bewirken kann. Über Macht verfügt, wer zum Beispiel mehr weiß als andere oder wer qua Position weisungsbefugt ist, also in der Hierarchie höher steht und belohnen oder bestrafen kann. Die Frage ist nun: Wie nutzt der Mächtige dieses Potential? In Studien haben wir festgestellt, dass der Misserfolg von Innovationsprojekten häufig darauf zurückzuführen ist, dass hochrangige Persönlichkeiten Macht ausgeübt haben - statt Einfluss zu nehmen.
SZ: Was ist denn der Unterschied zwischen Machtausübung und Einflussnahme?
Scholl: Macht übt aus, wer seine Interessen gegen andere durchsetzt. Einfluss nimmt, wer seine Interessen in Einklang mit den Interessen aller Beteiligten bringt - und möglicherweise Wege und Ziele modifizieren muss, weil er einsieht, dass sein Plan zwar schön und gut war, die Mitarbeiter aber zu Recht die Praxistauglichkeit anzweifeln oder ihre persönlichen Interessen verletzt sehen
SZ: "Einflussnahme" ist also keine Verniedlichung des im Grunde unumstößlichen Machtgefüges?
Scholl: Ganz und gar nicht. Wer Einfluss nimmt, praktiziert einen partizipativen Führungsstil. Und der zahlt sich am Ende aus: Die Mitarbeiter, die in strategische Ziele eingeweiht sind und sich in ihren fachlichen und persönlichen Problemen ernstgenommen fühlen, werden viel umsichtiger an ihre Aufgabe herangehen. Der Chef, der seinen Wissensvorsprung nicht preisgibt und auf Teufel komm raus seine Vorstellungen durchdrückt, wird das Projekt eher vor die Wand fahren, weil sie nicht dazulernen. Und es kommt noch schlimmer: Die mangelnde Einsichtsfähigkeit solcher Personen eskaliert oft in der Verstärkung des Falschen. Sie setzen immer mehr und skrupellosere Mittel ein, um den richtig geglaubten Weg weiterzugehen, statt rechtzeitig einzulenken.
SZ: Kann nicht auch der Mitarbeiter Einfluss auf den da oben nehmen?
Scholl: Klar. Aber das wird er nur tun, wenn er auf einen konstruktiven Gesprächspartner trifft. Dann wird er seinen Chef darüber informieren, wenn irgendetwas nicht rund läuft und womöglich schon Verbesserungsvorschläge in petto haben. Wer dagegen einen "Bombenwurfstil" pflegt, darf auf Tipps aus der Belegschaft nicht hoffen. Den wird man auflaufen lassen. Probleme werden ihm gegenüber verschwiegen oder beschönigt, um der Gefahr auszuweichen, für Fehler verantwortlich gemacht zu werden - die bei einem partizipativen Führungsstil so womöglich gar nicht aufgetreten wären.
SZ: Sind sich die Despoten dieser Konsequenzen bewusst?
Scholl: Wahrscheinlich nicht. Es ist belegt, dass Personen in hohen Positionen stärker als andere Menschen dazu neigen, Misserfolg der Situation zuzuschreiben, Erfolg aber sich selbst.
(SZ vom 15.12.2007/bön)
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