sueddeutsche.de: Die Erfolgsschiene hat also Grenzen?

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sueddeutsche.de: Die Erfolgsschiene hat also Grenzen?

Gross: Durchaus. Und das ist eben auch für das eigene Lebensglück wichtig: Zu erkennen, dass es im Leben nicht nur vorwärts geht, sondern dass auf zwei Schritte nach vorne, einer nach hinten folgt und dann einer zur Seite. Man muss auch in Bezug auf die Zielerreichung in bestimmten Fällen Abstriche machen können und sollte nicht die Erwartung haben, dass alles in völliger Perfektion läuft, und das auch noch wie von selbst.

sueddeutsche.de: Man darf also keine zu hohen Erwartungen haben?

Gross: Hohe Erwartungen an sich sind sicher nichts Negatives, im Gegenteil, sie motivieren einen ja auch. Man sollte aber darauf achten, seine Erwartungen immer auch anhand der Realität zu überprüfen. Die Ansprüche sind heute oftmals zu hoch. Wer noch aus der Kriegsgeneration kommt, hat ja ein ganz anderes Weltbild. Viele Probleme, über die heute stark geklagt wird, erscheinen ihm als reine Nichtigkeit. Er geht mit einer anderen Erwartungshaltung ran. Während die Menschen, die in der Boomzeit aufgewachsen sind, eher der Ansicht sind, es müsste immer so weitergehen. Denken Sie an den Aktienboom. Als die Kurse nach oben gingen, hat so mancher geglaubt, er wird Millionär ohne arbeiten zu müssen. Entsprechend groß war die Enttäuschung.

Auch der Anspruch, dass die Dinge immer ganz schnell gehen müssen, ist falsch. Ein Beispiel ist die Karriere. Sie wird von vielen von uns als Sprintstrecke geplant und anschließend als Dauermarathon durchlaufen. Speziell die Berufsanfänger gehen mit großem Enthusiasmus an die Dinge und sehen auch schon kleine Erfolge als Riesenfortschritt an. Irgendwann gerät die Entwicklung dann aber ins Stocken und schon kommt es zur großen Verzweiflung.

Das Entscheidende dabei: Wer auf solche Entwicklungen vorbereitet ist, wer sich darauf einstellt, dass die Dinge nicht so schnell laufen, wie man zu Anfang vielleicht hofft, der wird mit den Herausforderungen des Berufsleben natürlich auch viel gelassener umgehen können. Er wird sich von einem Engpass oder einer Schwierigkeit nicht entmutigen lassen, sondern umso entschlossener um seine Ziele kämpfen.

sueddeutsche.de: Also gilt es bescheidener zu sein?

Gross: Man muss eine gesunde Mischung finden, aus Enthusiasmus und hohen Zielen einerseits und ein wenig mehr Bescheidenheit und Realitätssinn andererseits. Man sollte also erkennen, dass man nicht der Einzige auf der Welt ist, der bestimmte Ziele hat und Kompromisse eingehen muss, dass man auch einmal Rückschläge zu akzeptieren hat. Insbesondere sollte man sich seine Wertschätzung erhalten für das, was man bereits erreicht hat und was im eigenen Leben im Augenblick alles positiv läuft. Das Positive wird viel zu häufig übersehen.

sueddeutsche.de: Ist es denn schwieriger geworden, ein glückliches Leben zu führen?

Gross: Ja, unter anderem deshalb, weil die beruflichen Herausforderungen doch enorm gestiegen sind. Man hat heute fast keinen Spielraum mehr. Entweder man macht die Dinge im Berufsleben mit vollem Einsatz oder man lässt es ganz sein. Der Konkurrenzdruck ist sehr hoch. Und dies raubt einem wiederum die Zeit und die Kraft, auch an die privaten Dinge ranzugehen. Man ist so sehr verstrickt im Berufsleben, dass fast alles andere unterzugehen droht. Und das erschwert es natürlich, das Leben zu führen, das man sich in Wahrheit wünscht.

sueddeutsche.de: Wie kann es denn gelingen, Privat- und Berufsleben besser zu vereinbaren?

Gross: Indem man erkennt, dass das Privatleben nicht ein Anhängsel des Berufslebens ist. Es ist ein eigenständiges Aufgabengebiet, bei dem man genauso umsichtig vorzugehen hat wie im Beruf. Und indem man nicht wegen der Arbeit die Dinge im Privaten aufschiebt - so nach dem Motto: Ich konzentriere mich die nächsten 30 Jahre nur auf meine Karriere und wenn ich alles erreicht habe, dann fange ich vielleicht auch einmal an, im Privaten zu leben. Das ist nicht der richtige Ansatz.

Ein anderer entscheidender Punkt ist die Qualität des Umgangs mit seinem privaten Partner. Wie aufmerksam verhält man sich ihm gegenüber, wie sehr geht man auf den anderen ein, was trägt man Positives zu seiner Stimmung bei, wie deutlich zeigt man ihm, wie wichtig er einem ist? Und sicherlich lässt sich auch die Zeit, die man mit seinem Partner verbringt, klüger nutzen, als jeden Abend gemeinsam vor dem Fernseher zu hocken. Gerade hier ist Lebenskunst wichtig und hilft enorm.

sueddeutsche.de: Also muss man dem Privaten wieder einen höheren Stellenwert geben?

Gross: Ja, denn wer sich das Private zerstört, wird auf lange Sicht auch im Beruf nicht das erreichen können, was er sich vornimmt. Weil man das Privatleben als Ausgleich und als Kraftquelle braucht. Und weil man insbesondere auch sich selbst gegenüber einen Anspruch darauf hat, ein, so weit es eben möglich ist, erfülltes Privatleben zu führen. Der Beruf ist wichtig, aber er ist eben nur ein Teilbereich des Lebens.

Das Buch "Life Excellence" von Stefan F. Gross ist im Hanser Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

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