Stern: Ich würde es nicht als Experiment bezeichnen. Sie wussten, was sie taten, und sie hatten Vertrauen in mich.

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SZ: Wer hat bestimmt, was Sie lernen?

Stern: Ich ganz allein. Das lief alles spielerisch ab. Mit der Kreiszahl Pi kam ich zum Beispiel in Kontakt, weil ich wissen wollte, welche Strecke mein Lego-Technik-Auto pro Radumdrehung zurücklegt. Es kam vor, dass bestimmte Dinge - Autos, Lokomotiven, Hieroglyphen, Proust, Brahms oder die Gitarre - so in den Vordergrund traten, dass sie für eine Weile mein Leben bestimmten. Das konnte Tage, Monate, sogar Jahre dauern. Die absolute Konzentration, die Emotionen, die ich da erlebt habe, sind für mich die eindrücklichsten Momente meiner Kindheit.

SZ: Haben Sie keine festen Strukturen vermisst?

Stern: Die gab es. Jeder Wochentag stand für etwas Bestimmtes. Montags Fotografie, dienstags Algebra, mittwochs das Malen bei Papa im Malort. Und wo es keine Strukturen gab, habe ich mir selbst welche geschaffen. Die Gewohnheit, stets morgens um sechs Uhr aufzustehen und Gitarre zu üben, habe ich schon mit zehn Jahren eingeführt und halte mich heute noch daran. Sprachen habe ich nach dem Frühstück gelernt. Nur für Deutsch habe ich mit 18 so eine Passion entwickelt, dass ich sechs Stunden am Tag gelernt habe. Nach einem halben Jahr hatte ich das Buch mit seinen 150 Lektionen durch.

SZ: Sie konnten sich ja für ziemlich viele Dinge begeistern. Das ist ganz sicher nicht bei jedem Kind so.

Stern: Mein Weg ist kein Patentrezept. Aber ich glaube, den natürlichen Lerntrieb hat jedes Kind in sich, er wird nur oft von der Umwelt unterdrückt. Trotzdem bin ich kein Schulfeind. Ich möchte niemanden bekehren, sondern nur zeigen, dass man ohne Schule nicht zwangsläufig asozial oder arbeitslos wird.

SZ: Sie haben gleich mehrere Berufe - Musiker, Gitarrenbauer, Journalist - aber keinen Abschluss ...

Stern: Ich habe eben mit Kompetenz gepunktet, nicht mit Qualifikation. Bei uns in der Familie hat es nie eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gegeben. Mit 17 habe ich für einen Gitarrenauftritt zum ersten Mal Geld bekommen. Wahrscheinlich war das mein Einstieg ins Berufsleben. Bei meiner Schwester war das ähnlich. Sie ist heute Schauspielerin.

SZ: Haben Sie heute Wissenslücken?

Stern: Wer hat die nicht? Aber das sind keine Löcher, die sich nicht stopfen lassen. Ich empfinde es nicht als Drama, etwas nicht zu wissen, sondern als Bereicherung. Was mir fehlt, neulich zum Beispiel Hebräisch, versuche ich, mir anzueignen.

SZ: Wenn Sie Kinder hätten, würden Sie die dann in eine Schule schicken?

Stern: Nein, ich will ihnen die gleichen Möglichkeiten geben, die ich hatte. Außer natürlich, sie wollen in die Schule.

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  1. "Man wird ohne Schule nicht asozial"
  2. Sie lesen jetzt Feste Strukturen und Begeisterung
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(SZ vom 07.04.2009/mri)