Ob Studium oder Job: Über ihren Abischnitt stolpern Bewerber noch Jahre nach der Schule. Warum so viel Wert auf Noten gelegt wird und welche Alternativen es für die Personalauswahl gibt.

Professor Heinz Schuler vom Institut für Sozialwissenschaften der Uni Hohenheim untersucht und entwickelt eignungsdiagnostische Verfahren. Nicola Holzapfel sprach mit dem Psychologen über die Bedeutung der Abinote für Studium und Beruf.

Abiturienten in Halle

Die Abiprüfungen sind irgendwann vorbei, die Note bleibt: Abiturienten in Halle. (© Foto: ddp)

Anzeige

sueddeutsche.de: Egal ob man sich um einen Ausbildungs-, Studienplatz oder Job bewirbt: Fast immer spielt das Abizeugnis eine Rolle. Was sagen die Noten denn überhaupt aus?

Heinz Schuler: Zunächst einmal geben die Schulnoten darüber Auskunft, was jemand gelernt hat und wiedergeben kann. Aber es steckt mehr dahinter. Denn wie kommt es dazu, dass ein Schüler eine gute oder schlechte Abiturnote erwirbt?

Empirische Untersuchungen zeigen einen relativ hohen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Noten. Interessanterweise ist das eine asymmetrische Beziehung.

Einerseits gilt, dass ein Schüler, der ein Abitur mit einem glatten Einser schafft, auf alle Fälle zu den mindestens durchschnittlichen, meistens überdurch-schnittlichen und in vielen Fällen sogar hochbegabten Jugendlichen gehört. Auf der anderen Seite gibt es auch Hochbegabte, die in der Schule durchgefallen sind oder die Schule abgebrochen haben.

Es muss also neben der Intelligenz noch etwas anderes geben, das den Schulerfolg mit determiniert. Da ist zum einen die psychische Stabilität: Manche scheitern daran, dass sie zu viel Angst haben, Prüfungsangst oder Angst vor der Schule überhaupt. Manche Schüler arbeiten nicht planvoll und sorgfältig genug oder sie sind nicht beharrlich und ausdauernd genug. Andere lassen sich vielleicht schnell für etwas entflammen, begreifen es auch schnell, verlieren dann aber bald die Lust daran.

Kreative Jugendliche haben manche Eigenschaft, die sie nicht dafür prädestiniert, gute Schüler zu werden. Sie sind zum Beispiel eigenwillig, passen sich meistens nicht so gern an und gehen lieber ihren eigenen Ideen nach. Sie sind oft auch introvertiert und deshalb nicht so sehr klassen- und gruppentauglich.

Dabei wird die Kreativität ansonsten sehr geschätzt. Sie ist in vielen Berufen wichtig und auch für unsere weitere geistige und wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung.

sueddeutsche.de: Haben die Hochschulen und Arbeitgeber dennoch Recht, bei Bewerbern aufs Abiturzeugnis zu schauen?

Schuler: Wenn sie nichts Besseres haben: ja. Aufgrund der Schulnoten lassen sich andere Lernleistungen vorhersagen.

Die Prognose für den späteren Studienerfolg aufgrund der Abiturnote ist nicht schlecht, weil ähnliche Leistungen verlangt werden.

Es geht darum, vorgegebenen Stoff in einem vorgegebenen Zeitraum zu bewältigen, sich in einer Struktur einzufinden, Anpassungsbereitschaft zu zeigen, manches allein zu tun, aber auch in Gruppen lernen zu können. Auch die Leistungsmotivation, die man dafür braucht, ist ähnlich.

Die Entscheidung, im Zweifelsfall die Abiturnoten als Zulassungskriterium fürs Studium zu nehmen, ist also nicht verkehrt. Aber auch da kann man sich irren. Ein Student kann zum Beispiel die Freude am Lernen erst bei einem selbst gewählten Thema entdecken und dann viel bessere Leistungen erbringen als in der Schule. Andere werden schlechter. Zum Beispiel, weil sie die nötige Selbstständigkeit nicht aufbringen. Oder weil sie den Studienort wechseln müssen und nicht emotional stabil genug sind, alleine in einer anderen Stadt zu leben.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Schulnoten werden immer eine Rolle spielen"
  2. "Schulnoten werden immer eine Rolle spielen"
Leser empfehlen